Die Eiche soll beim Neubau-Projekt der Volksbank Ludwigsburg in Marbach verschwinden. Foto: Werner Kuhnle
Der Rentner Reinhard Wolf will nicht tatenlos zusehen, wie vor seiner Haustüre in Marbach durch das Bauvorhaben der Volksbank ein stattlicher Baum gefällt wird.
Reinhard Wolf traute seinen Augen nicht. Der 74-jährige Marbacher hatte eben die Bauskizze der benachbarten Filiale der Volksbank abfotografiert und betrachtete daheim den Grundriss des geplanten Neubaus. „Erst jetzt erkannte ich die Dramatik: Die schöne, kerngesunde und mehr als 100 Jahre alte Eiche würde im Wohnzimmer der vordersten Wohnung stehen.“
Reinhard Wolf protestiert. Foto: Werner Kuhnle
Schnell begriff Wolf, früher Referatsleiter für Naturschutz im Regierungspräsidium Stuttgart: Dieser Baum soll verschwinden. Dabei habe die Volksbank Ludwigsburg versprochen, sie wolle durch ihr Neubauprojekt am zentralen König-Wilhelm-Platz für eine grünere Umgebung sorgen. Erst im April hatte die Bank das Projekt der Presse vorgestellt. Allerdings steht das Baugesuch noch am Anfang. Eine Baugenehmigung kann noch nicht erteilt werden – laut Stadtverwaltung werde dafür ein Bebauungsplan erstellt. Offenbar genießt die Volksbank Ludwigsburg mit ihrer Planung die volle Rückendeckung der Marbacher Stadtverwaltung. Vom Abholzen der mehr als 100-jährigen Eiche wird im Rathaus fest ausgegangen.
Der von BUND und Nabu mehrfach ausgezeichnete Reinhard Wolf will nicht tatenlos zusehen, wie der Baum gefällt wird. „Ich möchte für die Eiche kämpfen.“ Ein solcher Baum präge das Stadtbild und könne nicht einfach ersetzt werden. „Nicht mal ein Hektar neu gepflanzter Wald kann die ökologischen Werte einer solchen Eiche an einem solchen öffentlichen Platz ausgleichen.“
In der Dämmerung kreisen Fledermäuse um den Baum
Ein Baum dieser Größe biete zahlreichen Tierarten einen Lebensraum, argumentiert Reinhard Wolf. Passanten würden zum Beispiel in diesen Sommerwochen abends in der Dämmerung oft Fledermäuse um den Baum kreisen sehen. „Sie sind da, weil sich im Kronenbereich Insekten aufhalten.“
Wolf möchte nicht missverstanden werden: Wohnraum durch einen Neubau zu schaffen, hält der Naturschützer grundsätzlich für unterstützenswert. Die Bürgervertreter im Gemeinderat sollten das Voba-Projekt jedoch nicht um jeden Preis durchwinken. „Was jetzt geplant wird, ist die kommerziell maximale Ausnutzung des Grundstücks zu Lasten des öffentlichen Wohls.“ Kommerz dürfe in Zeiten des Klimawandels nicht mehr alleiniger Maßstab für die Stadtentwicklung sein – der Baum biete an heißen Sommertagen nämlich auch Schatten. Das sollte bei der Planung zur Landesgartenschau 2033 einfließen. Im Rahmen der Schau wird der König-Wilhelm-Platz neu konzipiert.
Die alte Eiche soll einem Neubau weichen. Foto: Werner Kuhnle
Für den Umweltschützer sind die Pläne der Volksbank, ihr altes Gebäude durch ein neues zu ersetzen und dabei den Verlust des Baumes in Kauf zu nehmen, ein Déjà-vu-Erlebnis. Denn bereits beim ersten Bau Anfang der 1980er Jahre war die Eiche bedroht. Die Voba-Filiale sei um den Baum herum gebaut worden, doch Bauarbeiter hätten ihr Gerät im Wurzelbereich des Baumes abgestellt. Erst nach energischen Protesten Wolfs gelang es, die Eiche zu retten. Den Schriftwechsel mit der Verwaltung, Fotos und einen Zeitungsartikel hat der Marbacher aufgehoben.
Reinhard Wolf hat den Bericht der Marbacher Zeitung aus den 1980er-Jahren aufgehoben. Foto: privat
Die Voba will die damalige Planung „um den Baum herum“ nicht bestätigen. Die Blicke seien nach vorne gerichtet. Der Neubau mit seinen 25 Eigentumswohnungen und 2000 Quadratmeter Wohnfläche leiste einen wichtigen und nachhaltigen Beitrag zur Nachverdichtung im Stadtzentrum. Dafür müsse an den Rändern Marbachs kein Boden versiegelt werden. Auch sorge eine Tiefgarage für 45 neue Parkplätze, von denen 18 öffentlich genutzt werden können. Fußgänger und Radfahrer erhielten dadurch oberirdisch mehr Platz, es werde mehr begrünt.
Die Entscheidung gegen die Eiche sei ihr schwer gefallen und werde von ihr bedauert, teilt die Volksbank Ludwigsburg mit. Tatsächlich aber stünden der Baum und sein tief greifendes Wurzelwerk sowohl dem Gebäude als auch der Tiefgarage im Weg.
So war die Eiche 1981 von Bauarbeitern bedrängt worden. Foto: privat
Andere Umweltaspekte seien der Volksbank Ludwigsburg ebenso wichtig wie die Bedürfnisse der Bewohner: Der Neubau stehe am Schiller Boulevard, einer wichtigen Achse im Rahmen der Landesgartenschau. Das Gebäude werde energetisch nachhaltig gestaltet mit Fotovoltaikanlage und einer gemeinsamen Gartennutzung.
Der BUND Marbach/Bottwartal setze sich schon lange für Bäume ein, teilt die Ortsvorsitzende Andrea Lehning mit. Man unterstütze das Anliegen Reinhard Wolfs, die Gebäudegrenzen im Umfeld des Baumes nicht zu verändern. „Auch die Tiefgarage sollte nicht größer sein als der jetzige Gebäudegrundriss.“ Stattdessen sollten der Wurzelraum mit Wasser versorgt und fachkundige Baumpflegefirmen einbezogen werden. Die BUND-Forderung nach einem Baumschutzprogramm sei im Jahr 2021 von der Stadtverwaltung abgelehnt worden. Man werde aber den neuen Gemeinderat anfragen.
Marbacher Stadtverwaltung priorisiert den Wohnungsbau
Das Thema Wohnraum sei zentral für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und habe hohe Priorität, sagt der Marbacher Bürgermeister Jan Trost. Die Verwaltung stehe voll hinter der Planung. Der Baum müsse weichen, das sei bedauerlich. Es gebe aber einen Naturausgleich. Beim Verlust von Bäumen innerorts komme es immer zu Diskussionen, nicht nur in Marbach, teilt Jan Trost mit.