Volksfest in Stuttgart Sicherheitskonzept soll auf den Prüfstand

Von und Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Bei der vorübergehenden Sperrung des Cannstatter Volksfestes haben alle Sicherheitsmaßnahmen gegriffen. Trotzdem: aus möglichen Fehlern soll gelernt werden, deswegen wollen Veranstalter und Ordnungsamt das Sicherheitskonzept verbessern.

Großer Ansturm auf das Volksfest: ein besseres Verkehrskonzept soll in   Zukunft  Entlastung bringen. Foto: Max Kovalenko/lichtgut
Großer Ansturm auf das Volksfest: ein besseres Verkehrskonzept soll in Zukunft Entlastung bringen. Foto: Max Kovalenko/lichtgut

Stuttgart - Nach dem Massenansturm auf das Volksfest auf dem zeitweise wegen Überfüllung gesperrten Wasen soll das Sicherheitskonzept überprüft werden. „Das Konzept hat funktioniert, aber die Grenze des Möglichen ist wohl erreicht“, sagt Ordnungsbürgermeister Martin Schairer. Selbst die städtische Veranstaltungsgesellschaft In Stuttgart habe die Situation am Wochenende als kritisch eingestuft und fordere bessere Verkehrswege für die Wasenbesucher, so Schairer.

„Es gibt ein Konzept“, sagt der für das Volksfest zuständige Abteilungsleiter Marcus Christen von In Stuttgart, und pflichtet Martin Schairer bei: „Der 3. Oktober hat gezeigt, dass es funktioniert.“

Wie wirksam ein Sicherheitskonzept sei, zeige sich erst, wenn der Ernstfall eintrete, hält der Sicherheitsexperte Bernd Frenz entgegen. Er berät Veranstalter von Massenveranstaltungen in ganz Deutschland. „Wenn die Menschen in Panik verfallen, dann sind sie nicht mehr ansprechbar, das Gehirn denkt nur noch ans Überleben“, so Frenz.

Eine Panik ist am Freitag nicht ausgebrochen

So schlimm war es am Freitag nicht, aber: viele Augenzeugen, die in den Unterführungen vom Bahnhof zum Festplatz unterwegs waren, führten immer wieder Vergleiche mit der Katastrophe in Duisburg auf der Love-Parade im Jahre 2010 an. „Ein Tunnel als Fluchtmöglichkeit stellt nicht automatisch eine Gefahr dar“, sagt eine Sprecherin des Bundesamtes für Katastrophenhilfe, „es muss allerdings genug Sicherheitskräfte vor Ort geben, die den Menschenstrom leiten und ordnen.“

Das habe am besagten Tag gut funktioniert, sagt ein Polizeisprecher. „Die beiden Unterführungen wurden zu Einbahnstraßen, die die Besucher vom Gelände weggeführt haben“, sagt er. „Neu ankommende Besucher wurden nicht über die Unterführungen zum Gelände gelotst.“ Dabei sei es zu kurzzei­tigen Stockungen gekommen, so der Sprecher. Wartezeiten über einen längeren Zeitraum im Tunnel seien ihm aber nicht bekannt. Die Aluminiumtreppe sei nur für einen sehr kurzen Zeitraum, etwa zehn Minuten, geöffnet gewesen – und zwar zur Druckentlastung auf dem Gelände. Das sei eine Maßnahme, die im Sicherheitskonzept fest verankert sei.

Das Sicherheitskonzept werde ständig überarbeitet, sagt Gerold Petri vom Ordnungsamt. Genaue Besucherzahlen vom Wochenende kann er nicht nennen, er betont jedoch: „Es fand keine Evakuierung des Geländes statt, sondern lediglich eine vorübergehende Schließung.“ Die von Christen ins Gespräch gebrachte Öffnung der Feuergassen kommt für Bürgermeister Schairer nicht in Frage. Diese Wege sollten für Notfalleinsätze frei bleiben. Alle für das Thema Sicherheit Verantwortlichen müssten sich jetzt zusammensetzen und prüfen, ob und an welcher Stelle es noch Verbesserungsmöglichkeiten gebe. „Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die Grenzen der Infrastruktur am Wasen erreicht sind“, ergänzt Schairers persönlicher Referent Hermann Karpf. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass die vorhandene Infrastruktur am Wochenende zeitweise überlastet gewesen sei, so Karpf.

Feuergassen bleiben geschlossen

„Es ist erfreulich, dass die meisten Wasenbesucher den Nahverkehr nutzen“, sagt Matthias Lieb, Landeschef des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Das Volksfest sei aber inzwischen für die vorhandene Kapazität zu groß geworden. Die Leistung von S- und Stadtbahn sowie die Aufnahmefähigkeit des Wegenetzes sei nur für 70 000 Besucher ausgelegt. „Da stellt sich die Frage, ob der Wasen nicht mit einem Festzelt weniger viel sicherer wäre“, so Lieb.

„Der Andrang auf den Wasen war am vergangenen langen Wochenende extrem hoch“, bestätigt auch ein Bahn-Sprecher. Der Cannstatter Bahnhof sei trotz des Großeinsatzes von Personal und Bundespolizei betrieblich absolut an der Grenze des Machbaren gewesen. „Mehr geht auf keinen Fall“, sagt der Sprecher. Man lasse die S-Bahnen schon an vier statt an zwei Bahnsteigen halten, um die Publikumsströme etwas zu entzerren. Wenn der Andrang aber weiterhin so hoch bleibe, müsse man auch über einen etwas kleineren Wasen nachdenken. Das enorme Fahrgastaufkommen zu Bierzelt und Riesenrad führe schließlich zu erheblichen Verspätungen im gesamten S-Bahn-Netz.

„An solch besucherstarken Tagen kommen wir an unsere Grenzen“, sagt Wirte­sprecher Werner Klauss vom Dinkelackerzelt Klauss und Klauss. „Wir müssen uns verstärkt um die Infrastruktur kümmern und diese verbessern.“

Sonderthemen