Der alles entscheidende Mann für diesen fast schon märchenhaften Aufstieg ist für Zorniger sein schwäbischer Landsmann Ralf Rangnick. „Was Leipzig spielt, ist nicht RB-Fußball, das ist RR-Fußball“, sagt Zorniger. Fußball, Marke Ralf Rangnick. Mit Fachwissen, Akribie und schlüssiger Personalpolitik habe er aus 1000 Puzzleteilen ein Bild geschaffen. „Die Finanzkraft ist das eine, aber man muss das Geld auch gekonnt einsetzen“, betont Zorniger. Rangnicks Professionalität, seine Strukturiertheit bis ins allerletzte Detail beeindrucken ihn, in Sachen Ernährung und Psychologie habe der Backnanger schon ganz früh Maßstäbe gesetzt. „In Hoffenheim hat es Ralf mit einer ähnlichen Geschwindigkeit durchgezogen, da waren aber zu viele Eitelkeiten im Weg.“
Rangnick braucht Macht
Rangnick braucht die uneingeschränkte Macht, um seine Philosophie perfekt umzusetzen. Nebengeräusche von irgendwelchen Alt-Internationalen sind ihm ein Gräuel. Ist er nicht selbst der Trainer seines Teams, dann sucht er sich den geeigneten. So wie damals Zorniger. Oder wie Julian Nagelsmann, den er in Leipzig zu seinem Nachfolger machte. Aber auch Thomas Tuchel, sein ehemaliger Spieler beim SSV Ulm 1846, gehört dazu, den er später als U-15-Trainer zum VfB Stuttgart holte.
Jetzt treffen beide im Champions-League-Halbfinale aufeinander: Nagelsmann gegen Tuchel. „Beide verkörpern eine ähnliche Schule“, ist sich Zorniger sicher. Sie haben glasklare Vorstellungen, lassen ihren Teams aber auch Freiheiten. „Sie stellen ihr Coaching nicht über die Qualitäten ihres Teams.“ Läuft’s andersrum, kann das schon mal schief gehen, wie die prominenten Beispiele Pep Guardiola zuletzt mit Manchester City oder Joachim Löw im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien zeigten.
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Dass neben Nagelsmann und Tuchel in Hansi Flick ein dritter deutscher Trainer im Champions-League-Halbfinale steht, fällt für Zorniger nicht in die Kategorie Zufall. Flick hat zwar eine andere Vita, doch die Aggressivität wie der FC Bayern unter seiner Regie gegen den Ball agiert, hat was von der Rangnick-Philosophie. „Selbst wenn die Bayern in der 80. Minute 5:2 führen, haben sie noch Spaß an der Balleroberung“, stellt Zorniger fest. Schlagen die Bayern am Mittwoch (21 Uhr) Lyon, hält Zorniger ein Finale gegen RB für möglich: „Paris hat die besseren Einzelspieler, aber RB das bessere Team.“
Förderer von Nagelsmann und Tuchel
Und was sagt der Mann, dem Leipzig diese Erfolgsstory zu verdanken hat? Was sagt der Förderer von Nagelsmann und Tuchel? Was sagt Rangnick? Der favorisiert Paris, „weil die Qualität der Weltklasse-Individualisten wie Angel di Maria, Kylian Mbappe und Neymar noch einmal etwas besser ist als bei RB“, erklärte der 62-Jährige der „Mitteldeutschen Zeitung“.
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Auch zu den beiden Hauptdarstellern am Spielfeldrand hat er eine Meinung: „Man kann beide Trainer und ihre aktuelle Arbeit nicht vergleichen, weil die Anforderungsprofile bei den Clubs völlig andere sind“, so Rangnick. „Thomas Tuchel hatte in Paris vom ersten Tag an die Aufgabe, aus einer Ansammlung von internationalen Superstars eine Einheit zu formen.“ Das sei ihm „außergewöhnlich gut“ gelungen. Nagelsmann hingegen habe bei RB vor einem Jahr eine „intakte Mannschaft ohne einen einzigen echten Superstar“ übernommen und weiterentwickelt. „Völlig unterschiedliche Aufgaben, die jeder für sich herausragend löst“, urteilt der Fußball-Professor, dessen Vertrag bei RB am 31. Juli aufgelöst wurde. Er sucht nach einer neuen Herausforderung. Genauso wie der vereinslose Zorniger, der mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern in Kopenhagen lebt. Beide werden beim Champions-League-Halbfinale am Dienstag an 2012 zurückdenken. An ihren Einstieg in Leipzig. In der Regionalliga Nordost.