Ryyan Alshebl stieß als Bürgermeister von Ostelsheim (Kreis Calw) auf Widerstände aus der Bevölkerung, als es um den Bau von Windrädern ging. Foto: imago/imagebroker, imago/teutopress
Ryyan Alshebl ist als syrischer Flüchtling nach Deutschland gekommen, seit 2023 ist er Bürgermeister einer schwäbischen Gemeinde. Der Grüne berichtet in seinem Buch über seinen Weg.
2015 im Schlauchboot über das Mittelmeer, Flucht bis nach Deutschland, acht Jahre später Baden-Württembergs erster syrischstämmiger Bürgermeister – Ryyan Alshebl hat genug Stoff für ein Buch. Diese Woche ist das Werk des 32-jährigen Rathauschefs von Ostelsheim (Kreis Calw) erschienen. Titel: „Flucht nach vorn – Ein syrischer Bürgermeister in Schwaben zeigt, wie gute Politik gehen kann“.
Seit 2023 hat Ryyan Alshebl im Rathaus von Ostelsheim (Kreis Calw) das Sagen. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Herr Alshebl, diese Woche ist Ihr Buch erschienen. Welche Botschaft wollen Sie mit den mehr als 200 Seiten aus dem Leben von Baden-Württembergs erstem deutsch-syrischem Bürgermeister aussenden?
Den allermeisten Deutschen ist nicht bewusst, dass es ihnen wahnsinnig gut geht. Besonders aus der Perspektive eines Außenstehenden, der aus Syrien kommt und immer diese Gewalt, die Nöte und die Probleme aus so einem ehemaligen Bürgerkriegsland im Hinterkopf hat. In Deutschland haben wir es mit Wohlstandsproblemen zu tun – und nehmen vieles für selbstverständlich.
Und trotzdem ist auch hierzulande derzeit nicht alles rosig. Sie beschweren sich in dem Buch etwa über die von Ihnen so genannte „Verhinderungsbürokratie“. Als Beispiel nennen Sie den mehr als 80 Millionen Euro teuren Fledermaus-Schutz im Zuge der Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn von Weil der Stadt nach Calw.
Es ist einem nicht zu erklären, warum die Reaktivierung einer regionalen Nebenstrecke von nicht mal 20 Kilometern ganze 14 Jahre dauert – während der König von Württemberg im 19. Jahrhundert die Schwarzwaldbahn von Stuttgart nach Calw innerhalb von knapp sechseinhalb Jahren fertigstellen ließ. Ich will keine Standards wie in Syrien, aber wir gefährden unsere Wettbewerbsfähigkeit mit Ländern wie China massiv, wenn wir so mit unseren Ressourcen umgehen. Natürlich darf man auch den Artenschutz deshalb nicht per se als unnötig abstempeln, aber wir müssen einen Spagat finden zwischen Leistungsfähigkeit auf der einen Seite und demokratischen Prozessen auf der anderen Seite. In den Behörden hat sich in den vergangenen Jahren leider eine Kultur hin zu absoluter Rechtssicherheit etabliert: Ein Verwaltungsdokument wird nur so gestaltet, dass es gegen wirklich alles gewappnet ist und man sich zu keinem Prozent rechtlich angreifbar macht. Diese Einstellung ist der Kern dieser Verhinderungsbürokratie. Und das ist leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Sie haben als Bürgermeister von Ostelsheim auch Erfahrungen gemacht mit dem Widerstand gegen Windräder, wie er an vielen Orten in Deutschland zu beobachten ist. Warum wollten Sie das in Ihrem Buch unterbringen?
Der Widerstand ist aus der syrischen Perspektive, wo es kaum Strom gibt, überhaupt nicht nachvollziehbar. Wenn ich Verwandten dort erzähle, dass wir Windräder bekommen, die Energie erzeugen und für die wir als Gemeinde sogar Geld kriegen, aber die Bürger wollen das nicht, dann löst das Verwunderung aus. Natürlich haben mir die Gegner immer wieder gesagt, dass es gute Gründe gibt. Es gibt immer gute Gründe gegen Infrastrukturprojekte, ob gegen Autobahnen oder Schienen. Aber am Ende ist es in der Gesamtabwägung möglicherweise notwendig. Bei der Energieversorgung sollte man diese Mechanismen so ändern, dass das nur der Bund beschließen kann. Derzeit verlagert man die ganze Energiesicherheit auf die Kommunen vor Ort. Und dort gibt es den demokratischen, durchaus legitimen Veto-Mechanismus durch die Bürger. Wenn es aber um die Energiesicherheit des Landes geht, sollte das der Bund ohne Mitspracherecht der Bürger durchsetzen können.
Sie werden immer wieder als Musterbeispiel für gelungene Integration bezeichnet, dabei stören Sie sich an dem Begriff, schreiben Sie in Ihrem Buch. Was sollte sich hierzulande am Verständnis von Integration ändern?
Mir geht es nicht um den Begriff an sich, sondern wie man ihn lebt. Wir sollten als Gesellschaft schauen, was die Leute, die hierher kommen, mitbringen – und dies als Bereicherung wahrnehmen, wertschätzen und versuchen, die Fähigkeiten zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen. Und nicht die Vorstellung zu haben, dass die ankommenden Menschen sich zu 100 Prozent anpassen müssen an das, wie wir hier leben. Das ist keine kluge Vorstellung von einer pluralistischen Gesellschaft.
Auch Sie hatten es am Anfang nicht leicht...
Es war eine bisschen beschwerliche Reise. Als Ausländer bist du in den ersten Jahren im Dauerrechtfertigungsmodus, warum du hier bist und so weiter. Man muss harte Steine durchbohren, aber daraus sind echte Freundschaften entstanden. Und ich hatte das Glück, viele Türöffner getroffen zu haben.
Wie blicken Sie auf die aktuelle, unsichere Situation in Ihrem Heimatland und das Verhalten der deutschen Politik?
Ich rede mit vielen Drusen, Christen, Alawiten und Kurden, die in Syrien sind. Und alle diese Minderheiten wollen wegen des islamistischen Regimes jetzt das Land verlassen. Diejenigen, die hier in Deutschland ankündigen, dass wir alles besser im Griff hätten, wenn wir nur die Leute abschieben, beziehungsweise die Grenzen dicht machen, sind Märchenerzähler. So löst man keine Probleme, sondern verlagert sie nur. Alle, die sich vor der Landtagswahl als strenge Sheriffs verkaufen, haben keine Ahnung.