Vom Glauben abgefallen (7) Das schmeckt göttlich

Wie sooft bei Großveranstaltungen in Stuttgart, hat sich die Stadt auch beim Kirchentag in einen Hitzekessel verwandelt. Foto: dpa
Wie sooft bei Großveranstaltungen in Stuttgart, hat sich die Stadt auch beim Kirchentag in einen Hitzekessel verwandelt. Foto: dpa

Nach dem Kirchentag ist vor dem Stuttgarter Sommerfest. Die Bilder der Großveranstaltung werden schnell verblassen, doch die himmlischen und höllischen Metaphern bleiben uns erhalten, schreibt StZ-Kolumnist Erik Raidt.

Leben: Erik Raidt (era)
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Stuttgart - In diesen Stunden beginnt der Auszug der 100 000 aus Stuttgart, und ich frage mich, welche Botschaften die Leute wohl mit nach Hause nehmen werden. Für mich steht jedenfalls fest: Dieser Kirchentag war höllisch heiß. Mich hat die Veranstaltung oft an das Kinderspiel „Himmel und Hölle“ erinnert, bei dem du von einem Feld ins Nächste hüpfst – genau so sind die Besucher in Stuttgart von einem Schattenplatz in den nächsten geflohen. Wenn du diese Tage zum Maßstab nimmst, solltest du in der Stadt nie wieder einen Baum fällen, weil dir die Hitze sonst im Sommer den letzten Rest deines Verstands wegbrennt.

Irgendwie kommt es mir langsam übrigens merkwürdig vor, dass sich Stuttgart jedesmal in einen Dampfkochtopf verwandelt, sobald sich die Menschenmassen in der Stadt drängen. Während der WM 2006 fühlte ich mich fünf Wochen lang wie eine rote Stadionwurst, als der VfB ein Jahr später Meister wurde, glühte selbst im Mai der Kessel und jetzt beim Besuch der Heerscharen: schon wieder eine Wahnsinnshitze. Pünktlich zum Abschlussgottesdienst kühlt es ab.

Sie bringen mich in Teufels Küche

Aber natürlich wäre es ein totaler Unsinn, von einem himmlischen Zeichen zu reden, zumal der Kirchentag schnell wieder in der Wahrnehmung der Menschen verblassen wird, weil der nächste Urlaub geplant, der Einkauf erledigt oder die Schwiegermutter besucht werden muss. Der Alltag kehrt zurück, aber in unserer Sprache wird die Religion weiter ihren Platz behalten, in unzähligen Redewendungen, in Stoßseufzern und Flüchen. Den Chef fragen, ob er dir den Urlaub gewährt? „In Gottes Namen, dann geh‘ halt!“ Im Sternerestaurant den letzten Rest des Desserts auf der Zunge zergehen lassen? „Das schmeckt göttlich.“ Anschließend vom Ober die Rechnung serviert bekommen: „Sie bringen mich damit in Teufels Küche!“

Die Sprache ist geprägt von himmlischen und höllischen Metaphern, daran führt auch nach diesem Kirchentag in drei Teufels Namen kein Weg vorbei. Als Kind bekam ich mit auf den Weg, dass es sich gehöre, beim Betreten eines Ladens „Grüß Gott!“ zu sagen, was mir seinerzeit seltsam vorkam, weil ich mir unsicher war, ob die Bäckerin im Laufe des Tages wirklich noch auf Gott treffen und diesem meine Grüße ausrichten könne. Inzwischen klingt das „Grüß Gott!“ zumindest in einem Großstadt-Geschäft einigermaßen exotisch, von „Gott zum Gruß!“ gar nicht zu reden.

Ein Schuhgeschäft namens Mephisto

Aber auch wenn diese Grußformeln nicht mehr überall zu hören sind, nimmt der Einfluss des Religiösen auf den Sprachgebrauch nicht ab: „OMG!“ – die drei Buchstaben stehen in SMS-Botschaften für den Ausruf „Oh my God!“ Und der kirchliche Friedensgruß lautet im Jahr 2015 manchmal so: „Ey Bruder, Peace, ey!“ Ein Kollege von mir ist während des Kirchentags stundenlang durch die Stadt gepilgert und hat dabei viele frohe Botschaften gehört – aber am Ende des Tages stand er mit brennenden Füßen vor einem Schuhgeschäft namens „Mephisto“.




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