Jahrzehntelang war die Stimmung gut bei den Vertreterversammlungen im Ludwigsburger Forum – obwohl nicht alles eitel Sonnenschein gewesen sein kann, wie inzwischen klar ist. Im März wurde der bisherige Vorstandsvorsitzende Karlheinz Unger gegangen. Und nun, bei der ersten großen Zusammenkunft nach dem Abgang ist wieder: alles eitel Sonnenschein.
Eine Kanzlei arbeitet die Vorwürfe auf
Vielleicht ist es vielen egal, so lange die Zahlen stimmig erscheinen. Vielleicht liegt es aber auch an der Aufbruchstimmung, die der neue Chef Thomas Palus verbreitet. So viel könnte den Mitgliedern inzwischen klar sein: Ungers Stil ist Vergangenheit. Details nennt die Bank keine, aber als sicher gilt, dass Karlheinz Unger Verstöße gegen die Compliance-Regeln zum Verhängnis geworden sind. Unter anderem soll er Gäste in die Voba-Vip-Loge der MHP-Arena eingeladen haben, für die dieser Bereich nicht gedacht war. Auch mit Geschenken im Namen der Bank soll er zu großzügig verfahren sein.
Mit der Aufarbeitung der Vorwürfe ist eine externe Anwaltskanzlei betraut. Bis deren Analyse vorliegt, sagt Thomas Palus nichts zu diesem Thema. Wobei er zugleich aber doch sehr viel sagt. Nämlich, dass es Unstimmigkeiten über die künftige Ausrichtung der Bank gegeben habe. Karlheinz Unger, muss man dazu wissen, galt lange als der Retter der Ludwigsburger Volksbank.
Der Retter mit dem rüden Ton
Als er 2002 von der Kreissparkasse Ludwigsburg in die Vorstandsriege der Volksbank kam, ging es dem Unternehmen schlecht. Die Insolvenz der Wümeg – einst Deutschlands zweitgrößte Malergenossenschaft – hatte die Bank, die Hausbank der Wümeg war, in eine Krise gestürzt, weil millionenschwere Kredite ausgefallen waren. Karlheinz Ungerhat die Volksbank wieder auf Kurs gebracht, 2005 wurde er ihr Vorstandsvorsitzender und präsentierte Jahr für Jahr zufriedenstellende Zahlen.
Auch der jüngste Abschluss für 2018 trägt die Überschrift „Erfolgsbilanz“. Die Bilanzsumme ist auf 2,14 Milliarden Euro gestiegen, das entspricht einem Plus von acht Prozent. Das Geschäftsvolumen nahm gar um 9 Prozent zu und betrug damit 2,5 Milliarden Euro. Und sogar mehr Mitglieder hat die Bank gewonnen. Exakt 82 301 Menschen haben nun Anteile an dem Genossenschaftsinstitut und machen es damit zu den „Top Ten“, wie es Thomas Palus in einem Pressegespräch formuliert. Und trotzdem muss sich in dem Gebäude der Volksbank an der Schwieberdinger Straße einiges ändern.
Der Neue setzt auf eine neue Kultur
Nicht nur, dass die Volksbank – wie alle Banken – Produkte entwickeln muss, mit denen sie neuen Online-Anbietern Paroli bieten kann; und nicht nur, dass sie Angebote machen muss, mit denen sie neue, junge Kunden an sich bindet. Bei der Volksbank Ludwigsburg kommt auch hinzu, dass sie sich ein neues Image geben will. Dazu gehört ein neuer Austausch mit den anderen Volksbanken im Landkreis. Und dazu gehört ein anderer Umgang mit den rund 330 Mitarbeitern. „Wir wollen vertrauensvoll miteinander umgehen“, sagt Palus und vollzieht damit einen radikalen Kurswechsel.
Sätze wie „Die Mitarbeiter sind unser höchstes Gut“ oder „Wir wollen uns mehr austauschen“, waren aus dem Munde von Karlheinz Unger unvorstellbar. Unger, zur Erinnerung, war es, der 2007 die Betriebsratsvorsitzende Andrea Widzinski loswerden wollte. Mit härtesten Bandagen nahm er den Kampf gegen sie auf, weil sie sich angeblich despektierlich über ihn geäußert hatte – um letztlich, nach vielen negativen Schlagzeilen bundesweit, alle Verfahren zurückzuziehen. Unger war es auch, der 2010 eine Filiale in Freiberg eröffnet hat, was ein Affront gegenüber den Genossen der Volksbank in Freiberg war. Dass er, der Vertreter der größten Volksbank im Kreis, Jahre vorher schon aus dem Kreisverband der Volks- und Raiffeisenbanken ausgetreten war, passte nur zu gut ins Bild. Dass viele Mitarbeiter kündigten oder neue wegen Ungers Ruf sich gar nicht erst bewarben, wunderte in der Branche niemanden. Und so lange die Zahlen stimmten, auch keine Gremien.
Der Vorstand wird noch nicht entlastet
Dass Ungers Konzepte nicht für die Zukunft taugten, sagt Palus deutlich zwischen den Zeilen. Die Chancen der Digitalisierung sollen „beherzter“ angegangen werden. Auch im Kreditgeschäft und beim Zinsüberschuss habe die Bank noch Hausaufgaben zu machen. Unger hatte nach der Wümeg-Pleite das Kreditgeschäft stark reduziert, damit auch die Zinserträge. Außerdem will Palus kein Mitgliederwachstum um jeden Preis. Nicht jedes Mitglied nämlich ist auch ein guter Kunde. Viele zeichnen nur wegen der dreiprozentigen Dividende Anteile. Insider meinen denn auch, dass sich die große Mitgliederzahl in einem deutlich höheren Geschäftsvolumen niederschlagen müsste.
Noch knapp drei Jahre hätte Unger bis zu seinem Ruhestand als Vorstandsvorsitzender vor sich gehabt. Wie ruhig dieser Ruhestand wird, hängt wohl maßgeblich davon ab, was die Ermittler bei der Prüfung der Unterlagen aus der Compliance-Abteilung finden. Die Entlastung des Vorstandes haben die Vertreter bei ihrer Versammlung erst mal nicht vorgenommen. Sie ist für das kommende Jahr anberaumt.