Volksabstimmung Herr Grube nimmt den Stuttgart-21-Sonderzug

Auf Tour von Böblingen nach Tuttlingen: Bahn-Chef Rüdiger Grube (rechts) und Stuttgarts OB Schuster (Dritter von links) wollen die Bürger für den neuen Bahnhof gewinnen.  Foto: Heiss 3 Bilder
Auf Tour von Böblingen nach Tuttlingen: Bahn-Chef Rüdiger Grube (rechts) und Stuttgarts OB Schuster (Dritter von links) wollen die Bürger für den neuen Bahnhof gewinnen. Foto: Heiss

Die Kampagne für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 rollt – mit einem Bahn-Chef, der Zug fährt, und Erwin Teufel, der zweifelt.

Seite Drei: Dieter Fuchs (fu)
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Stuttgart - Ein Klapptisch bereitet Unruhe. Seit einer Stunde stehen die beiden Lager Rücken an Rücken auf dem Reutlinger Marktplatz, ihre Stände direkt nebeneinander. Da stellen zwei junge Männer von der Grünen-Jugend am anderen Ende des großen Befürworterpostens ihr Campingmöbel auf und legen Flyer darauf. Die S-21-Aktivisten schwärmen aus, bilden ein Spalier, hinter dem die grünen Jungs verschwinden. Der Scheinfrieden von Reutlingen ist wieder hergestellt.

"Die Pro- und Kontra-Stände stehen oft nebeneinander", berichtet Rudolf Welte vom Verein Interessengemeinschaft Bürger für Stuttgart 21. Meist sei das kein Problem. Man ignoriert sich. Seit Oktober ist er in dreizehn Städten des Landes unterwegs gewesen, um vor der Volksabstimmung für den Tiefbahnhof zu werben - "je weiter weg von Stuttgart, desto entspannter die Stimmung". Beschimpft werde er nur in der Landeshauptstadt.

Es geht in diesem Wahlkampf nicht mehr darum, irgendjemanden umzustimmen. Die Meinungen stehen bombenfest. Das eigene Lager soll mobilisiert und der Stimmzettel erklärt werden. Viele Proaktivisten, innerlich gezeichnet von der Härte und Dauer des Streites über das Bahnprojekt, hoffen, zusammen mit vielen, die sie ansprechen, auf eine endgültige Entscheidung am Tag der Abstimmung. Ihnen geht es darum, die Mehrheit der Stimmen zu bekommen, unabhängig vom Quorum. Andernfalls, befürchten sie, gehe die Auseinandersetzung weiter. "Nach dem 27. November ist für mich jedenfalls Schluss", sagt auch Welte. Er mag nicht mehr und ist damit nicht der Einzige.

Hin und wieder verweilt in Reutlingen ein Passant vor dem Stand. Manche wollen einfach ihren Kropf leeren über Stuttgart, Griechenland und die Sünden der 68er. Anderen fehlen die Grundlagen: "Wenn Sie für den neuen Bahnhof sind, müssen Sie mit Nein stimmen", erklärt der Stuttgarter IG-Bürger-Aktivist Michael Gärtner immer wieder. Schließlich kommen einige, die den Schock nach der politischen Eskalation wegen Stuttgart 21 offensichtlich noch nicht verwunden haben. "In welchem Land leben wir eigentlich?", empört sich eine Passantin. "Jeder soll ja seine Meinung haben, aber bitte mit Respekt. Der ist längst verloren gegangen."

Gelegentlich piesackt man sich

Am Ende ist Welte zufrieden mit der ersten Station des Tages und scheucht seine Leute zum Bahnhof. Die Reutlinger haben sie freundlich aufgenommen, und er hat mit seinen sechs Mitstreitern viele Flugblätter unter die Leute gebracht. Die IG Bürger sind Teil einer vielschichtigen Kampagne für Stuttgart 21. Weltes Verein mit seinen 150 Aktiven zieht zusammen mit den örtlichen Aktionsbündnissen in den Straßenkampf, mit Biertischen, Flugblättern und Ansteckern. Ein weiterer Verein, Pro Stuttgart 21, versammelt politische Prominenz und größere Spenden. Die Bahn versorgt sie mit Material und betreibt das Infomobil, ein luxuriöser rollender Infostand für das Projekt, in dem jetzt auch erklärt wird, wo man sein Kreuz machen soll. Die Parteien, manche mehr, manche weniger, mobilisieren ihre Leute. Die Region und die Wirtschaft schließlich helfen mit Geld aus, etwa für Werbefilme.

Alle Akteure sind mit feinen Fäden miteinander verwoben. Mal nutzt die Junge Union das S-21-Logo der Bahn, mal baut sie einen Stand für die IG Bürger, die wiederum zusammen mit dem Infomobil auf Werbetour gehen. Andererseits produzieren viele Ortsvereine und Aktionsbündnisse ihr eigenes Werbematerial - ein großes Nebeneinander, das Vielfalt darstellen soll. Kooperationen sind eher zufällig, Terminabsprachen selten. Pro Stuttgart 21 veröffentlicht nicht einmal die Termine der eigenen Vorständler. Man habe nicht genug Leute, heißt es dort, und der Startschuss für die Kampagne sei erst sehr spät gefallen. Man musste eben auf CDU und FDP warten, die bis Ende September nicht wussten, ob sie die Volksabstimmung mitmachen wollten. Der Aktivist Rudolf Welte sagt dazu nur: "Wir haben uns vorbereitet, andere haben es verschlafen." Die Junge Union sei am kampagnenfähigsten, die SPD falle praktisch ganz aus.

Schweigsam läuft Weltes Truppe vom Tübinger Bahnhof in die Innenstadt. Anders als in Reutlingen, wo die lokale Politprominenz sich auf die Füße trat, werden sie auf dem Holzmarkt nur von zwei Jungunionisten erwartet. Sie wissen: es wird nicht einfach hier. Die meisten der Gruppe könnten auch auf der anderen Seite stehen. Der Ingenieur Welte, SPD-Wähler, 61 Jahre alt, ein ernsthafter, vernünftiger Mann mit einem Häuschen unterhalb des Killesbergs, kennt viele Gegner von S 21. Was ihn unterscheidet, ist sein Vertrauen in die Macher des neuen Bahnhofs und in ihre Pläne. Er glaubt an das Parlament, die Bahn, die Architekten, die Ingenieure, "so bin ich aufgewachsen".

In Tübingen hört Weltes Truppe oft nur: "Geht doch weg!" Hier wie anderswo bleiben die Lager eher unter sich. Gelegentlich piesackt man sich. Weil auf dem Infomobil der Bahn, getragen vom Verein Bahnprojekt Stuttgart-Ulm, das Landeswappen prangt, holte ein Tübinger vor zwei Wochen die Polizei, die jedoch diesen Streit nicht entscheiden konnte. Denn die Landesregierung ist weiterhin Mitglied in dem Verein, der für Stuttgart 21 wirbt.

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