Durch Aitrach fahren Menschen, die rasch ins Büro wollen. Ein Straßendorf, 2500 Bewohner, gleich am Memminger Autobahnkreuz. Auf den schmalen Gehwegen entlang der Hauptstraße sieht man selten eine Menschenseele. Doch seit wenigen Jahren lässt die Pendler eine Erscheinung aufblicken, die nicht ins gewohnte Einerlei passt. Eine kleine Fußgängerin scheint unentwegt hin und her zu wandeln auf dem Kilometer zwischen Ortseingang und Ortsausgang. Sie läuft schnell, mit ausholendem Oberkörper, und kommt doch nur langsam voran. Ein ungewohnter Anblick für die motorisierten Pendler.
Mindestens so ungewöhnlich dürften die ersten Eindrücke von Aitrach für Halima Hamo gewesen sein. Sie ist Jesidin, ihre Heimatstadt Sindschar liegt in einem Gebirge im Norden Iraks, unweit der syrischen Grenze. Die Luft ist staubtrocken in dieser Gegend, Sand und Gestrüpp wechseln sich ab, und die Dörfer und Städte scheinen sich optisch der farblosen Vegetation angepasst zu haben.
Aitrach ist bunter. Auf ihrem Weg zur Arbeit kommt Halima Hamo vorbei an einem Streichelzoo, an Gabis Tee- und Dekoladen, an einer Fachpraxis für medizinische Fußpflege, einem Campingplatz, einem Lehrbienenstand. Wenn sie abends heimläuft, begegnet sie in dieser Jahreszeit maskierten Menschen, die Gewänder aus bunten Filzlappen und bimmelnden Glöckchen tragen. „Die sind bisschen verrückt hier“, sagt sie.
Keine Chance auf eine eigene Familie
Halima Hamo wohnt am östlichen Ende des Dorfs. Sie bittet ins Wohnzimmer, wo stets die Gäste empfangen werden. Für gewöhnlich unterhalten sich hier die Männer, während sie und die anderen Frauen im Esszimmer nebenan Platz nehmen. Heute ist sie die Gastgeberin. Sie trägt ein schwarz-weißes Flanellhemd zu schwarzen Leggins, und sie spricht mit tiefer, rauchiger Stimme, die ihr Präsenz verleiht. Wenngleich die massige Eckcouch, auf deren Kante sie Platz nimmt, sie gleich zu verschlucken droht.
Amsha Ghareeb, ihre ältere Schwester, bringt schwarzen Tee, Baklava und gefüllte Teigtaschen. Seit 6 Uhr steht sie in der Küche und rührt in großen Töpfen. Ein Dutzend Freunde und Verwandte aus Memmingen und Stuttgart haben sich an diesem Wochenende angekündigt. An Amshas Alltag hat sich nicht viel geändert, seit sie in Aitrach lebt. An Halimas schon.
Seit sie 15 Jahre alt ist, lebt Halima bei ihrer Schwester, ihrem Mann Geran und den acht Kindern. Als Amsha im Jahr 2000 heiratete und zu ihrem Mann zog, nahm sie Halima einfach mit. Dass die kleine Schwester einen Ehemann findet, schien ausgeschlossen. Und sie allein bei den Eltern zu lassen, war auch keine Option. „Halima ist mein erstes Kind“, sagt Amsha. Danach kamen Hadi, Hadeek, Hayman, Ameer, Helin, Haval, Aydel und Hareem zur Welt. Für die Kinder ist die kleine Tante wie eine zweite Mutter. „Ich habe sie alle gewickelt“, erzählt Halima Hamo. Sie hüpft in die Luft und greift Ameer, dem drittältesten Neffen, in den Nacken.
Ein Geschenk Gottes oder eine Strafe Gottes?
Ameer ist ihr Lieblingsneffe. Er ist 21 Jahre alt und macht eine Malerausbildung in Leutkirch. Obwohl er an diesem Samstagmorgen gern ausgeschlafen hätte, setzt er sich zu Halima auf die Couch. Wenn seine Tante in die Muttersprache wechselt, in Kurmandschi, übersetzt er ihre Worte ins Deutsche. „Bei der ersten Deutschprüfung ist sie durchgefallen“, neckt er sie. Halima lacht und macht eine Geste, als wollte sie ihm an die Gurgel.
Über ihre Kindheit im Irak erzählt Halima Hamo nicht viel. Die sei nicht so schön gewesen. „Ich wurde gehänselt, in der Schule, auf der Straße.“ Den geschützten Raum der Familie verließ sie nur, wenn sie musste. Dabei sei Halima etwas Besonderes, findet Ameer. „Ein Geschenk von Gott.“ Doch viele Menschen in seiner Heimat glaubten, dass Gott Familien für etwas bestrafe, wenn Kinder mit einer Behinderung zur Welt kommen. Laut den Vereinten Nationen werden besonders Frauen mit Behinderung in der arabischen Welt ausgegrenzt.
Halima Hamo erzählt, dass sie schon als Kind gern getanzt und gesungen hat. Sie sah sich Shows im Fernsehen an und ahmte die Stars nach. Auf Hochzeiten und anderen Familienfesten greift sie schon mal zum Mikrofon. Sie zeigt ein Video, auf dem sie ein mit Perlen besticktes Top trägt und orientalische Melodien singt, begleitet von einer Liveband und klatschendem Publikum.
Für das, was die Familie im Sommer 2014 erlebt hat, findet sie keine Worte. Auch Ameer nicht. „Das versuchen wir zu vergessen“, sagt er nur. Später erzählt sein Vater ein wenig. Dass sie Hals über Kopf in die Berge geflohen seien, als sie die Schüsse der Angreifer hörten. „Nur mit den Kleidern am Leib.“ Dort hätten sie drei Tage ohne Nahrung verbracht, in Todesangst. Pures Glück sei es gewesen, dass sie beim Abstieg dem Feind nicht in die Arme gelaufen sind. In diesen Tagen verlor die Familie zwölf Verwandte. „Wir wissen nicht, ob sie noch leben.“
Die Ghareebs gehören zu den 75 000 Jesiden, die Deutschland nach dem Völkermord an den Jesiden im Nordirak aufgenommen hat. Am 3. August 2014 ermordeten Terroristen des Islamischen Staats im Sindschar-Gebirge 5000, vielleicht auch 10 000 Jesiden. Sie entführten mehr als 7000 Frauen und Kinder, vor allem Mädchen, die auf Sklavenmärkten verkauft wurden. Bis heute werden fast 3000 noch vermisst. Rund 400 000 Jesiden ergriffen damals die Flucht.
Mit einer Frau wie Halima Hamo hätten die Terroristen vermutlich kurzen Prozess gemacht. Sie, Geran und die damals zehnjährige Helin gehörten zu den ersten Ankömmlingen in Deutschland. Im Jahr 2015 spülte der Zufall sie nach Aitrach. Sie hätten auch in Oldenburg oder Offenburg landen können. Entscheidend waren Kontingente der Bundesländer und Kapazitäten der Kommunen.
Sie verlor 20 Kilo innerhalb von sechs Monaten
Aitrach hat Halimas Leben völlig verwandelt. Wenn sie auf die Straße tritt, schlägt das Herz normal weiter. Wenn ihr Menschen begegnen, dann sei da keine Feindseligkeit, keine Gefahr mehr, bespuckt, getreten, verhöhnt zu werden. „Es gibt Blicke“, sagt sie. „Aber die tun nicht weh.“ Manche grüßen sogar. Und wenn sie bei Edeka einkauft, bieten ihr Wildfremde an, Dinge aus der oberen Regalreihe runterzureichen. Aitrach hat in Halima ungeahnte Energien freigesetzt. Innerhalb eines halben Jahres verlor sie 20 Kilogramm, so viel lief sie durchs Dorf. Die Welt erscheint ihr nun grenzenlos. Mit einem Ausweis für Schwerbehinderte dürfe sie kostenlos Bahn fahren. Bei jeder Gelegenheit steigt sie in den Zug, sei es nach Memmingen, Augsburg oder München. Anfangs begleitete Ameer sie noch auf ihren Streifzügen und Bahnfahrten. Später nicht mehr.
Nicht lange nachdem die Familie in Aitrach eintraf, kamen Menschen auf Halima Hamo zu. Die Frau vom Jobcenter, die Integrationsbeauftragte von Leutkirch, Frauen vom Helferkreis Asyl, die sie ermutigten zu arbeiten. „Halima konnte es nicht schnell genug gehen“, sagt Claudia Schiele, die sie zum Jobcenter begleitete. Die erste Anstellung in einem Supermarkt überforderte Halima. Die Arme waren nicht lang genug, um die Ware auf dem Fließband zu manövrieren. Der zweite Job passte. In einer Einrichtung der Werkstätten für Behinderte in Kißlegg bereitet sie Frühstück zu und bügelt Wäsche. Die Küche wurde so umorganisiert, dass sie mit einem Hocker überall rankommt. Sie verdient jetzt Geld und unterstützt die Familie. Eine Rolle, die ihr bisher fremd war.
Ihr Bett ist nun elektrisch höhenverstellbar, ein Geschenk der AOK
Umgekehrt erging es Geran, ihrem Schwager, das Familienoberhaupt, nun arbeitslos mit 52 Jahren. Er hat eine große Hüftoperation hinter sich, das Herz macht Probleme, der Blutdruck ist viel zu hoch. Wahrscheinlich hat ihn auch die Sorge, die Familie in Sicherheit zu bringen, krank gemacht. Geran war früher ein wohlhabender Unternehmer, er besaß große Stromgeneratoren und ein stattliches Haus. Es ging über drei Stockwerke, hatte Anbauten und einen Innenhof. Auf Fotos, die ihm ein Freund gesendet hat, zeigt er, was davon übrig geblieben ist. In den Fensterhöhlen sieht man gestapelte Sandsäcke. Weil sich IS-Terroristen dahinter verschanzt hatten, wurde das Haus vom US-Militär zerbombt, sagt Geran.
Halima Hamo zeigt, wo ihr Zimmer lag. Sie hatte ein großes eigenes im ersten Obergeschoss mit Balkon. In Aitrach genügt ihr ein kleines Zimmer, das sie sich mit ihrem Neffen Hayman teilt. Dafür habe sie ja jetzt draußen viel Platz. Ihr Bett ist elektrisch höhenverstellbar. „Von der AOK“, sagt sie. Ein Teddybär liegt darin, der so groß ist wie sie. „Von meiner Schwester.“ Halima kann kaum glauben, dass in Deutschland Menschen in ihrer Größe heiraten und sogar Kinder kriegen. Sie verzieht ein wenig das Gesicht.
Im vergangenen Sommer trat Halima wieder vor Publikum auf, dieses Mal waren auch Fremde darunter. Auf dem Sommerfest des Helferkreises im Treff des TSV Aitrach fragte sie jemand, ob sie etwas singen wolle. Halima zierte sich kurz. Dann sang sie. Eine junge Frau aus der Ukraine war beeindruckt von ihrem Mut. Auch sie stand auf und sang.