Von Bert Kaempfert bis Joni Mitchell Diana Krall hat einen Draht zu fast jeder Musik

Die Noten? Hat sie nicht gebraucht: Diana Krall in Stuttgart Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky 17 Bilder
Die Noten? Hat sie nicht gebraucht: Diana Krall in Stuttgart Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Diana Krall gastiert in der Stuttgarter Liederhalle mit einer exquisiten Besetzung und einem außergewöhnlichen Erinnerungsprogramm

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Mittendrin im zweiten Stück des Abends in der Stuttgarter Liederhalle, „L.O.V.E“ von Bert Kaempfert, verewigt von Nat King Cole und seiner Tochter Natalie, rückt Diana Krall übergangslos von der Subdominante einen anderen Klassiker ein: „Happy Birthday“, anlassgemäß gespielt für den Bassisten Bob Hurst. Sie macht das mit einem kurzen Kopfnicken, und die exquisit besetzte Band folgt ihr nach einem ebenso kurzen Augenaufschlag, inklusive des gerade Gemeinten. Hurst ist der Hausbassist von Wynton Marsalis; Karriem Riggins, der Drummer, hat von Oscar Peterson bis Kanye West nicht viele Gute ausgelassen, und der Gitarrist Anthony Wilson beziehungsweise der Violinist Stuart Duncan sind ebenfalls keine klassischen Sidemen, sondern ganz wunderbare Solisten.

Ein Teil Jazzhistorie

Der Punkt ist, dass sich all diese Giganten in einem herausragenden Konzert eindreiviertel Stunden professionell, unprätentiös und quicklebendig einer Idee unterordnen, und diese Idee stammt von der Pianistin und Sängerin Diana Krall: ausgemacht ist und konzentriert vollzogen wird eine Art Erinnerungskonzert, währenddessen Krall nicht nur einen Teil Jazzhistorie, sondern immer auch persönliche Geschichte repetiert. Beginnend mit „Do I Love You“ (vom Album „An Initimate Night“), das jedem auf der Bühne bereits ein Solo mit allen Möglichkeiten eröffnet, schlägt Diana Krall, enorm konzentriert, dabei den Bogen zu Claus Ogerman, jenem Schlesier, der als Arrangeur Antonio Carlos Jobim Bossa-Nova-Sound erfunden und Frank Sinatra überhaupt neu ausgerichtet hat. Prince und Michael Jackson buhlten um ihn, aber nur für Diana Krall ging Ogermann mit fast achtzig Jahren noch einmal an die Arbeit. Im letzten Jahr starb er, genauso wie im März Tommy LiPuma, der die meisten großen Alben von Diana Krall produziert hatte, zuletzt auch noch das am Ende coolste, einfachste, intensivste, was sie wohl je verwirklicht hat: „Turn up the Quiet“. Inhalt: Einiges aus dem American Songbook – „Night And Day“, „Moonglow“, „Blue Skies“, „Isn’t it romantic“. Und Einiges mehr. LiPumas Klang ist noch einmal reduziert, es zählt auf dieser Welttournee und an diesem Abend in Stuttgart buchstäblich nur das Wesentliche, Pure, Stilvolle. Das, was immer bleibt.

Mit magischen Enden

„Turn up the Quiet“ auch fast komplett dann im Konzert, mit fein ziselierten Intros, im Piano magischen Enden („Walk On By“), dargeboten mit einer Perfektion, die fast etwas leicht Beängstigendes hätte haben können, wenn Krall den Liedern nicht so viel Leben und Stimmung mitgeben würde. Zwei Coverversionen ragen heraus: einmal, mutierend zu einer brachialen, aber immer noch kontrollierten Kollektivimprovisation, Tom Waits‘ „Temptation“; zum anderen Joni Mitchells „A Case Of You“ vom Album „Blue“ von 1971, zwischendurch gipfelnd in diesem „Oh, Canada!“-Ruf, dem Diana Krall geschwind fünf modulierende Akkorde unterschiebt. Sie ist da nie großartig auf Virtuosität aus, sondern schafft Räume, in denen sich ihre Band abarbeiten kann. Sehr lässig, versteht sich. Organisch bleibt der Abend bis zum Schluss, denn unter anderem mit Bob Dylans frühem, unscheinbarem, aber immergrünem „Wallflower“ verabschiedet sich die großartige Künstlerin Diana Krall: „The Night will soon be gone“. Keiner im ausverkauften Beethovensaal, der das nicht bedauert hätte.




Unsere Empfehlung für Sie