Die Kampagne für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 rollt – mit einem Bahn-Chef, der Zug fährt, und Erwin Teufel, der zweifelt.

Seite Drei: Dieter Fuchs (fu)

Stuttgart - Ein Klapptisch bereitet Unruhe. Seit einer Stunde stehen die beiden Lager Rücken an Rücken auf dem Reutlinger Marktplatz, ihre Stände direkt nebeneinander. Da stellen zwei junge Männer von der Grünen-Jugend am anderen Ende des großen Befürworterpostens ihr Campingmöbel auf und legen Flyer darauf. Die S-21-Aktivisten schwärmen aus, bilden ein Spalier, hinter dem die grünen Jungs verschwinden. Der Scheinfrieden von Reutlingen ist wieder hergestellt.

"Die Pro- und Kontra-Stände stehen oft nebeneinander", berichtet Rudolf Welte vom Verein Interessengemeinschaft Bürger für Stuttgart 21. Meist sei das kein Problem. Man ignoriert sich. Seit Oktober ist er in dreizehn Städten des Landes unterwegs gewesen, um vor der Volksabstimmung für den Tiefbahnhof zu werben - "je weiter weg von Stuttgart, desto entspannter die Stimmung". Beschimpft werde er nur in der Landeshauptstadt.

Es geht in diesem Wahlkampf nicht mehr darum, irgendjemanden umzustimmen. Die Meinungen stehen bombenfest. Das eigene Lager soll mobilisiert und der Stimmzettel erklärt werden. Viele Proaktivisten, innerlich gezeichnet von der Härte und Dauer des Streites über das Bahnprojekt, hoffen, zusammen mit vielen, die sie ansprechen, auf eine endgültige Entscheidung am Tag der Abstimmung. Ihnen geht es darum, die Mehrheit der Stimmen zu bekommen, unabhängig vom Quorum. Andernfalls, befürchten sie, gehe die Auseinandersetzung weiter. "Nach dem 27. November ist für mich jedenfalls Schluss", sagt auch Welte. Er mag nicht mehr und ist damit nicht der Einzige.

Hin und wieder verweilt in Reutlingen ein Passant vor dem Stand. Manche wollen einfach ihren Kropf leeren über Stuttgart, Griechenland und die Sünden der 68er. Anderen fehlen die Grundlagen: "Wenn Sie für den neuen Bahnhof sind, müssen Sie mit Nein stimmen", erklärt der Stuttgarter IG-Bürger-Aktivist Michael Gärtner immer wieder. Schließlich kommen einige, die den Schock nach der politischen Eskalation wegen Stuttgart 21 offensichtlich noch nicht verwunden haben. "In welchem Land leben wir eigentlich?", empört sich eine Passantin. "Jeder soll ja seine Meinung haben, aber bitte mit Respekt. Der ist längst verloren gegangen."

Gelegentlich piesackt man sich

Am Ende ist Welte zufrieden mit der ersten Station des Tages und scheucht seine Leute zum Bahnhof. Die Reutlinger haben sie freundlich aufgenommen, und er hat mit seinen sechs Mitstreitern viele Flugblätter unter die Leute gebracht. Die IG Bürger sind Teil einer vielschichtigen Kampagne für Stuttgart 21. Weltes Verein mit seinen 150 Aktiven zieht zusammen mit den örtlichen Aktionsbündnissen in den Straßenkampf, mit Biertischen, Flugblättern und Ansteckern. Ein weiterer Verein, Pro Stuttgart 21, versammelt politische Prominenz und größere Spenden. Die Bahn versorgt sie mit Material und betreibt das Infomobil, ein luxuriöser rollender Infostand für das Projekt, in dem jetzt auch erklärt wird, wo man sein Kreuz machen soll. Die Parteien, manche mehr, manche weniger, mobilisieren ihre Leute. Die Region und die Wirtschaft schließlich helfen mit Geld aus, etwa für Werbefilme.

Alle Akteure sind mit feinen Fäden miteinander verwoben. Mal nutzt die Junge Union das S-21-Logo der Bahn, mal baut sie einen Stand für die IG Bürger, die wiederum zusammen mit dem Infomobil auf Werbetour gehen. Andererseits produzieren viele Ortsvereine und Aktionsbündnisse ihr eigenes Werbematerial - ein großes Nebeneinander, das Vielfalt darstellen soll. Kooperationen sind eher zufällig, Terminabsprachen selten. Pro Stuttgart 21 veröffentlicht nicht einmal die Termine der eigenen Vorständler. Man habe nicht genug Leute, heißt es dort, und der Startschuss für die Kampagne sei erst sehr spät gefallen. Man musste eben auf CDU und FDP warten, die bis Ende September nicht wussten, ob sie die Volksabstimmung mitmachen wollten. Der Aktivist Rudolf Welte sagt dazu nur: "Wir haben uns vorbereitet, andere haben es verschlafen." Die Junge Union sei am kampagnenfähigsten, die SPD falle praktisch ganz aus.

Schweigsam läuft Weltes Truppe vom Tübinger Bahnhof in die Innenstadt. Anders als in Reutlingen, wo die lokale Politprominenz sich auf die Füße trat, werden sie auf dem Holzmarkt nur von zwei Jungunionisten erwartet. Sie wissen: es wird nicht einfach hier. Die meisten der Gruppe könnten auch auf der anderen Seite stehen. Der Ingenieur Welte, SPD-Wähler, 61 Jahre alt, ein ernsthafter, vernünftiger Mann mit einem Häuschen unterhalb des Killesbergs, kennt viele Gegner von S 21. Was ihn unterscheidet, ist sein Vertrauen in die Macher des neuen Bahnhofs und in ihre Pläne. Er glaubt an das Parlament, die Bahn, die Architekten, die Ingenieure, "so bin ich aufgewachsen".

In Tübingen hört Weltes Truppe oft nur: "Geht doch weg!" Hier wie anderswo bleiben die Lager eher unter sich. Gelegentlich piesackt man sich. Weil auf dem Infomobil der Bahn, getragen vom Verein Bahnprojekt Stuttgart-Ulm, das Landeswappen prangt, holte ein Tübinger vor zwei Wochen die Polizei, die jedoch diesen Streit nicht entscheiden konnte. Denn die Landesregierung ist weiterhin Mitglied in dem Verein, der für Stuttgart 21 wirbt.

"Man ist ohnmächtig gegen diese Parkschützer"

 Womöglich ist jedoch die Entscheidung in der Hauptsache, dem Volksentscheid, bereits gefallen, entlang der alten Lagergrenzen. In Baden dominiert nach Aussagen vieler Wahlkämpfer die Ablehnung gegen S 21 ebenso wie in den Unistädten und den Grünen-Hochburgen. Entsprechend heiß ist deshalb zum Beispiel das Pflaster in Konstanz für S-21-Fans. Unterm Strich ist Wolfgang Dietrich jedoch zuversichtlich. Er glaubt, dass jenseits der Region vor allem die Parteizugehörigkeit entscheiden werde, "die Fakten zählen wenig". Und weil er die Landtagswahl nicht als politisches Stimmungsbild akzeptiert, glaubt er an die Mehrheit für eine Ablehnung des Ausstiegsgesetzes. Daraus ergibt sich für ihn ein eindeutiges Kampagnenziel: Die eigenen Leute müssen mobilisiert werden. Umstimmen könne man niemand mehr.

Ob dies der Grund ist, weshalb Veranstaltungen nicht übermäßig beworben werden? Oder ist es vielmehr die Angst vor den unberechenbaren Aktionen der Gegner? Wolfgang Dietrich spricht ganz allgemein von Sicherheitsbedenken. Rudolf Welte sagt: "Wir halten die Termine in der eigenen Gruppe." Das beeinträchtige einerseits den Effekt von Veranstaltungen. Andererseits: "Man ist ohnmächtig gegen diese Parkschützer."

Am Samstagmittag, eine Woche nach Weltes Tour durch Reutlingen und Tübingen, dominieren schwarz gekleidete Sicherheitsleute den Bahnhof von Böblingen. Als Bahn-Chef Rüdiger Grube die Treppe hochkommt, staunen die wenigen zahlenden Gäste, von der Polizei abgedrängt, nicht schlecht. Vom "Bürgerbahn-Tag auf der Gäubahn" können sie nichts wissen. Die Fahrt ist nicht öffentlich. Erst zwei Tage zuvor wurde die Aktion offiziell bekannt. Pro Stuttgart 21 hat Grube und eine bunte politische Promitruppe zusammengetrommelt sowie dreihundert Aktivisten eingeladen, letztlich, um den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann auszubremsen. Dessen Behauptung, Stuttgart 21 verhindere den Ausbau anderer Schienenstrecken, wollte man etwas entgegensetzen, sagt Wolfgang Dietrich. Also fährt der Befürwortertross mit der Gäubahn nach Tuttlingen. Die Südbahn und die Rheintalstrecke stehen als nächste Ziele fest.

Rüdiger Grube sucht die Nähe, er begrüßt jeden Aktivisten im Zug persönlich - gut 200 sind gekommen. Es fehlen die Jungunionisten, die zeitgleich ihren Parteitag veranstalten. Die Stimmung ist trotzdem gut, endlich gibt es für das freiwillige Engagement mal Anerkennung statt Prügel. Nur ein paar Nachdenkliche wie Michael Gärtner können ein gewisses Unbehagen nicht unterdrücken. "Die Veranstaltung ist sehr nach innen gerichtet", bemerkt der Architekt, er gehört zu Weltes Interessengemeinschaft. Der 53-Jährige ist seit zwei Jahren dabei, ihn hat die Wut der Gegner aktiv werden lassen. "Der Widerstand hat mich politisiert, dieses Misstrauen. Es mag naiv klingen, aber ich habe ein Grundvertrauen in die Institutionen." Der frühere Grünen-Wähler hat vor zwei Jahren den BUND verlassen und ist heute in der CDU, "als Zeichen des Protests gegen die Selbstgerechtigkeit der Gegner".

Ein Stück von Teufels Lebenswerks

In Horb und Rottweil steigen Grube und die Promis am Bahnsteig kurz aus, begrüßen die örtlichen Würdenträger und fahren weiter. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der CDU-Fraktionsvorsitzende Peter Hauk, sein SPD-Kollege Claus Schmiedel und all die anderen spielen nur Nebenrollen. Eigentlich, sagt eine Bahn-Sprecherin, wolle man bei der Kampagne nicht in der ersten Reihe stehen, schließlich habe man nicht nur das Baurecht, sondern sogar eine Baupflicht. Doch heute ist von Zurückhaltung nichts zu spüren. Grube ist der Stargast und erklärt das so: "Wir sind zwar keine Politiker, aber wir können nicht einfach daneben stehen."

In Tuttlingen am Bahnhof, der wahrlich eine Aufwertung gebrauchen könnte, machen viele ein langes Gesicht. Zuhörer sind fast keine gekommen, die 200 Menschen verlieren sich auf dem großen Bahnhofsvorplatz. Weniger Publikum und mehr Politprominenz geht kaum. Alle sind sie da, um für S 21 zu werben: Grube, der Landtagspräsident Guido Wolf, der Sozialdemokrat Schmiedel, Volker Kauder, Lokalmatador und Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Nur auf einen warten sie noch, einer, der nicht mal auf der Rednerliste steht.

Er ist ihre Lokomotive, seine Zugkraft hat er nie verloren: Plötzlich steigt Erwin Teufel auf das kleine Podium. Er zieht die Blicke an, wird bejubelt, voller Ehrfurcht. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident holt ganz weit aus, berichtet davon, wie alles anfing mit Stuttgart 21. Geradezu leidenschaftlich schildert er alle Vorzüge. Viele Jahre lang, bis 2005, hat er Stuttgart 21 vorangetrieben. Es ist auch ein Stück seines Lebenswerks, dass da auf der Kippe steht. Wie konnte es so weit kommen?

"Wissen Sie", sagt der 72-Jährige, "ich kann das auch nicht verstehen." Die Ratlosigkeit ist ihm ins Gesicht geschrieben, etwas ist ins Wanken gekommen, was längst geregelt schien. "Das war unumstritten, und dann explodiert alles", sagt er und klingt hilflos. "Man muss doch zumindest den Politikern vertrauen, die man lange Jahre kennt."