Der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller muss in den Konflikt zwischen Markenchef Herbert Diess und dem Betriebsrat eingreifen, kommentiert StZ-Autor Michael Heller.
Stuttgart - Wer wollte es VW-Chef Matthias Müller verdenken, dass er den Dieselskandal endlich hinter sich lassen und zu neuen Ufern aufbrechen will? Er listet eine beeindruckende Zahl neuer Projekte auf und will erkennbar Aufbruchstimmung vermitteln. In der Tat wäre es fatal, wenn sich dieser stolze Konzern in einer Zeit, in der die Industrie herausgefordert ist wie selten zuvor, nur noch mit sich selbst beschäftigen würde.
Allerdings kann VW nun einmal nicht gänzlich unbeschwert nach vorne blicken. Das hat natürlich damit zu tun, dass der Skandal den Konzern weiter belasten wird. Noch wichtiger mit Blick auf die Zukunft ist aber womöglich eine andere Altlast: die fehlende Profitabilität bei der Kernmarke. Es scheint, als wolle Müller dieses Thema ebenso wie den Konflikt mit dem mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh an Markenvorstand Herbert Diess delegieren und sich selbst auf die Zukunftsthemen konzentrieren. Diese Arbeitsteilung wird nicht funktionieren, wenngleich der Bruch mit dem alten Wolfsburger Zentralismus nicht ganz ohne Charme ist.
VW ist mit seiner besonderen Kultur nicht schlecht gefahren
„Der Vorstand muss führen, nicht der Betriebsrat“, hat Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef der Porsche Holding, zu Recht festgestellt. Gewiss ist Volkswagen in der Vergangenheit mit dem VW-Gesetz und der starken Stellung der IG Metall nicht schlecht gefahren, aber dass Osterloh als der mächtigste Mann in Wolfsburg gilt, entspricht nicht der gewünschten Machtverteilung in einer Marktwirtschaft. Diess braucht Müllers Unterstützung, sonst wird er den Machtkampf mit dem Betriebsrat verlieren. Und der Betriebsrat braucht Müller, weil es mit der Sozialkompetenz des früheren BMW-Vorstands offenbar wirklich nicht besonders weit her ist.
Nur so kann die Marke VW auf Vordermann kommen, was wiederum Voraussetzung dafür ist, dass der Konzern insgesamt die Zukunftsthemen von der Elektromobilität über die Dienstleistungen bis zum autonomen Fahren besetzen kann.