Vom Rollstuhl zum Kampfsport „Ich hörte knacksende Geräusche und wusste: Das bisherige Leben ist vorbei“

Zwischen diesen Bildern liegen zehn Jahre: Dennis Gluska hat sich aus dem Rollstuhl zurück ins Leben gekämpft. Foto: privat/Roaming Rolls (re.)

Aus unserem Archiv – Vor zehn Jahren wurde Dennis Gluska durch einen schweren Unfall zum Pflegefall. Heute, eine Silbermedaille im BJJ später, beweist er: Aufgeben ist keine Option.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Dennis Gluskas Unfall jährt sich bald zum zehnten Mal. Am 31. Oktober 2015 wurde der heute 52-Jährige in Stuttgart-Feuerbach auf dem Roller von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Seitdem ist Gluska gehbehindert, das Laufen fällt ihm so schwer, dass er selbst kurze Distanzen mit dem Rollstuhl überbrücken muss. Schmerzen sind sein täglicher Begleiter, bis heute muss er täglich Reha-Übungen und Gymnastik machen, sonst kommt er nicht durch den Tag. Und nun hat genau dieser Mann in Phuket, Thailand, bei einem BJJ-Turnier (Brazilian Jiu Jitsu) eine Silbermedaille gewonnen. Er wohnt mittlerweile mit sechs Hunden und sieben Katzen auf Koh Samui und hat die Liebe seines Lebens gefunden. Aber von vorn.

 

Vom Unfall in Stuttgart zum Neuanfang in Thailand

Wenn Dennis Gluska nach seinem verheerenden Unfall von vor zehn Jahren gefragt wird, muss er heute noch schlucken. Bis zum 31. Oktober 2015 war er als lebensfroher Hansdampf in Stuttgarts Gassen bekannt, doch dieser Tag veränderte das Leben des Stuttgarters gravierend. Er machte viel Sport, Boxen, Stockkampf und Basketball, war viel unterwegs, ging feiern, erfüllte sich seinen Traum vom eigenen Foodtruck Chilli Grilli.

Mit dem Foodtruck Chilli Grilli hatte Dennis Gluska sich einen Lebenstraum erfüllt. Doch nach seinem Unfall stand er nie wieder drin. Foto: Dennis Gluska

Für ein großes Halloween-Catering wollte er sich an jenem schicksalhaften Tag vor zehn Jahren auf den Weg zum Bäcker machen; Brötchen holen, doch weit kam er nicht. Er und sein Roller wurden wenige Meter von seiner WG entfernt von einem Auto erwischt. „Es machte Bumm, ich landete auf der Windschutzscheibe und flog zehn, fünfzehn Meter weit“, erinnert sich der heutige Silbermedaillengewinner zurück.

Der Autounfall stellte Dennis Gluskas Leben auf den Kopf

„Ich hatte keinerlei Schmerzen“, berichtet der 52-Jährige. „Erst als ich versuchte, meine Beine zu bewegen, hörte ich knacksende Geräusche und wusste: ‚Das Leben wie es bis jetzt war, ist vorbei.“ Nach einer außerkörperlichen Erfahrung wachte er im Krankenhaus wieder auf – mit komplett verschienten Beinen. Zwei Wirbel waren gebrochen, mehrere Frakturen an den Beinen und Knöcheln hat der Stuttgarter davongetragen, Arthrose war schlagartig ein großes Thema für den 42-Jährigen. Dass er in Zukunft auf den Rollstuhl angewiesen sein würde, wurde schnell klar.

Doch mit welchen Situationen er sich in Zukunft würde auseinandersetzen müssen, war ihm nicht bewusst. „Bis heute habe ich 16 Schrauben und zwei Titanplatten in meinem rechten Bein“, schildert der Ex-Stuttgarter seine aktuelle Verfassung. Zwei- bis dreihundert Meter am Stück kann er mittlerweile dank täglichen Trainings laufen, mehr ist nicht drin. Erst dieses Jahr wurde seine Behinderung als dauerhaft anerkannt. Und nicht nur das Rechtliche machte ihm zu schaffen. „Als sie mich aus dem Krankenhaus im Rollstuhl heimgefahren haben, sagt der Krankentransport vor der Treppe zu mir: ‚Herr Gluska, wir können Sie hier nicht hochtragen nach Hause‘. Und dann bin ich auf dem Arsch hochgehoppelt aus lauter Verzweiflung.“ Wenn er daran zurückdenkt, muss er den Kopf schütteln. „Das habe ich dann drei Wochen lang so gemacht, wenn ich zur Physio musste.“

Kampfgeist und Glück: Wie Dennis Gluska sein Leben umkrempelte

Nach außen versuchte der Stuttgarter trotz aller Auseinandersetzungen mit Medizinern, Versicherungen und Ämtern die Fassung zu wahren. „Die Angst in den Augen meiner Mutter als ich im Krankenhaus aufgewacht bin… das war für mich so schlimm, dass ich beschlossen habe, fortan alle anzulügen und so zu tun, als sei ich eine Art Superkrieger – und das hat auch geklappt.“ Glaube versetzt Berge, sagt man. Durch sieben OPs hat sich Gluska gekämpft, nur um später doch die Nachricht überbracht zu bekommen: „Der Junge läuft nicht mehr.“ Zuhause hatte er einen Zettel aufgehängt mit der Aufschrift „I never give up“. „Den habe ich regelmäßig im Zorn zerknüllt“, erinnert er sich.

Heilende Wärme: Ein neues Leben auf Koh Samui

Dass der heute 52-Jährige mittlerweile auf Koh Samui wohnt, hat er im Grunde seinem resignierten Psychologen zu verdanken. Nach fünf Jahren erfolgloser Therapie stellte der ihn vor die Wahl sich medikamentös behandeln zu lassen, „oder was ganz Verrücktes auszuprobieren: zu verreisen“. Er entschied sich für Letztes, es sollte eine der besten Entscheidungen seines Lebens werden. „Das Klima hier ist so toll für meine Arthrose, dass sich die Schmerzen locker um 25 Prozent reduziert haben“, erklärt er. Wärme verbessert die Durchblutung und entspannt die Muskeln, was die Gelenkschmerzen lindern kann. Von da an reist Dennis Gluska regelmäßig nach Südostasien.

Auf dem BJJ-Turnier fand Dennis Gluska zahlreiche Bewunderer. Foto: privat

Mit Behinderung zur Jiu-Jitsu-Silbermedaille

In Thailand lernte der Stuttgarter außerdem eine neue Kampfsportart kennen, die ihn wieder Teil einer Sportgruppe und Gemeinschaft werden ließ: Brazilian Jiu Jitsu. Gleich bei seinem ersten Aufenthalt vor fünf Jahren hat er ein Kampfsport-Gym aufgesucht, von dem ihm einst ein Foodtruck-Gast berichtet hatte. „Ich wollte den Spirit wieder spüren, Schweiß riechen, Kämpfe sehen, auch wenn es gleichzeitig ganz schlimm war für mich“, erzählt Dennis Gluska. Vor seinem Unfall war er selbst aktiver Kampfsportler, „das habe ich geliebt“, sagt er. Während er also damals im Lionheart Gym den Kämpfern zusah, fiel ihm eine kleine Gruppe BJJ-Kämpfer auf, die dort jeden Tag trainierte. „Ich bin dann hingehumpelt zum Trainer und habe ihn gefragt, ob ich mitmachen könnte, obwohl ich eigentlich ja nichts mehr kann“, berichtet der Auswanderer. Er konnte.

Dennis Gluska ist auch stolzer Hunde-Papa von sechs geretteten Vierbeinern. Foto: Dennis Gluska

„Ich stehe aber niemals auf, das ist die Regel für mich.“ Im Stehen zu kämpfen ist für den Mann mit zig Beinknochenbrüchen undenkbar. Zum Glück ist das kein Hindernis beim Grappling-Sport, der sich zu großen Teilen auf Griffe, Hebel, Würge- und Haltegriffe und noch mehr Techniken auf dem Boden konzentriert. Wer nicht mehr kann oder will, wird ausgetappt. Verletzt hat er sich bei der Ausübung des Kampfsports noch nie. Vor Kurzem ließ er sich sogar ein erstes Mal auf ein Turnier der ADCC ein, einer der renommiertesten internationalen Organisationen auf dem Gebiet des Grappling-Sports, und gewann am 2. August 2025 in Phuket eine Silbermedaille in der Kategorie Herren Masters 1 Fortgeschrittene bis 87,9 kg. Wenn Dennis Gluska von diesem Moment berichtet, steigen ihm Tränen in die Augen. „Dass ich sportlich je noch etwas reißen kann nach meinem Unfall, hätte ich nie gedacht“, sagt er. Sich wieder sein Leben und sein Selbstwertgefühl zurück zu erkämpfen hat ihn Jahre gekostet.

Wie sich letzten Endes alles entwickelt hat, dafür ist Gluska dankbar. Hätte er vor fünf Jahren nicht die Entscheidung getroffen, trotz seiner Behinderung den Urlaub anzutreten, hätte auch niemals seine Frau kennengelernt, das betont er immer wieder.

Im Februar dieses Jahres konnte Dennis Gluska endlich komplett nach Thailand ziehen. Mittlerweile kann er sogar wieder auf einen Roller steigen, ganz ohne Panik. Hier auf Koh Samui hat er sein Glück gefunden mit Frau, Jiu Jitsu und dreizehn Haustieren. Sie sind auf eine Art der Kinderersatz der kleinen Familie, sagt er. „Meine Frau kann aufgrund ihrer vorangegangenen Krebserkrankung keine Kinder mehr bekommen“, erklärt der Ex-Stuttgarter, der mit dem Thema Kinder seit seinem Unfall vor zehn Jahren abgeschlossen hat. In wenigen Tagen kommt seine Mutter das Paar in Thailand besuchen. Als er sich aus dem Videointerview verabschiedet, hat er ein breites Grinsen im Gesicht. Dennis Gluska ist endlich angekommen.

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