Volksantrag für Rückkehr zu G9 Eltern werben für Wende zum neunjährigen Gymnasium

In acht oder neun Jahren zum Abitur? Darüber wird seit Jahren gestritten. Die Fronten sind teilweise verhärtet. Foto: dpa/Armin Weigel

Der Startschuss ist gefallen: Der Volksantrag für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium läuft. Die Reaktionen reichen von voller Zustimmung bis hin zum Unverständnis.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Man muss nicht lange rätseln, wie die grün-schwarze Koalition den Volksantrag für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium findet: unnötig wie einen Kropf. Zwar haben weder die Grünen noch die CDU oder die Landesregierung so harte Worte für die Elterninitiative „Volksbegehren G9 jetzt!“ gewählt. Aber dass die beiden Koalitionsfraktionen im Landtag gar nicht auf die Vorstellung des Projekts reagiert haben, lässt schon tief blicken.

 

In aller Freundlichkeit hat auch Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) klar gemacht, dass der Vorstoß aus ihrer Sicht unnötig ist: „Wir haben in Baden-Württemberg bereits ein flächendeckendes Angebot, um in neun Jahren zum Abitur zu gelangen“, betonte sie in einer Pressemitteilung und verwies auf 275 öffentliche Schulstandorte, an denen dies bereits jetzt möglich ist.

Schopper hält das Angebot für ausreichend

Schopper meint damit 222 berufliche Gymnasien, an denen Schüler mit Mittlerer Reife oder vergleichbarem Abschluss das Abitur machen können, 43 allgemeinbildende Modellgymnasien, die seit 2012 wieder einen neunjährigen Weg zum Abitur anbieten dürfen, sowie landesweit nicht ganz zehn von insgesamt 306 Gemeinschaftsschulen, deren Bildungsangebot ebenfalls bis zur Hochschulreife führt.

Doch Anja Plesch-Krubner und Corinna Fellner von der Elterninitiative sowie Matthias Mattig-Gerlach von der Elternarbeitsgemeinschaft Arge Stuttgart, die das Anliegen des Volksantrags unterstützt, sehen die aktuellen Bildungsangebote im Südwesten eben nicht „als wirkliche Alternativen“ zu der fundierten Allgemeinbildung, die aus ihrer Sicht im neunjährigen Gymnasium gewährleistet sei. Deshalb haben sie Ende Oktober beim Landtag einen Volksantrag eingereicht und wollen an diesem Samstag mit der Unterschriftensammlung beginnen.

Die Landesregierung glaubt eine Mehrheit auf ihrer Seite

Anders als die Landesregierung, die bisher stets davon ausgegangen ist, dass die Mehrheit der Eltern mit den achtjährigen Gymnasien zufrieden sind, wähnen sie die Mehrzahl der Eltern auf ihrer Seite. Matthias Mattig-Gerlach von der Arge Stuttgart verwies auf eine eigene Umfrage, wonach neunzig Prozent der Eltern für das neunjährige Gymnasium seien und auf eine Forsa-Umfrage, der zufolge lediglich neun Prozent der Befragten mit G8 zufrieden seien.

Die beiden Frauen, die bereits zwei Petitionen zum gleichen Thema mit Zigtausenden Unterschriften eingereicht haben, sind überzeugt davon, dass sie die formal notwendigen knapp 39 000 Unterschriften schneller als in der gesetzlich vorgegebenen Jahresfrist zusammentragen können. Das ist Voraussetzung dafür, dass der Landtag über ihren elfseitigen Gesetzentwurf abstimmen muss. Sofern es dafür keine Mehrheit gibt, womit wegen der ablehnenden Haltung der Regierungsfraktionen gerechnet werden muss, kann die Initiative – vorausgesetzt 10 000 Unterzeichner unterstützen dies – versuchen, ein Volksbegehren in die Wege zu leiten. Auch dafür ist ein Quorum zu erfüllen: 720 000 Unterstützer müssen sich dafür mit ihren Unterschriften aussprechen.

Bei SPD und FDP rennt die Initiative offene Türen ein

Bevor es zur Volksabstimmung kommt, sind viele Hürden zu überwinden. Fellner, Plesch-Krubner und ihre Mitstreiter nehmen an diesem Wochenende Anlauf, um die erste zu überwinden. Sie hoffen auf Hilfe von den Arbeitsgemeinschaften der Elternbeiräte an Gymnasien (Argen) und stellen sich darauf ein, im Dezember auf den Weihnachtsmärkten Überzeugungsarbeit für ihr Anliegen zu leisten und Unterstützer zu werben.

Bei SPD und FDP rennen sie mit ihrer Initiative offene Türen ein. „Die Eltern wollen mehr G9, und das kann die Landesregierung nicht länger ignorieren“, sagte der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei und plädierte für echte Wahlfreiheit zwischen neun- und achtjährigem Weg zum Abitur.

„Wenn es unseren Kindern und Jugendlichen an den allgemeinbildenden Gymnasien an etwas mangelt, dann ist es Zeit“, erklärte Timm Kern (FDP). Er nannte es „absolut inakzeptabel, wie die grün-schwarze Landesregierung diesen Schrei nach mehr Zeit an den Gymnasien dennoch weiterhin ignoriert“. Auch der Philologenverbandschef Ralf Scholl unterstützt den Volksantrag. „Er kommt zur richtigen Zeit. Das G8 als Regelgymnasium ist ein Auslaufmodell. Es ist höchste Zeit, dass Baden-Württemberg nachzieht. Alle anderen westdeutschen Flächenländer haben wieder G9.“

Entschiedener Widerspruch aus zwei Schularten

Entschiedenen Widerspruch gibt es von Berufsschullehrerverbänden und Gemeinschaftsschulen. „Ich bin schockiert über die scheinbare Unkenntnis vieler Eltern“, erklärte Thomas Speck vom Berufsschullehrerverband (BLV). „Die beruflichen Gymnasien bieten eine hochwertige G9-Alternative in Baden-Württemberg.

Angela Keppel-Allgaier vom Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg ist dagegen, das G9 wieder zum Regelfall zu machen. Dies würde Gemeinschaftsschulen, die jetzt schon ein neunjähriges Abitur anbieten „das Wasser abgraben“, erklärte sie gegenüber unserer Redaktion. Matthias Wagner-Uhl, der Vorsitzende des Vereins, begrüßte zwar die „Bewegung zur Weiterentwicklung des baden-württembergischen Gymnasiums“. Er fürchtet aber, dass die Rückkehr zu G9 weitere Ressourcen in die Gymnasien lenken würde, die auch in den Schulen mit sonderpädagogischem Profil oder Gemeinschaftsschulen gebraucht würden. Die Rückkehr zu G9 bezeichnete er als „Retro-Vorstellung“, die den heutigen Anforderungen nicht gerecht werde.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu G9 G8 Gymnasium