Stuttgart-Rot Wie aus dem Flüchtlingslager ein Stadtteil wurde
Vor 75 Jahren wurde in einem Flüchtlingslager der Grundstein für Stuttgart-Rot gelegt. Der Stadtteil steht exemplarisch für die Migrations- und Baugeschichte der Bundesrepublik.
Vor 75 Jahren wurde in einem Flüchtlingslager der Grundstein für Stuttgart-Rot gelegt. Der Stadtteil steht exemplarisch für die Migrations- und Baugeschichte der Bundesrepublik.
Auch drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren dessen Folgen in Deutschland noch allgegenwärtig. Breitflächige Zerstörungen, getrennte und evakuierte Familien kennzeichneten den Alltag. Wohnraum, Arbeitsplätze und Lebensmittel waren äußerst knapp bemessen – und mussten darüber hinaus geteilt werden, denn zur eingesessenen Bevölkerung waren sehr viele neue Bewohner hinzugekommen. Als Ergebnis der NS-Herrschaft und des Krieges mussten rund 12,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten des Reiches und einer Reihe von Staaten Ostmitteleuropas aufgenommen werden, acht Millionen davon in den westlichen Besatzungszonen. Viele von ihnen fristeten ein Lagerdasein. Selbst zehn Jahre nach Kriegsende zählte man in der Bundesrepublik noch mehr als 3000 Lager mit mehr als einer halben Million Bewohnern.
Zu diesen Barackenstädten, wie sie zeitgenössisch genannt wurden, gehörte auch das Lager auf der Schlotwiese in Stuttgart-Zuffenhausen. Es war nicht nur das größte der vielen Flüchtlingslager der Stadt, sondern des deutschen Südwestens insgesamt. 1942 als Lager für Zwangsarbeiter erbaut, diente es nach Kriegsende für kurze Zeit als Repatriierungslager für sowjetische Displaced Persons. Danach stand es leer und sollte abgerissen werden. Dem kam die amerikanische Besatzungsmacht zuvor. Sie wies beginnend mit dem 13. August 1945 in die verfallenen, löchrigen und verwanzten Holzbaracken Donauschwaben aus Jugoslawien ein. Sie waren Ende 1944 von reichsdeutschen Behörden aus ihrer Heimat evakuiert worden und erlebten das Kriegsende nach einer Odyssee durch halb Europa im Harz. Auf der Schlotwiese entwickelten die misstrauisch beäugten Fremden – bis zu 1400 Personen – notgedrungen eine funktionierende Flüchtlingsgemeinde: mit einem Leiter, einem Beirat, einer Schule und Kirche, einigen Kleinbetrieben, einer Gaststätte, einem Chor, einer Theatergruppe und einer sehr erfolgreichen Fußballmannschaft, dem FC Batschka.
Das Lager bot seinen Bewohnern die sprichwörtliche Nestwärme in einer fremden, ihnen zunächst wenig freundlich gesinnten Umgebung (die Stuttgarter Verwaltung sprach vom Lager als einem „Stachel im Fleische der Stadt“). Weil ihnen die Rückkehr in die Heimat versperrt blieb und Pläne, nach Argentinien auszuwandern, sich zerschlugen, entschlossen sich die Schlotwieser für einen Neuanfang in Deutschland.
Am 17. November 1948 gründeten 79 der Bewohner des Barackenlagers auf der Schlotwiese die „Gemeinnützige Bau- und Siedlungsgenossenschaft Neues Heim e.G.m.b.H.“. Ziel war es, wie es im Gründungsprotokoll heißt, „in gemeinsamer Arbeit menschenwürdige Wohnungen zu erstellen“. Für den Aufnahmeantrag waren zehn D-Mark zu zahlen, ein Geschäftsanteil konnte ebenfalls für zehn D-Mark erworben werden, die Höchstzahl der Geschäftsanteile lag bei 100 Stück, und das Gründungskapital betrug 7000 D-Mark.
Dass gebaut werden musste, um die „seit Jahren andauernde menschenunwürdige Unterbringung in Bretterbaracken“ zu überwinden, daran ließ die Initiative der Lagerbewohner keinen Zweifel. Allerdings wo sie bauen würden, stand bei der Gründung der Genossenschaft noch nicht fest. Außerdem fehlten die erforderlichen Mittel.
Angesichts des in Stuttgart zu einem Drittel zerstörten Wohnungsbestandes und der trotz der Kriegsverluste deutlich gestiegenen Bevölkerung musste die Stadt dringend Wohnraum schaffen. Vor diesem Hintergrund war es auch ein Anliegen der städtischen Behörden, das Lagerdasein der Bewohner auf der Schlotwiese zu beenden. Die Mittel, die für die Dauerinstandhaltung der maroden Baracken aufzubringen waren, wollte die Stadt zielführender für den Bau neuer Wohnungen einsetzen. Deshalb unterstützte sie die Pläne der Schlotwieser.
Der Generalplan für den Wiederaufbau Stuttgarts sah für Zuffenhausen, ausgehend vom Rotweg in östliche Richtung, eine deutliche Erweiterung der Siedlung vor. Es sollte insgesamt eine neue Wohnstadt entstehen. Man knüpfte dabei an den sozialen Wohnungsbau in dem Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg an. Dieser hatte seinen Niederschlag in der Mahlbergsiedlung von 1928 in den Pliensäckern und der zwischen 1938 und 1940 errichteten NS-Kleinheimsiedlung nördlich des Rotwegs gefunden. Mit dem Generalbebauungsplan, so war in der Presse zu lesen, „wurde im Stadtbezirk Zuffenhausen eine Entwicklung eingeleitet, die sein äußeres Gepräge und seine innere Struktur wesentlich verändern wird“.
Noch bevor der Bebauungsplan für das Gebiet überhaupt vorlag, stellte die Stadt der Genossenschaft ein Baugrundstück in Erbpacht südlich des Rotwegs zu Verfügung. Zu der Eigenleistung und dem Eigenkapital von 28 800 D-Mark kamen ein Zwischenkredit und ein zinsloses Darlehen der Württembergischen Landeskreditanstalt sowie ein Darlehen der Stadt Stuttgart hinzu. Noch fehlten 5000 D-Mark, die durch weitere Einzahlungen der Genossenschaftsmitglieder aufgebracht werden sollten. Damit war die Finanzierung eines ersten Wohnblocks mit Kosten in Höhe von 228 800 D-Mark gesichert. Das städtische Bauförderungsamt wies ausdrücklich darauf hin, dass damit kein Präzedenzfall für andere Baugenossenschaften geschaffen wurde, und sprach skeptisch von einem risikobehafteten „ersten Versuch, die Flüchtlinge selbst bauen zu lassen“.
Gestützt auf die Pläne des Architekten Eugen Zinsmeister hoben die Genossenschaftsmitglieder im Frühjahr 1949 mit eigenen Händen die Baugrube für das Gebäude im Rotweg 58 bis 62 aus. Bereits am 29. Juli lud die Baugenossenschaft zu einem „bescheidenen Richtfest“ ein. Und schon am 3. Dezember 1949, nach lediglich sieben Monaten Bauzeit, erfolgte die Einweihung des ersten Wohnblocks. Er bot Platz für rund 100 Bewohner des Lagers auf der Schlotwiese. Der dreigeschossige Bau umfasste kleine Wohnungen mit bescheidener Ausstattung und einem Gemeinschaftsbad im Untergeschoss. Aber im Gegensatz zu den Baracken des Flüchtlingslagers waren es neue, komfortable und zeitgemäße Wohnungen. Weitere sollten folgen. 1950 setzte die Genossenschaft ihre Bautätigkeit fort. Vergleichbare Wohnblocks – serielles Bauen war ein Gebot der Stunde – entstanden zunächst am Rotweg und in der Fleiner Straße.
Damit hatte die Baugenossenschaft die ihr kaum zugetraute Feuertaufe bestanden. Bereits nach vier Jahren feierte man das Richtfest für die 500. Wohnung. Nach und nach zogen viele der Lagerbewohner von der Schlotwiese nach Rot und mit ihnen auch der Fußballclub. Er passte 1956 seinen Namen dem neuen Wohnort an: SV Rot. Der Name der Genossenschaft blieb ihr Programm. Die Zahl ihrer Mitglieder wuchs kontinuierlich und auch ihr Wohnungsbestand. Sie schuf nicht nur für Geflüchtete und Vertriebene, sondern auch für viele andere Wohnungssuchende ein neues Heim und damit die Grundlage für eine neue Heimat.
Mit dem ersten Wohnblock legte die Baugenossenschaft zugleich den Grundstein für die neue Siedlung Stuttgart-Rot. Ihr erster Wohnblock eröffnete buchstäblich auf der grünen Wiese eine Großbaustelle im Stuttgarter Norden. Er markiert den Anfang des neuen, in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit wachsenden neuen Stadtteils, der aber nur nach und nach an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden wurde. Begünstigt durch das erste und zweite Wohnbaugesetz von 1950 und 1956 waren neben der Baugenossenschaft Neues Heim rund ein Dutzend Wohnbaugesellschaften, 25 Wohnungsbauunternehmen sowie Privateigentümer am Aufbau von Stuttgart-Rot beteiligt.
Im April 1953 zählte der neue Ortsteil bereits 9000 Einwohner. „Tausende neue Wohnungen und immer mehr Anwärter“, titelten die Stuttgarter Nachrichten. In der Presse war von einem „überamerikanischen Bautempo“ die Rede. Mit den 1955 von einer privaten Firma in Angriff genommenen beiden Hochhäusern Romeo und Julia, die der bekannte Architekt Hans Scharoun entworfen hatte, entstanden die damals höchsten Wohngebäude der Bundesrepublik. Deren Einweihung 1959 sorgte für ein Großaufgebot von Presse, Rundfunk, Fernsehen und Film. Bis 1961 stieg die Einwohnerschaft in Rot auf ihren seither nie mehr übertroffenen Höchstwert von knapp 17 000 an. Die Baugenossenschaft Neues Heim griff mit ihrer Bautätigkeit schon bald über die Stadtgrenzen Stuttgarts hinaus.
Migrationen stehen am Anfang von Stuttgart-Rot. Später und bis in die Gegenwart kamen und kommen neue Bewohner hinzu, aus dem Inland und aus dem Ausland. Wenn auch nicht allein, prägten und prägen Zuwanderer die mittlerweile in die Jahre gekommene Siedlung ebenso wie diese ihre Bewohner. Die Baugenossenschaft Neues Heim, stellvertretend für alle anderen Baugenossenschaften, und der Stadtteil stehen damit für die Migrations- und Baugeschichte der Bundesrepublik insgesamt – mit ihren unübersehbaren sozialen Herausforderungen und ihren unbestreitbaren Erfolgen.
Ihrer Gründungsgeschichte folgend, stellt sich die Baugenossenschaft auch den Herausforderungen der Gegenwart. Gemeinsam mit der Baugenossenschaft Zuffenhausen und der Flüwo treibt sie im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2027 die zeitgemäße Entwicklung des Stadtteils mit dem Projekt „Quartier am Rotweg“ voran, das die Keimzelle von Stuttgart-Rot betrifft. In Rot weichen gerade die ältesten Gebäude – auch das Gründungsgebäude – neuen Wohnungen. Akten, Fotos und die Erinnerungen der Bewohner lösen den sichtbaren Anfang der Siedlung ab.
Lebendig sind der Genossenschaftsgedanke und der Pioniergeist, die am Anfang von Stuttgart-Rot standen. Der Genossenschaftsgedanke hat, so wie 1948, nichts an seiner Aktualität verloren. Unter völlig anderen Rahmenbedingungen erweist er sich auch heute als eine zeitgemäße Antwort auf die drängenden Fragen, vor denen die deutsche Gesellschaft in den Bereichen Migration und Wohnungsbau heute steht.