Mit Edelbränden hatte Martin Bohn bis vor einigen Jahren eigentlich so gar nichts am Hut. Hin und wieder einen Whisky, dafür konnte man den Grafenauer schon begeistern. Für einen Birnen- oder Apfelbrand hingegen eher weniger. Wer hätte gedacht, dass Martin Bohn irgendwann zusammen mit seinem Kumpel Sascha Chevalier eigene Edelbrände produzieren würde? Noch dazu aus den Erträgen, die die eigenen Streuobstwiesen hergeben!
Ein Baumschnittkurs ist die Initialzündung
Aber spulen wir erst mal vier Jahre zurück. Sascha Chevalier und Martin Bohn sind Nachbarn und kommen beide ursprünglich nicht aus dem Schwabenland. Von der Kulturlandschaft im Kreis Böblingen sind sie, seit sie hier wohnen, begeistert. Und nach einem gemeinsamen Baumschnittkurs beschließen sie, sich selbst ein paar Wiesen zuzulegen.
Die Streuobstwiesenpflege ist ein natürliches, vor allem ein ein ziemlich zeitintensives Hobby. „Streuobstwiesen begleiten einen das ganze Jahr über“, sagt Sascha Chevalier. „Man muss schneiden, pflanzen, ernten, eigentlich gibt es immer etwas zu tun.“ Ihm sei auch aufgefallen, dass viele alteingesessene Schwaben ein kleines Streuobstwiesentrauma haben. „Die wurden wahrscheinlich als Kinder dazu gezwungen, mitzuhelfen“, meint er. „Und sagen jetzt: Geh mir weg damit.“
In den letzten Jahren 60 Bäume gepflanzt
Sascha Chevalier und Martin Bohn können sich dagegen kaum ein schöneres Hobby vorstellen. „Man bekommt dadurch super den Kopf frei“, sagt Sascha Chevalier. „Und es ist eine unheimlich befriedigende Arbeit, weil man sehr schnell Fortschritte sieht“, ergänzt Martin Bohn. Außerdem sei da natürlich noch der ökologische Aspekt: „In den letzten Jahren habe ich an die 60 Bäume gepflanzt.“
Aber was fängt man nur mit den ganzen Erträgen an? In den ersten Jahren haben die Streuobstfreunde, wie sich Bohn und Chevalier selbst nennen, ihre Ernte zu Cidre oder Most pressen lassen. Sogar in eine eigene Obstpresse wurde irgendwann investiert. „Die steht jetzt in der Garage, und wir machen immer aus dem Pressen gerne ein kleines Happening für Freunde und Bekannte“, erzählt Sascha Chevalier.
Es muss noch mehr geben
Ganz zufrieden waren die zwei mit dieser Verwertung ihrer Ernte aber nicht. „Irgendwann kam uns der Gedanke, dass wir die Ernte auch destillieren könnten, aus dem einfachen Grund, dass man Brände kompakter lagern kann“, sagt Martin Bohn.
Aus der Apfelernte einen Brand herzustellen, ist allerdings gar nicht so einfach. „Wenn man die Maische falsch ansetzt, kann das ganz flott in die falsche Richtung gehen“, erklärt Sascha Chevalier. „Dann hat man Essig.“ Außerdem braucht es für das Brennen einen Experten mit entsprechender Anlage und – ganz wichtig – entsprechender Erlaubnis. In einer Steinenbronner Destillation wurden die Grafenauer schließlich fündig.
Als Professor für Produktentwicklung hat Martin Bohn aber auch eine wissenschaftliche Ader. Vom Whisky wusste er, dass die Reifung und die Holzsorte der Fässer Auswirkungen auf den Geschmack des Getränks haben. „Das haben wir dann mal versucht, nachzuvollziehen“, sagt Martin Bohn.
Insgesamt 20 verschiedene Produkte haben Bohn und Chevalier ansetzen lassen, um herauszufinden, bei welchen Ausbaustufen das Geschmackserlebnis am leckersten ist. „Je nachdem, ob man Eiche, Kastanie oder Kirsche verwendet, entsteht ein ganz anderer Geschmack“, so die Feststellung. Der Favorit der beiden stammt aus Kirschholzfässern. „Das ist mal was anderes als Eiche“, sagt Martin Bohn.
Apfelbrand im Kirschholz kommt an
Eine weitere Brand-Kreation der beiden Streuobstwiesenbesitzer entstand ebenfalls durch wissenschaftliche Neugier. „Mein Sohn hatte mir ein „Do it yourself“-Set für einen eigenen Gin geschenkt“, erzählt Martin Bohn. Gin versetze man oft mit Wacholder, was ihn und Sascha Chevalier auf die Idee gebracht habe, den eigenen Apfelbrand ebenfalls zu aromatisieren. Kaffee, Schokobohnen und Vanilleschoten haben hier die besten Ergebnisse erzielt.
Mittlerweile haben Chevalier und Bohn ihre Destillate auch schon von anderen Leuten kosten lassen, unter anderem auf dem Grafenauer Weihnachtsmarkt. Und die Begeisterung ist groß. Vor allem der im Kirschholz gereifte Apfelbrand erfreut sich ziemlicher Beliebtheit. Ein Business wollen die beiden aus ihren Produkten allerdings nicht machen. „Das ist mit zu viel bürokratischem Aufwand verbunden“, sagt Martin Bohn.
Aus der Passion soll kein Haupterwerbszweig werden
Und schließlich liegt das Hauptaugenmerk der beiden ja auch auf dem Spaß an der Streuobstwiesenpflege. Sascha Chevalier hat sich sogar inzwischen zum Streuobstpädagogen ausbilden lassen. „Ich finde diese alten Techniken toll und es ist unheimlich schade, dass das immer mehr verloren geht“, sagt der 54-Jährige. „Deshalb ist es unser Ziel, so viele alte Sorten nachzupflanzen, wie möglich – denn die gehören hier hin.“