Vom Flüchtling zum Großgastronomen: The Duc Ngo und seine Geschichte Ducs Imperium

The Duc Ngo in einem seiner Restaurants. Weitere Lokale sehen Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dado.photo

The Duc Ngo kam als Flüchtling aus Vietnam nach Deutschland und eröffnete mehr als ein Dutzend Restaurants in 20 Jahren. Ganz ohne Ausbildung. Heute ist er einer der erfolgreichsten Gastronomen Berlins.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Berlin - Seine Geschichte muss erzählt werden. Es ist eine Erfolgsstory. Eine vom Tellerwäscher zum Millionär quasi, tatsächlich jene vom Flüchtling zum Großgastronomen. The Duc Ngo ist 45 Jahre alt, ihm gehören mehr als ein Dutzend Restaurants. Allein in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg sind es sechs Lokale, er hat Ramen-Läden, Restaurants in Frankfurt am Main und Baden-Baden, ein Sushi-Restaurant in Saint-Tropez. Und man kann sich sicher sein, dass noch lange nicht Schluss ist.

 

Bei ihm gehen Stars ein und aus

The Duc Ngo, den alle nur Duc nennen, ist Koch. Aber vor allem Chef, einer, der jede Wirtschaft um eines seiner Lieblingsgerichte aufgebaut hat. Sternekoch Tim Raue sagt: „Es gibt tatsächlich keinen Gastronomen und keine Restaurants auf dieser Welt, wo ich in den letzten drei Jahren so viel Geld gelassen habe wie bei Duc.“ Bei ihm gehen Stars ein und aus: Sharon Stone, die Rolling Stones, David Fincher, Justin Bieber, Kanye West, Tom Hanks. The Duc Ngo macht im TV bei Tim Mälzers „Kitchen Impossible“ mit – und gewinnt –, ziert das Cover von Essenszeitschriften und wird als „Gastronomischer Innovator“ ausgezeichnet.

The Duc Ngo, geboren 1974 in Hanoi, wird gerne auch mal „King des Kiezes“ genannt. Er ist lässig wie ein Hip-Hop-Star, trägt eine weite Hose, Käppi. In der einen Hand das Smartphone, in der anderen eine E-Zigarette. Mittlerweile ist der Duc selbst prominent und wird in dem ARD-Fernsehfilm „In Berlin wächst kein Orangenbaum“ einen vietnamesisch-chinesischen Migranten, der einen China-Imbiss betreibt, spielen. Regie führen Kida Khodr Ramadan („4 Blocks“) und Ducs Bruder. „Das ist Klischee. Aber für Kida und meinen Bruder mache ich das“, so Duc, der sonst TV-Auftritte absagt, wenn er Glückskekse backen soll.

„Es war eine schlimme Fahrt in einer Nussschale. Hunderte Menschen waren auf einem Boot, das für 25 Personen ausgelegt war.“

Es war 1979, als er nach Deutschland kam. Seine Mutter ist Vietnamesin, sein Vater Chinese, der kurz vor der Flucht stirbt. Für die Familie geht es mit dem Boot über das Südchinesische Meer: „Es war eine schlimme Fahrt in einer Nussschale. Hunderte Menschen waren auf einem Boot, das für 25 Personen ausgelegt war. Kein Wasser, kein Essen, es gab kurz vor der südchinesischen Küste einen Schiffbruch, weil der Kapitän gegen einen Felsen gefahren ist. Wir sind dann drei Tage bis zum nächsten Dorf gewandert.“ Von dort ging es weiter nach Hongkong in das größte Auffanglager Südostasiens. Dann hieß es warten. Schließlich kam die Familie mit insgesamt zehn Leuten nach Westberlin. The Duc Ngo kommt an, lernt schnell Deutsch. Doch mit Grauen erinnert er sich an das Essen: „Wir haben Eintöpfe in Kanistern bekommen und uns gefreut, wenn es eine Dose mit Jagdwurst gab. Auf dem Gasherd haben wir das gebraten und mit Reis gegessen. Maggi und Reis und Wurst, bisschen Gemüse, das war’s.“

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Sein Smartphone liegt mit dem Display nach unten auf dem Sofa. Es vibriert. Ständig. Er ist ein gefragter Mann. Ehrgeizig war The Duc Ngo immer: „Ich wollte immer der Stärkste, Schnellste, eben der Beste sein.“ Im Sport zum Beispiel: Er war Leistungssportler in Leichtathletik. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht die körperlichen Voraussetzungen habe, der Beste zu sein. Also machte ich Musik.“ Sein Ziel: Popstar. Er war in verschiedenen Castings und hat es bis ins Finale mit einer Boyband geschafft. Letztlich hat es nicht geklappt. Also: kellnern, in Clubs arbeiten, ausgehen. Was man so macht im Berlin der 1990er Jahre. Und er hat die Menschen beobachtet. „Ich weiß, was das Verlangen ist. Und wie inszeniert man etwas, damit es die Gäste gut finden.“ Sein größtes Talent? „Ich verstehe die Gäste“, sagt The Duc Ngo. „Und was das Kochen angeht, sorge ich für neue Geschmackserlebnisse. Sachen zu kreieren, nach denen die Leute süchtig werden.“

Er eröffnet 1999 das Kuchi, ein modernes Sushi-Restaurant – zu einer Zeit, in der Tapas hierzulande der letzte Schrei sind. Heute ist er Chef der Suppenläden Cocolo Ramen in Kreuzberg und Mitte, des Golden Phoenix mit vietnamesisch-französischer Cross-over-Küche, des sehr coolen 893 Ryotei (japanisch-peruanisch), des Fischrestaurants Funky Fisch oder des Madame Ngo in Charlottenburg. Letzteres ist sein persönlichstes Restaurant, seine Liebeserklärung an die Nudelsuppe Pho. „Die könnte ich jeden Tag essen.“ Das erfolgreichste Lokal ist das 893 Restaurant. „Da rennen sie uns die Bude ein“, erzählt Duc. Im Jahr 2019 heißt Erfolg natürlich immer noch, wie voll das Lokal ist, wie es den Gästen schmeckt, aber auch, welche Spuren virtuell auf Plattformen wie Instagram hinterlassen werden. So postet der Fernsehkoch Frank Rosin etwa, dass das 893 der beste Ort sei.

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Das Funky Fisch sei noch nicht am Peak wie die anderen Restaurants. In Ducs Sprech heißt Spitze natürlich Peak. Er ist international aufgestellt, einer der erfolgreichsten Gastronomen der Weltstadt Berlins. Sein Kiez ist Charlottenburg, genauer die Kantstraße, in der es viele asiatische Restaurants gibt: „Hier bin ich auch aufgewachsen, habe vor 30 Jahren Flugblätter verteilt.“

Heute schafft der Duc Gerichte, die seinen Gästen in Erinnerung bleiben. Zahlen interessieren ihn nicht. Er weiß nicht, wie viele Menschen täglich in seinen Restaurants sind. Wie viele Mitarbeiter er beschäftigt? „Ich schätze, zwischen 300 und 400“, so The Duc Ngo. Einer wie er fällt aber auch mal hin. So versuchte er sich an einem veganen Restaurant. „Es ist noch ein Nischenprodukt. Und dieser Hype war kurzweilig“, so The Duc Ngo, der dann aus dem veganen Laden das Streetfood NKP machte, das um das Dreifache besser läuft. Dort gibt es Nudeln, Bao Buns, Bowls.

Und irgendwann eröffnet er ein Berliner Restaurant

The Duc Ngo ist vietnamesisch-chinesischer Abstammung, hat japanische Küche gelernt, war mit einer Koreanerin verlobt, ist in Berlin mit Türken und Arabern aufgewachsen. „Das ist die Vielfalt. Und ich bin ein Vielfalt-Meister“, sagt er. „Ich kann und will nicht nur eine Sache machen. Ich kann nichts perfekt. Manche können am besten fermentieren, soufflieren, backen. Ich kann alles – dazu kommt die Inszenierung.“ Das sei seine Stärke, aber auch seine Schwäche.

Pläne hat er noch viele: „Irgendwann gebe ich der Stadt Berlin ein Berliner Restaurant, von mir interpretiert.“ Er schwärmt von Fisch in hellen Soßen mit Dill, von Königsberger Klopsen, von Hühnerfrikassee, von Kraut- und Gurkensalaten, Kotelett, Kartoffeln mit Spinat und Ei, Suppen und Bohneneintöpfen. „Das liebe ich.“ Was ihn sonst noch reizen würde? „Ein Stern ist natürlich ein Ritterschlag“, sagt er. Dazu bräuchte er nur noch das passende Restaurant. Klingt nach einem Plan.

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