Volkskrankheit Allergie "Spuren von Nüssen" oder doch mehr?

Für Nussallergiker streng verboten. Foto: dpa
Für Nussallergiker streng verboten. Foto: dpa

Zum Schutz der Allergiker müssen auf den Verpackungen die wichtigsten Allergene angegeben sein. Absolute Sicherheit gibt es trotzdem nicht.

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Stuttgart - Ein einziger Tropfen Milch auf der Lippe eines Säuglings kann ausreichen, um eine allergische Reaktion auszulösen. Bei Erwachsenen genügen fünf Gramm Milch, zwei Milligramm Erdnuss, ein Gramm Sojabohne, 1,4 Gramm Haselnuss, vier Gramm Garnelen oder 0,7 Gramm Sellerie, um Pickel, Bauchschmerzen oder schlimmere Beschwerden bis hin zum anaphylaktischen Schock zu erzeugen - der schwersten, mitunter sogar tödlichen Folge einer allergischen Reaktion. Die angegebenen Werte basieren allesamt auf kontrollierten klinischen Studien, und sind also keine Schätzungen.

Da derartige Schockreaktionen nicht meldepflichtig sind, weiß niemand, wie häufig sie tatsächlich vorkommen und wie sie im Einzelnen verlaufen. Die Berliner Charité betreut seit einem Jahr eine Datenbank für Deutschland, Österreich und die Schweiz, in der zurzeit 3213 Fälle gelistet sind (www.anaphylaxie.net). Zu 80 Prozent stammen sie aus Deutschland, jeder fünfte Fall betrifft Minderjährige.

Feinstaub ist ein Allergieverstärker

Warum werden Allergien immer mehr zu Volkskrankheiten? Experten machen ein ganzes Bündel an Ursachen aus. Da ist zum einen die genetische Veranlagung. Hinzu kommen übertriebene Hygienemaßnahmen, die das Immunsystem unterfordern. Feinstaub aus der Umwelt ist ebenfalls ein Allergieverstärker. Auch verändert sich die Darmflora, wenn größere Mengen von Antibiotika geschluckt werden. Außerdem muss der Darm sich zunehmend mit exotischen Lebensmitteln wie etwa Kiwis auseinandersetzen. Immer neue Produkte und Nahrungsergänzungsmittel stellen immer weitere Herausforderungen an den menschlichen Organismus dar. Stress, Krankheit, Alter, hormonelle Schwankungen und Alkoholkonsum tun ihr Übriges.

Zum Schutz der Allergiker müssen auf den Verpackungen seit 2005 die wichtigsten Allergene angegeben sein, sofern die Rezeptur sie vorschreibt. Auch für lose Ware tritt demnächst eine Kennzeichnungspflicht in Kraft: Ende Oktober wird die Neuerung im Bundesanzeiger bekanntgegeben, bis 2014 haben die Händler dann Zeit, sich darauf einzustellen. Absolute Sicherheit gibt das trotzdem nicht, denn bei verpackter Ware kommt es schon jetzt immer wieder vor, dass sie "Spuren" von nicht deklarierten Allergenen enthalten. Schuld sind sogenannte Kreuzkontaminationen.

Prüfer der Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter in Baden-Württemberg fanden im vergangenen Jahr bei 2651 Proben in 166 Fällen (sechs Prozent) nicht gekennzeichnete Allergene in Lebensmitteln. Am häufigsten trafen sie auf Verunreinigungen durch Gluten, Senf und Milcheiweiß, gefolgt von Erdnuss, Sellerie, Ei und Mandel. Die Spur führte meist in die Anlagen der Hersteller, die ihre Tanks und Behältnisse beim Chargenwechseln nicht vollständig gereinigt hatten. Der Verbraucher muss also damit rechnen, dass in Vollmilchschokolade oder Butterkeksen auch Spuren von Mandeln oder Nüssen enthalten sind, obwohl dies nicht auf der Verpackung steht. Viele Hersteller behelfen sich aus haftungsrechtlichen Gründen mit Angaben wie "kann Spuren von ...enthalten".

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