Die vhs lässt die Korken jetzt, im Jubiläumsjahr, aber schon früher knallen – und feiert vom 18. bis 22. Februar mit einer Schnupperwoche im Treffpunkt Rotebühlplatz. Denn das Grundmotto habe heute noch Bestand – „nämlich Menschen dabei zu unterstützen, ihre Bildungschancen zu verbessern“, wie die aktuelle vhs-Chefin Dagmar Mikasch-Köthner den Auftrag zusammenfasst.
Die Nachfrage kann nicht befriedigt werden, weil Räume fehlen
Allerdings könne in vielen Bereichen die große Nachfrage nicht befriedigt werden – „weil uns die Räume fehlen“, bedauert die vhs-Chefin. „Alles ist bis unters Dach belegt.“ Zwar habe man das Angebot in den nördlichen Stadtbezirken ausbauen können. Aber bis die knapp 3000 Quadratmeter im Neckarpark bespielt werden können, dauert es noch etwas. „Und der Erweiterungsbau in der Stadtmitte ist noch Zukunftsmusik.“ Rückenwind gibt es von den Ratsfraktionen: Gemeinsam beantragen Grüne, CDU, SPD, SÖS/Linke-plus und Freie Wähler, dass die bauliche Erweiterung auf der Parkhausfläche der Max-Eyth-Schule zügig vorangetrieben und dem Gemeinderat im ersten Quartal 2019 ein Stufenplan zur Umsetzung vorgelegt wird.
Raumnot gab es von Anfang an. Natürlich hat es in der Gründungszeit noch kein Yoga auf Englisch gegeben, kein Krav Maga und keine thailändischen Kochkurse. Und auch keine IT-Weiterbildung. Aber auch vor hundert Jahren sollte das Angebot die Menschen ins Kulturleben der Nation einführen und die Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbildung fördern. Das allererste Programmheft umfasste 84 Veranstaltungen, es gab 5500 Anmeldungen.
Schwäbische Eigenarten und eine Frauenbildungsabteilung
Geboten wurden Vorträge und Kurse zu Kunst, Kultur, Staatsbürgerkunde, Recht, Medizin, Biologie, Geografie, Ernährung, Lebenskunde, Philosophie, schwäbischen Eigenarten und deutscher Sprache. Und es gab Veranstaltungen nur für Frauen, etwa „Die Frau in der Volkswirtschaft“ oder „Familien- und Erbrecht“. Dass die Volkshochschule seit 1924 eine Frauenbildungsabteilung hat, ist der Frauenrechtlerin Carola Blume zu verdanken.
Im Anfangssemester fehlte das Gebiet Technik: Dozentenmangel, bedauerte Theodor Bäuerle. Der Pädagoge und christliche Gewerkschafter hatte, gemeinsam mit dem Unternehmer Robert Bosch, die Stuttgarter Volkshochschule gegründet.
„Das war politisch hellsichtig und auch unternehmerisch gedacht – und es zeugte von sozialem Engagement“, sagt Mikasch-Köthner. Die Idee dahinter: die Bevölkerung zu bilden, um die Menschen demokratiefähig zu machen. „Robert Bosch wollte aber auch mündige Arbeiter, um als Unternehmen erfolgreich zu sein.“
Unternehmer Robert Bosch zeigte sich spendabel
Träger der neuen Art der Erwachsenenpädagogik war der Verein zur Förderung der Volksbildung. Den hatten am 1. Mai 1918 Robert Bosch und Theodor Bäuerle mit Unterstützung des Württembergischen Kultministeriums und des damaligen Stuttgarter OB Karl Lautenschlager gegründet. Zur Finanzierung garantierte Bosch damals 30 000 Mark im Jahr, von staatlicher Seite kam ebenso viel. „Man hat sehr früh erkannt, dass es notwendig war, die öffentliche Hand einzubinden“, so Mikasch.
Das ist bis heute noch so. Die vhs arbeitet als gemeinnütziger Verein, im Aufsichtsrat sind Mitglieder von Gemeinderat und Landtag, Vorsitzender ist OB Fritz Kuhn (Grüne). Die vhs setzt den öffentlichen Bildungsauftrag der Stadt Stuttgart um. Dazu gehören neben Abendgymnasium und -realschule und Angeboten für Kinder und Jugendliche ein umfangreiches Kultur- und Vortragsangebot sowie Fremdsprachen, berufliche Bildung, Umwelt- und Gesundheitsthemen sowie zahlreiche Projekte zur Förderung Benachteiligter.
Bis heute betreibt die vhs auch aufsuchende Arbeit, ganz im Sinne von Carola Blume: „Es lag mir zunächst daran, an die Frauengruppen heranzukommen, die nicht oder kaum in den Kursen der Volkshochschule vertreten waren“, schrieb sie als 87-Jährige: Arbeiterinnen in den Fabriken, etwa Bosch oder Waldorf-Astoria, aber auch Verkäuferinnen in Warenhäusern wie Breuninger. Und sie hatte Erfolg: „Es gelang uns, das Misstrauen der Arbeiterinnen und den Mangel an Zeit, den sie hatten, zu überwinden“, hieß es im Rechenschaftsbericht der Frauenabteilung. „Wir wollen uns fragen, ob wahre Bildung nur das Vorrecht weniger Menschen ist und welches menschliche Ziel die einfache Frau anstreben soll und anstreben kann“, sagte Blume 1925 bei einer Veranstaltung zum Thema „Selbsterziehung“.
Noch heute bietet die vhs Alphabetisierungskurse in Firmen an
Das ist kein alter Zopf. „Wir gehen heute noch in Firmen, um dort Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse durchzuführen – im Auftrag des Kultusministeriums“, so Mikasch – das sei „oft ein Tabuthema, das einfach nicht wahrgenommen wird. Da müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten“, sagt sie im Blick auf die Abwehrhaltung in manchen Firmen und die hohe Zahl funktionaler Analphabeten. Laut Ministerium können in Baden-Württemberg eine Million Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben, mehr als die Hälfte davon ist erwerbstätig. „Auch Allgemeinbildung und politische Bildung haben wieder Konjunktur“, berichtet Mikasch-Köthner, „da geht’s auch kontrovers zu“.