Manchmal wird sie noch schief angesehen, manchmal nervt es sie, dass der Bus nie pünktlich ist. Auch wenn es nicht immer leicht ist, als Weiße in Tansania zu leben: Sarah Strässer hat ihren Wegzug aus Kernen nie bereut und sich dort viel aufgebaut.
Als sie zur Geburt ihres zweiten Kindes im Sommer 2024 zuletzt in Deutschland war, hat sie es wieder gespürt, dieses Gefühl, weshalb sie vor rund drei Jahren wegzog aus ihrer Heimat Kernen. Die Fremde Afrikas lockte. Anfang 2022 war die gelernte Physiotherapeutin, die zuletzt als Dozentin ausbildete, aufgebrochen. Eigentlich nur für drei Monate. Doch sie kehrte nur noch einmal nach Deutschland zurück, um ihre Möbel zu verkaufen. „Ich habe mich sofort in dieses schöne Land und die Menschen verliebt“, sagt Sarah Strässer.
Zwei Kinder, zwei Häuser: Die Auswanderin viele Pläne
Sie hat sich viel aufgebaut und erreicht in den Jahren, die sie mittlerweile in Afrika lebt. Mit ihrem Mann Emmanuel – ein tansanischer Safari- und Tourguide, der Deutsch, Französisch, Englisch und Swahili, also Suaheli spricht – hat sie eine Freiwilligenorganisation namens „Giving Hands“ aufgebaut. Die beiden haben zwei kleine Kinder, zwei Häuser und überlegen, irgendwann noch ein Kind zu adoptieren. „Es ist Wahnsinn, wenn man es sich so überlegt. Es war wirklich die richtige Entscheidung. Und alle, die mich kennen, sagen, dass ich seitdem von innen heraus strahle und glücklicher bin.“
Dabei sieht die 28-Jährige durchaus auch die Schattenseiten. „Auch wenn ich so schwärme und den Schritt nie bereut habe, ist es alles andere als leicht, als weiße Frau in Afrika zu leben. Man muss sich den Respekt erst verdienen und wird viel angestarrt.“ Es sei auch eine Art Rassismus. Jeder schaue und spreche sie an, und die Afrikaner seien der Ansicht, dass das Geld in Deutschland auf den Bäumen wachse. „Manche Touristen verteilen aus den Safariautos heraus Geld an die Einheimischen, das schürt natürlich ein falsches Denken“, sagt Sarah Strässer, die sich behaupten musste in ihrer anderen, der neuen Heimat. „Mittlerweile kennen und akzeptieren mich in der Nachbarschaft alle. Sie wissen, dass ich nicht einfach die reiche Weiße bin, die Angestellte hat und sich als was Besseres fühlt.“
Vielleicht liegt das auch daran, dass Sarah Strässer den Lebensrhythmus und die Lebensart der Einheimischen längst übernommen hat. Im Alltag läuft sie barfuß, bindet sich die Kinder, wie es Sitte ist, auf den Rücken, spricht fließend Suaheli, sie isst und trinkt die landestypischen Sachen. „In meinem Umfeld wissen das alle, aber wenn ich irgendwo neu hinkomme, dann bin ich nach wie vor die Weiße und werde komisch angestarrt. Aber wenn ich sehe, wie mein Mann in Deutschland beäugt wird, das fühlt sich sehr viel negativer an. Ich dagegen werde eher beneidend und respektvoll beobachtet.“
Das Frauenbild in Afrika sei teils auch komplett anders. „Aber das stört mich nicht. Ich passe mich da gerne an und finde die Kultur interessant“, sagt Sarah Strässer, die auch weiß, dass die europäischen Gäste ganz andere und viel mehr Fragen haben, wenn sie planen, für „Giving Hands“ einen Aufenthalt in Afrika zu wagen. „Deshalb mache ich die Buchungen und erkläre, welche Impfungen und Vorbereitungen nötig sind. Die Afrikaner sind da viel unbekümmerter.“
Wenn die Freiwilligen dann da sind, beobachtet Sarah Strässer oft, dass sie richtig aufblühen, sich verändern und wachsen. „Tansania, das sind nicht nur Safaris, Luxushotels und Traumstrände. Und es braucht mehr als einen Euro im Monat, um ein Kind zu retten und ihm zu helfen“, sagt die 28-Jährige. Sie wünscht sich, dass noch mehr europäische Gäste kommen würden, um das Land wirklich kennen zu lernen – und auch anhand der Schattenseiten zum Nachdenken angeregt werden und helfen.
Auf Safaris kommt man wilden Tieren oft ganz nah. Foto: privat
Das Glück der Auswanderin aus Kernen können solche Schattenseiten nicht trüben. Sie liebt die Unbeschwertheit und Herzlichkeit der Afrikaner. „Sie nehmen den Tag einfach so an wie er ist, ohne zu jammern. Man kann sich hier so frei fühlen, die Kinder müssen nicht still sitzen, und ich muss sie nicht in eine Betreuung abschieben. Ich bin dankbar“, erzählt Sarah Strässer mit zwei Stunden zeitlichem Vorsprung beim Telefonat aus Afrika, während sie aus ihrem Haus auf den üppigen Garten blickt.
„Hier wächst alles. Mangobäume, Wassermelonen, Tomaten, Bananenbäume, Papayas, Limonengrass, Zitronen, Orangen. Und das Wasser kommt aus dem Brunnen.“ Zudem springen Hasen, Hunde und Ziegen umher. Die vierköpfige Familie hat auch Bienenvölker, die Honig machen.
Die Auswanderin kennt auch die Schattenseiten
Das klingt paradiesisch, doch durch die Freiwilligenorganisation kommt Sarah Strässer auch mit der anderen Seite Afrikas in Kontakt. Menschen aus ganz Europa, die sich nach der Schule, auch im Ruhestand oder wenn die Kinder aus dem Haus sind, melden und bei ihnen im Hostel wohnen und auf Safari gehen, teilt die 28-jährige für bestimmte Hilfsdienste ein.
Sie organisiert alles, während ihr 30-jähriger Mann für die Safaris zuständig ist. Die Liste der Freiwilligendienste ist lang:
Umweltprojekte
Solaranlagen
Waisenhäuser
Rescue-Homes für Massaimädchen, die vor Beschneidung oder Zwangsheirat fliehen oder geschwängert wurden
„Wir wollen mit unserer Organisation helfen. Mein Mann versucht, den Leuten das wahre Afrika nahe zu bringen. Oft sehen unsere Gäste hier auch Sachen, die sie nicht gewöhnt sind, aber wir sind da und reden mit ihnen“, sagt Sarah Strässer, die auch für die Mitarbeiter sowie für das Hostel und die Verpflegung zuständig ist.
Ist das nicht zu viel mit zwei Kindern? „Das sind Momente, wo ich manchmal meine Familie vermisse. Aber wenn dann Regenzeit ist und trotzdem jeden Tag für eine Stunde die Sonne rauskommt und jedem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, dann weiß ich, dass ich richtig entschieden habe.“