Dem TV Rottenburg fehlen 200 000 Euro – auch aufgrund der Corona-Krise. Deshalb will er einen Neuanfang in der dritten Liga starten. Kritik an seinem Vorgehen kann der langjährige Bundesligist nicht nachvollziehen.

Rottenburg - Die Volleyballer des TV Rottenburg sind seit 2008 ununterbrochen erstklassig, und sie haben es geschafft, in dieser Zeit zu einer sympathischen Marke zu werden. Die Paul-Horn-Arena in Tübingen, wo sie ihre Heimspiele austragen, gilt offiziell als „Tollhaus der Liga“, mit 1760 Zuschauern hatten sie vergangene Saison den zweitbesten Schnitt aller Teams. Zudem lief es zuletzt auch sportlich ziemlich gut: Der Außenseiter schlug nicht nur wesentlich potentere Gegner wie Frankfurt, Haching oder Düren, sondern stand auch im Pokal-Halbfinale. Trotzdem ist das Projekt Bundesliga-Volleyball in Rottenburg nun beendet. Wegen der Corona-Krise – aber nicht nur. „Wir haben alles versucht“, sagt Philipp Vollmer, der Geschäftsführer, „aber wir sehen keinen Ausweg, den wir verantworten können.“

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Deprimierende Rückmeldungen

Schon seit Jahren versucht der TVR vergeblich, professionellere Strukturen zu schaffen (derzeit gibt es neben Trainer und Team nur zwei hauptamtliche Mitarbeiter) und dafür seine Einnahmen zu erhöhen. 650 000 Euro betrug der Etat für die im März vorzeitig beendete Bundesliga-Saison, darin enthalten waren rund 50 000 Euro aus den Rücklagen. Im Dezember gingen die Verantwortlichen auf ihre Sponsoren zu – mit dem Ziel, ihr Netzwerk zu vergrößern, um am Ende auf 800 000 Euro zu kommen. Mit einem Jahresbudget in dieser Höhe ist es möglich, in der Bundesliga um einen der Play-off-Plätze zu kämpfen. Die Rückmeldungen waren allerdings ziemlich deprimierend. Schon damals kündigten einige Geldgeber an, ihr Engagement zu reduzieren. Und dann kam auch noch die Corona-Pandemie.

Schulden machen ausgeschlossen

Aktuell fehlt dem TV Rottenburg ein Betrag von rund 200 000 Euro, um wenigstens mit einem Etat wie bisher (650 000 Euro) weiterarbeiten zu können. Und es fehlt ihm die Perspektive. „Es war schon vor der Krise nicht einfach, die finanziellen Mittel für Bundesliga-Volleyball aufzutreiben“, sagt Vollmer, „jetzt wird es für uns unmöglich, neue Partner zu finden oder bestehende Sponsoring-Engagements zu erhöhen. Andererseits haben wir die klare Maßgabe, keine Schulden zu machen – und daran halten wir uns. Wir gehen jetzt raus aus der Bundesliga, bevor wir den Gesamtverein an die Wand fahren.“ Es ist allerdings ein Schnitt, den nicht jeder verstehen kann.

Entscheidung überhastet?

Die Volleyball-Bundesliga (VBL) übt deutliche Kritik am Rückzug des TV Rottenburg. Andreas Bahlberg, der Sprecher der Männer-Vereine, bezeichnet die Entscheidung des TVR als verfrüht, überhastet und enttäuschend: „Wir haben den Vereinen mit der Verlängerung der Lizenzierungsfristen Zeit verschafft, um Sponsoren und die Politik dafür zu gewinnen, Rettungsschirme für den Sport aufzuspannen. Dass der TV Rottenburg nun ohne Vorankündigung die Reißleine zieht, gefährdet auch andere Standorte und beschädigt die Solidarität innerhalb der Bundesliga.“

Es sind Vorwürfe, die Philipp Vollmer nicht verstehen kann. „Diese Kritik trifft uns hart“, sagt der TVR-Manager, „wir haben seit zwölf Jahren die Lizenz ohne Auflagen erhalten, hatten null Schieflage. Und jetzt werden wir von der VBL derart attackiert – das ist alles andere als glücklich.“ Das findet auch Norbert Vollmer, der Geschäftsführer des Hauptvereins (und einzigen Gesellschafters der TVR Volleyball GmbH): „Die Liga hat uns viel abverlangt, doch die erhofften Gegeneffekte blieben leider aus. Nun fühlt es sich an, wie wenn wir in einem Boxkampf zwölf Runden tapfer gekämpft haben, ehe der Corona-K.o. zugeschlagen hat.“ Was allerdings nicht heißt, dass der Verein vor hat, am Boden liegen zu bleiben.

Neuanfang in Liga drei

Die Verantwortlichen betonen jedenfalls, wie wichtig es ihnen ist, den Volleyball-Standort Rottenburg zu erhalten. Die zweite TVR-Mannschaft spielt in der dritten Liga, in dieser Klasse soll es nun einen Neuanfang geben. Auch, um den Talenten, die aus dem eigenen Nachwuchs kommen, eine Perspektive zu bieten. „Wir wollen etwas Neues entwickeln und dabei gesund wachsen“, sagt Philipp Vollmer, „der Volleyball-Sport in Rottenburg wird nicht sterben.“

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