Volksfest in Stuttgart So sexy ist der Wasen: Ohne Dirndl geht’s nicht

Von Johanna Deckers 

Vor 15 Jahren wurde man noch schräg angeschaut, wenn man sich im Dirndl auf dem Wasen zeigte. Mittlerweile ist die Tracht kaum noch vom Volksfest wegzudenken. Vor allem bei jungen Frauen erfreut sie sich größter Beliebtheit. Warum ist das eigentlich so? Wir haben uns auf dem Wasen umgehört.

Nadja Müller hat ihr Dirndl online gekauft. Eine Lederhose hat sie auch. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 8 Bilder
Nadja Müller hat ihr Dirndl online gekauft. Eine Lederhose hat sie auch. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Wenn man über das Cannstatter Volksfest spaziert, sieht man kaum ein Mädchen, das kein Dirndl trägt. Der Fantasie sind in Farben, Formen und Längen keine Grenzen gesetzt. Besonders beliebt sind offensichtlich rosa und rot. Blumen sind auch angesagt, ob auf dem Kleiderstoff oder im Haar als Blumenkranz. Dabei haben Dirndl in Stuttgart und auf dem Cannstatter Volksfest gar keine Tradition. Sie sind nichts weiter als eine Modeerscheinung. Den jungen Wasen-Besucherinnen ist das bewusst.

„Eigentlich ist es tatsächlich komisch, dass alle Dirndl tragen, weil es eine Tradition ist, die nicht hierher gehört“, sagt Juliane Mehnert (20) aus Markgröningen. Sie hat trotzdem eines gewählt – vor allem, weil es schön aussieht. Und das, obwohl sie mit der traditionellen Kleidung der Region durchaus vertraut ist. Neben ihren zwei Dirndln besitzt sie auch eine lange württemberger Tracht. Seit sie 11 Jahre alt ist, zieht sie diese jedes Jahr beim Schäferlauf in Markgröningen an. Für den Wasen ist das aus ihrer Sicht aber nicht die richtige Kleidung. „Die Tracht ist etwas besonderes“, sagt sie. Seit Juliane Mehnert ins Festzelt darf, trägt sie daher Dirndl auf dem Volksfest – und manchmal auf Mottopartys bei ihrer Tante. Auf das Gefühl kommt es an. Und das sei ein ähnliches wie bei der richtigen Tracht. „Man kommt sich ein bisschen vor wie eine Prinzessin aus einer anderen Zeit. Außerdem haben hier alle jungen Mädels Dirndl. Das gehört jetzt einfach dazu.“

Tradition aus dem Online-Shop

Auch Carmen Seybold (20) aus Schwaikheim empfindet so: „Wenn man auf dem Wasen kein Dirndl trägt, kommt sich vor wie ein Außenseiter“, sagt sie. Außerdem, sagt sie rundheraus, mache so ein Dirndl ein schönes Dekolleté. Sie ziehe ihres nur auf dem Wasen an, überall anders käme man sich damit komisch vor. „Hier hat man das Gefühl, eine Tradition zu pflegen.“ Tradition hin oder her, gekauft hat Carmen Seybold auf ganz modernem Wege, über Amazon. Die Online-Anbieter sind natürlich längst auf den Zug dieses Modetrends aufgesprungen. Es findet sich dort alles, was das Herz begehrt. Nicht nur Dirndl, sondern auch Lederhosen für Frauen, Accessoires und ähnliches.

Nadja Müller (24) aus Schwäbisch Hall hat ihr Dirndl ebenfalls vor kurzem online gekauft. „Ein Dirndl sieht einfach gut aus. Wenn man keines anhat, fällt man auf.“ Nicht nur auf dem Wasen, sondern auch auf den Wiesn, dem Münchener Oktoberfest. Dort komme ihr Dirndl ebenfalls zum Einsatz. Zudem habe sie noch eine Lederhose in petto. Der Dresscode sei jedenfalls der gleiche.

Dirndl kann man überall anziehen

„Das ist ein Vorteil des Dirndls“, sagt Martin Hitthaler. Er arbeitet im Trachtengeschäft „Trachten Hit“ im Almhüttendorf auf dem Wasen. „Ein Dirndl kann man überall anziehen. Trachten sind regional gebunden.“ Gut für’s Geschäft, denn Dirndl sind international. Auch in Südtirol, der Heimat des „Trachten Hit“, tragen die Mädels Dirndl. Die Blumenreifen für das Haar aber sind nur hier modern. Hüte seien ebenfalls stark im Kommen. „Die richtigen, langen Trachten sind nach wie vor etwas, das lediglich eingefleischte Württembergerinnen kaufen.“

Fest steht: Die meisten jungen Frauen fühlen sich im Dirndl traditionsverbunden. Und natürlich kommen sie gut an. Die drei Mädels haben schon viele Komplimente bekommen. Der Wasen bietet natürlich auch das beste Umfeld dafür. Die Zunge sitzt bei den jungen Männern nach dem ersten Bier ein bisschen lockerer. Aber nicht nur den Jungs gefällt’s. „Vorhin wurden meine Freundinnen und ich von einer älteren Dame in der Bahn angesprochen, die sagte, wir sähen so schön aus“, erzählt Juliane Mehnert.