Die modernen Demokratien stecken in einer Vertrauenskrise, vermutlich in ihrer größten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Rechtspopulistische Parteien und autoritär gesinnte Gruppierungen dominieren in Europa und den USA das politische Geschehen. Wut auf Migranten, die Eliten oder „woke“ Menschen, treiben sie an. Doch diese Gruppen sind mitnichten die Ursache für diese Wut. Vielmehr verbergen sich dahinter oft erlebte Kränkungen, die sich verselbstständigt haben. Häufig wurden sie durch Brüche oder Niederlagen ausgelöst – und häufig werden sie übersehen.
Sie sind keine Domäne der Neuen Rechten. So zeigte die CDU Baden-Württemberg nach der Landtagswahl, dass auch etablierte Parteien nicht immun gegen emotionale Reaktionen auf Niederlagen sind – wenn Erwartungen herb enttäuscht werden.
Wenn Parteien zu schlechten Verlierern werden
Die CDU lag in den Umfragen lange vorn, wenngleich sich der Abstand zu den Grünen vor der Wahl fast anglich. Den erwarteten Sieg aber habe ein von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Zoe Mayer gepostetes Video verhindert, hieß es. Das Wort „Schmutzkampagne“ war von Seiten der konservativen Partei zu hören. Schuld an der Niederlage war nicht der Inhalt des Videos, sondern dessen Verbreiten. Zu sehen war der CDU-Kandidat Manuel Hagel, der von einer minderjährigen Schülerin und ihren „rehbraunen Augen“ schwärmt. Das Video ging viral. Ob es wahlentscheidend war? Mutmaßlich nicht. Doch es half der CDU dabei, den eigenen Anteil an der Wahlniederlage zu ignorieren.
Die eigentliche Kränkung war aber die knappe Niederlage in einem Land, das man geradezu als einen politischen Erbhof betrachtet. Schon wieder stellt die CDU nicht den Ministerpräsidenten. Nach 15 Jahren der Zurückweisung eine für viele CDU-Funktionäre schwer erträgliche Vorstellung.
Vom gekränkten Ich zur kollektiven Wut
Erfahrungen von Kränkung sind ein zutiefst menschliches Erleben. Wir alle erleiden Kränkungen im Leben. In der Regel gelingt es den meisten Menschen die dadurch erlittenen Gefühle wie Wut, Trauer oder Selbstzweifel irgendwann zu überwinden. Anders sieht es jedoch aus, wenn Kränkungen tief an einem idealisierten Selbstbild, an der eigenen Identität kratzen. Oder, wenn das Gefühl entsteht, ein als angemessen beanspruchtes Leben werde einem vorenthalten . Narzisstische Kränkungen sind tiefgreifende Verletzungen, die auf ein ohnehin schon fragiles Selbstwertgefühl treffen – ausgelöst durch Kritik, Ablehnung oder Machtverlust. Der Begriff geht ursprünglich auf den Psychoanalytiker Sigmund Freud zurück. Wie sich am Beispiel der CDU Baden-Württemberg zeigt, können nicht nicht nur Individuen von tiefen Kränkungen betroffen sein, sondern auch Parteien, Staaten und soziale Gruppen. Letztere können die vermeintlich erlittenen Kränkungen zusammen schweißen.
Wenn Verletztheit zu Gewalt wird
Die Literaturwissenschaftlerin Carolin Amlinger und der Soziologe Oliver Nachtwey haben sich für ihr Buch „Zerstörungslust“ mit Anhängern Donald Trumps, Elon Musks oder der AFD beschäftigt. Sie alle eint das Gefühl, von politischen Eliten vergessen oder durch zeitgeistige Themen an den Rand gedrängt zu werden. Als „blockierte Leben“ bezeichnen die Autoren die Biografien ihrer Gesprächspartner. Viele hätten keinerlei Zuversicht mehr, aus ihren Verhältnissen das Beste machen zu können. Daraus erwächst bei vielen das Gefühl, sie seien den etablierten Parteien egal – was letztlich oft in einer Zerstörungslust mündet und bei den Interviewten das Bedürfnis schuf, „dass Tabula Rasa“ gemacht werden muss. Und das „nicht nur in Deutschland, sondern weltweit“, wie ein Befragter betont.
Amlinger und Nachtwey stellen fest, dass die „Wahrnehmung der Welt, die sich in ihrer emotionalen Drastik gegen Irritationen von außen abdichtet, nicht nur Ausdruck eines individuellen, explosiven Charakters“ ist. So habe man in Gesprächen mit Wählern rechter Parteien vielmehr „kollektiv geteilte Gefühlsstrukturen“ beobachtet, die Krisenerfahrungen in sinngebende Geschichten übersetzen.
Diese darunter liegenden unbewältigten narzisstischen Kränkungen können zu einem starken politischen Motor werden, der in destruktiven Reaktionen wie Schuldzuweisung, Aggression und Realitätsverzerrung mündet und somit politische Dynamiken und Konflikte prägt – von der Parteischlammschlacht bis hin zum Krieg. Einige Historiker interpretieren sogar Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine als Ausdruck einer über Jahre gewachsenen politischen Kränkung. Sie habe sich auf „diese furchtbare und tragische Weise entladen“, schreibt der Psychiater und Neurologe Volker Busch von der Universität Regensburg.
Kränkung als Kriegsgrund
Auch der österreichische Psychiater Reinhard Haller weist darauf hin, dass „viele Verbrechen, auch Kriege, durch tiefe Kränkungen ausgelöst“ werden. Besonders relevant sei dabei, so Haller, dass viele Menschen Kränkungen selten reflektiert verarbeiten. Stattdessen verlagern sie diese nach außen, suchen und benennen Schuldige.
Dabei gäbe es andere Wege mit Kränkungen umzugehen – die der eigenen Psyche dauerhaft weniger schaden. So hatte der CDU-Kandidat Hagel am Wahlabend zunächst alles richtig gemacht. Er übernehme die volle Verantwortung für die Niederlage und gratuliere dem Wahlsieger Cem Özdemir, sagte Hagel. Womit er einen gesunden und erwachsenen Umgang mit dem kränkenden Wahlausgang zeigte. Im späteren Verlauf des Abends übernahm Hagel die Parteilinie von der „Schmutzkampagne“.
Schmutzkampagne statt Selbstkritik
Damit geriet die CDU in die Rolle eines schlechten Verlierers, und gab sich über mehrere Tage einem grotesken Machtschauspiel hin – was in der Forderung eines geteilten Ministerpräsidentenamts kulminierte. Doch das Narrativ von der „Schmutzkampagne“ hatte jenseits des Machtkalküls auch einen selbstwertdienlichen Charakter, nämlich, indem man die politische Konkurrenz – also die Grünen – abwertete.
Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm bezeichnete dies als eine Form des Narzissmus: eine Selbstidealisierung bei gleichzeitiger Entwertung all dessen, was nicht die fantasierte eigene Großartigkeit spiegelt oder ergänzt. Häufig sitzen Kränkungen besonders tief, wenn sie eigene Erzählungen konterkarieren. Die CDU sieht sich selbst als Partei, die in wirtschaftlich angespannten Zeiten zu regieren hat, also als die selbst ernannte „Wirtschaftspartei“.
Wenn Wirtschaftskompetenz nicht mehr zählt
Wie konnten die Wähler dies nicht sehen? Und warum wurde ein angeblich belangloses Video wichtiger als „die Wirtschaft“? Diese Frage stellte auch Reiner Haseloff, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, bei Markus Lanz. Als die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann Kritik an der Wahlkampfstrategie der CDU nach Auftauchen des „Rehaugen“-Videos übte, unterbrach er sie rüde: „Dass man darüber überhaupt diskutiert hat, ist doch lächerlich.“ Doch das Thema schien vor allem für Wählerinnen wichtig zu sein – die sich ihrerseits abgewertet und gekränkt fühlen, aufgrund fehlender Sensibilität und Empathie der Partei. Der Kreis schließt sich.
Wer sich selbst erhöht, fällt tief. Und je tiefer man fällt, desto größer ist die Kränkung. Was auf Dauer fatale Folgen haben kann. „Die schlimmste Entwicklung nach wiederholten Kränkungen ist die aggressive Verbitterung, ein chronischer Zustand gekennzeichnet von aufgestautem Zorn und gleichzeitiger Hilflosigkeit“, so Volker Busch. Diese Entwicklung lässt sich auch bei so manchem Corona-Gegner beobachten: Für viele waren die Schutzmaßnahmen der Inbegriff der Kränkung. Eine Versöhnung blieb ihnen die Politik aus ihrer Sicht schuldig.
Vom Affektstau zur Zerstörungslust
Die Betroffenen wurden dadurch in eine Art „anhaltenden Alarmmodus versetzt, der körperlich und seelisch stark stresst“, schreibt Busch. Die negativen Gefühle seien für Betroffene überwältigend. Weil niemand da sei, der ihnen zuhöre, tröste oder eine Versöhnung anstrebe, komme es zu einem „Affektstau“. Die aufgestauten Gefühle können sich auf aggressive Weise Bahn brechen. Man spreche dann von einer Affektumkehr. „Es beginnt der verbitterte und hasserfüllte Kampf um Wiedergutmachung und Rache, koste es, was es wolle“, so Busch.
Letztlich geht es nicht darum, ob die erlebte Kränkung von jemand anderem beabsichtigt, ob sie überhaupt wirklich kränkend gemeint war. Haller beschreibt Kränkungen als „Erschütterungen des Ichs und der eigenen Wertewelt“. Entscheidend sei dabei nicht die objektive Schwere eines Ereignisses, sondern die subjektive Bedeutung für das Individuum: Eine Bemerkung oder ein Verhalten schmerzt dann heftig, wenn es uns „ins Mark“ trifft, eine bereits bestehende Verletzlichkeit von uns berührt. Im Kern, so Haller, gehe es „immer um den Selbstwert“.
Dass die Politik ihre Bedürfnisse nicht wahrnimmt, ist aber ein zentrales Problem vieler gesellschaftlicher Gruppierungen. Auch sexuelle und ethnische Minderheiten fordern inzwischen einen gerechten Teil der Wahrnehmung für sich ein. Den meisten Menschen geht es aber um wirtschaftliche Sorgen und soziale Gerechtigkeit. „Das Leben der Mehrheit der Menschen ist ins Stocken geraten“, schreiben Amlinger und Nachtwey.
Statt die Ursache bei sich selbst zu suchen, wie es die „neoliberale Anrufung“ nahelege, greifen viele auf die Suche nach Schuldigen zurück, oft mit Verbündeten, die dasselbe (negative) Schicksal teilen. Gefühle könnten Welten trennen und Menschen unzugänglich für Argumente machen. So erzählten sich die Betroffenen die gleichen „für sie unmittelbar plausiblen Geschichten“ – wie die Mär von der Fake-Pandemie oder die, dass Geflüchtete Jobs wegnehmen.
Warum sich Kränkungen nicht wegdiskutieren lassen
Wegargumentieren lassen sich Kränkungen kaum. Wer sich entwertet oder nicht gesehen fühlt, reagiert nicht mit nüchterner Abwägung, sondern mit Emotion – und die findet ihren politischen Ausdruck: Ob man sich als AfD-Wähler wirtschaftlich deklassiert oder sich als Frau diskriminiert fühlt.
Für die Politik ist das herausfordernd. Nicht jede Kränkung ist irrational, viele wurzeln in realen sozialen Erfahrungen von Ungerechtigkeit, Abstiegsangst oder Kontrollverlust. Solange Parteien diese Erfahrungen nicht adressieren, sondern moralisch abwehren oder politisch instrumentalisieren, bleibt die Kränkung bestehen, mit ihr das destruktive Potenzial. Eine Kränkung rechtfertigt aber die von ihr entfesselten Gefühle wie Wut, Schuldzuweisung oder Hass nicht.