„Dragon Ball“ und „One Piece“ zählen zu den erfolgreichsten Animeserien und Franchises der Welt. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert bis zum heutigen Tag begleiten junge Menschen auf der ganzen Welt die Abenteuer von Son Goku, Monkey D. Ruffy und ihren Gefährten auf ihren Bildschirmen, „One Piece“ zählt mittlerweile 21 Staffeln und mehr als 1000 Episoden. Und Levent Kotil aus Bad Urach hat bei den neuesten Folgen als Animator mitgewirkt, zum Beispiel in Folge zehn von Dragon Ball – Daima.
Abgehoben? Keineswegs!
Als uns der Animationszeichner die Tür zur Drei-Zimmer-Wohnung im beschaulichen Bad Urach öffnet, wo er seit der Trennung seiner Eltern gemeinsam mit seiner Mutter wohnt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, dass hier ein Animateur haust, dessen Arbeit schon mehrere Millionen Leute erreicht hat. Der Wohnraum ist gemütlich und bodenständig eingerichtet, sein Arbeitsplatz unterscheidet sich kaum von jedem anderen Homeoffice, außer vielleicht durch das große Zeichentablet, das auf dem Tisch liegt.
Aus Levents vielleicht zwölf Quadratmeter großen Zimmer schaut man durch weiß-gemusterte Vorhänge in den Nachbarsgarten. Keine teuren Uhren, keine dekadenten Designergegenstände. Auf seinem Schreibtisch stehen eine Handvoll kleiner Anime-Figuren, als Mousepad benutzt Levent ein Buch. „Ich möchte mein Geld sparen und gut investieren“, sagt der Bad Uracher. Dass einem der Erfolg zu Kopfe steigen kann, ist bei Levent kaum vorstellbar. „Ich arbeite nebenher auch noch zwei Tage in Teilzeit im Supermarkt, um ein festes Einkommen zu haben“, berichtet er.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste
Sein Studium der Visuellen Kommunikation an der Merz Akademie hat Levent vor knapp fünf Jahren, 2020, abgeschlossen. Es dauerte ein wenig, bis die Sache in Schwung kam, seitdem läuft es für den freiberuflichen Animator aber gut. „Aktuell habe ich so viele Anfragen, dass ich viele aus Zeitgründen absagen muss, anfangs gab es aber Phasen, da war monatelang nichts los.“ Seinen ersten Job als Animator bekam der gebürtige Cuxhavener erst ein Jahr nach seinem Bachelorabschluss, „das war damals für die amerikanische Branche gewesen: für Studio Titmouse, die eine Folge für die Netflix-Serie ‚Love, Death & Robots’ animiert haben“, erinnert sich der 30-Jährige. Damit dachte er, einen Fuß in der Tür zu haben – hatte sich aber geirrt: „Danach hatte ich wieder ein gutes Jahr lang keinen Auftrag.“ Play it safe, lautet daher sein Motto.
„Ich verdiene aber auch nicht so viel, wie manche denken, dass man verdient, wenn man für so große Studios wie Toei und Co. arbeitet“, sagt Levent. „Es ist nicht wenig, aber auch nicht viel.“ Von vier oder fünf Riesen im Monat, wie manche vermuten, sei er noch weit entfernt. „Aber meine Mutter, die in der Altenpflege arbeitet, verdient weniger als ich, der eigentlich nur ein bisschen zeichnet“, lässt der junge Mann durchblicken, „das finde ich wiederum sehr schade.“
In Levents Branche gibt es unterschiedliche Bezahlmodelle, die meisten freiberuflichen Animationszeichner:innen werden pro Cut, also pro Szene bezahlt, deren Arbeitsaufwand stark variieren kann, je nachdem, ob es sich zum Beispiel um ein Still oder eine Action-Szene handelt, wie detailreich die Bilder im Cut sein sollen, wie viele Korrekturen gemacht werden müssen, wie schnell man arbeitet, und so weiter. Veteran:innen im Business kommen mit ihrer geübten Feder teils auf mehr als tausend Cuts pro Monat. Die Vergütung pro Cut ist verhandelbar – je größer das Portfolio, die Bekanntheit, technische Versiertheit und der Erfahrungsschatz des Animators, umso höhere Preise kann er oder sie pro Cut verlangen. Manche ausgewählte Animationszeichner:innen wiederum bekommen auch einen auf das Projekt befristeten Vertrag, so wie Levent vergangenes Jahr für die neueste Staffel von „One Piece“.
Auf „X“ entdeckt
Eine Art „Durchbruch“ hatte der Animator dann vor drei Jahren, als er auf „X“ (damals noch Twitter), von Tatsuya Yoshihara, dem Episodendirector der Anime-Adaption des Mangas „Chainsaw Man“, angefragt wurde, für selbige zu animieren. „Ein sehr guter Freund hatte mir zuvor den Manga empfohlen, obwohl ich eigentlich keine Mangas lese, und ich habe dann von mir aus Zeichnungen dazu auf den Sozialen Medien veröffentlicht“, erinnert sich Levent zurück. Dort fielen sie offensichtlich den richtigen Leuten auf, was Folgeaufträge für „One Piece“, „My Hero Academia“, „Dragon Ball“ und mehr nach sich zog.
Dabei schaut der 30-Jährige privat wenig Animes. Von einem Anime-Otaku (japanischer Begriff für Super-Fan) kann in Bezug auf Levent keine Rede sein. Keine Anime-Poster, keine DVDs, kein unter dem Gewicht hunderter Mangas und Figuren ächzendes Buchregal. „Ich habe nicht mal ‚Naruto‘ gesehen“, gibt er zu, „darüber staunen die meisten, wenn sie hören, dass ich in der Branche arbeite.“ In seiner Freizeit, von der er mit zwei Jobs sowieso nicht so viel habe, besucht er lieber seine Freundin in Freiburg und trifft sich mit seinen Freunden. Die größte Inspiration für seine kreative Arbeit seien nicht andere Animes, sondern das echte Leben: „Wenn man raus geht, in den Urlaub fährt und Erinnerungen schafft“, findet er.
Plus Ultra!
Einen seiner eindringlichsten Gänsehautmomente hatte Levent bei seinem letzten Japanbesuch, als er sich mit Freund:innen den vierten Kinofilm zur Serie „My Hero Academia” anschaute, bei dessen Produktion er mitgewirkt hat. „Bei Kinofilmproduktionen kommt man nicht einfach mal so schnell rein, da sind der Anspruch und das Niveau an die Mitarbeitenden noch mal ein ganzes Stück höher”, sagt Levent. „Das ist dann ein surrealer Moment gewesen: meinen Namen im Abspann eines Kinofilms zu lesen, dessen dazugehörige Serie auch eine meiner Lieblingsshows ist…“
Sein Berufsweg zum Animator mit Schwerpunkt Anime war dabei alles andere als geradlinig. Seit seiner Kindheit hatte Levent keinen Zeichenstift mehr in die Hand genommen. Nach dem Abitur fing er an, Bauingenieurwesen zu studieren. Wie das Leben so spielt, funkte dann aber die Liebe dazwischen. „Damals wollte ich ein Mädchen zurückgewinnen, das mir das Herz gebrochen hat”, erinnert er sich, „und habe sie gezeichnet.” Während er die Geschichte erzählt, lacht er in sich hinein. „Ich weiß, wie cheesy das klingt.” Erfolg hatte er mit der Aktion nicht, die Zeichnung gibt es nicht mehr, die Freundin auch nicht. Doch um eine wichtige Erkenntnis war der damals 21-Jährige reicher: „Ich habe gemerkt, dass mir das Zeichnen Spaß macht und wusste: Ich will etwas Kreatives machen und studieren.”
Lieber Kreativbranche als Ingenieurswesen
Ein abgebrochenes Bauingenieurwesen-Studium später fand sich der Bad Uracher an der Merz Akademie in Stuttgart wieder, wo er Visuelle Kommunikation studierte und sich nebenher eigenständig Fähigkeiten im Bereich Animation aneignete. „Mir hat daran sehr gut gefallen, dass ich sehr selbstständig kreativ arbeiten kann und eigentlich nur einen Stift und Papier brauche, um eine Idee zu entwickeln“, erklärt Levent, schnappt sich zum Beweis Block und Stift aus dem Regal und zeichnet in wenigen Sekunden einen lustigen Frosch; sein Signature-Charakter, der einem in seinem Portfolio immer wieder über den Weg läuft.
Irgendwann würde Levent gerne für sein Lieblingsstudio, Trigger, arbeiten. „Weil ich ein Riesen-Fan von den Leuten dahinter bin, Hiroyuki Imaishi und Yoh Yoshinari“, erklärt er. Dass das Team passt, und Stil und Design ihm gefallen, sind wichtige Faktoren bei der Auswahl seiner Aufträge. „Darauf basierend mache ich auch gerne kleine Produktionen, wenn sie spannend sind.“ Auch für die schwarzhumorige Anime-Serie „Shinchan“ würde Levent irgendwann gerne zeichnen. Doch da stehen seine Chancen nicht so gut, wenn er nicht in Japan lebt, sagt er, was er sich durchaus für eine gewisse Zeit vorstellen könnte. Zuerst steht aber wahrscheinlich erst das Zusammenziehen mit der Partnerin an und ein neues Projekt für Bones, das Studio, das unter anderem hinter Anime-Hits wie „Fullmetal Alchemist“ steht. Woran genau er da mitarbeiten wird, ist aber noch top secret.