„Wie du verhinderst, dich in Menschen zu verlieben, die dich enttäuschen“, „Sieben harte Wahrheiten über das Leben“, „SOS Tipps bei negativen Gedanken“ – Quadrate in Pastellfarben wollen das Leben erklären. Eins angeklickt, passt sich der Instagram-Algorithmus sofort an und weitere Lebensweisheiten poppen in der App auf: „Sieben versteckte Hilferufe deines inneren Kindes“, „Big signs it won’t last“ und „Wie du Narzissten sofort entwaffnest“. Das Netz ist voll mit Youtube-Videos, Instagram-Posts und Podcasts zu den Themen mentale Gesundheit und Selbstoptimierung. Psychologie lässt sich mittlerweile von überall, kostenlos und niederschwellig klicken, streamen und konsumieren. Doch nur die wenigsten Inhalte stammen von ausgebildeten Fachleuten.
In Zeiten von Coronapandemie und Lockdown ist das Thema mentale Gesundheit mehr in den Fokus gerückt, die psychologische Sachbuchliteratur boomt. So finden sich zum Beispiel die Bücher der Psychologin Stefanie Stahl seit Monaten in den Bestsellerlisten („Das Kind in dir muss Heimat finden“, „Wer wir sind“).
"Es ist heutzutage keine Schande mehr, unter einer Depression zu leiden"
Das ist ein Fortschritt. „Wenn wir zurückdenken an Zeiten, in denen psychische Störungen noch große Tabu-Themen waren, ist es durchaus eine positive Entwicklung, dass heutzutage öffentlich darüber gesprochen werden kann“ meint auch die Münchner Psychologin Sonya Anders, die Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist. Es sei heutzutage keine Schande mehr, zum Beispiel unter einer Depression oder einem Burnout zu leiden, sondern viel mehr salonfähig, sich fachkundige Unterstützung zu holen. So würde es weniger als Schwäche ausgelegt, psychisch zu erkranken. Häufig werde es sogar als Stärke bewertet, eine psychische Erkrankung nach außen hin publik zu machen, so Anders. Und Betroffene, die bereits Fähigkeiten entwickelt und Lösungen gefunden haben, um gegen ihre mentalen Probleme anzukämpfen, seien oft Expert:innen in Bezug auf ihre Störung.
Dass immer mehr Laien über psychische Krankheiten aufklären und andere beraten wollen, birgt aber auch Risiken. Dazu gehört der inflationäre Gebrauch von Begrifflichkeiten für psychische Störungen. Eine Depression im medizinischen Sinne ist mehr als tiefe Traurigkeit oder gedrückte Stimmung. Eine Depression ist eine schwere Krankheit, die sich auch neurologisch und biologisch niederschlägt. Ähnlich verhält es sich mit einem Burnout. Vor dieser Krankheit liegen meist mehrere Jahre intensiver Überforderung und Missachtung der eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Und nicht etwa zwei Monate Dauerstress im Job.
Die gehäufte Verwendung dieser Begriffe erhöhe den Fokus der Gesellschaft auf potenzielle Störungen, warnt Anders. Diese gesteigerte Beobachtungshaltung könne zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung führen. Denn fast jeder Mensch erfülle einige Kriterien von psychischen Störungen. Man könne sich also selbst ziemlich schnell mit einer seelischen Erkrankung diagnostizieren, befürchtet Anders.
Instagram statt kassenärztlichem Angebot?
Trotzdem scheuen wir uns nicht, als Hobbypsycholog:innen anderen Ratschläge zu erteilen. Die Journalistin Daniela Gassmann schrieb in einem Beitrag für das SZ-Magazin. "Ich zum Beispiel ziere mich nicht, Beziehungen als toxisch einzustufen oder allerlei Schwierigkeiten anderer Leute auf mangelnden Selbstwert zurückzuführen. Aber wenn jemand von ständigen Kopfschmerzen erzählt, würde ich ihn in eine Arztpraxis schicken."
Dass das (Laien-)Geschäft mit der mentalen Gesundheit so boomt, könnte daran liegen, dass das Angebot an professioneller Beratung so knapp ist. „Es gibt leider viel zu wenige kassenärztliche Angebote“, weiß Sonya Anders. „Wir haben mittlerweile Wartelisten von bis zu einem Jahr für eine Psychotherapie und viele Psychotherapeut:innen führen nicht mal mehr Wartelisten, weil die Verwaltung derer zu viel Arbeitsaufwand bedeuten würde.“ Durch den erhöhten Fokus auf mentale Gesundheit steige sowohl der Anlauf auf die Praxen, aber auch das Interesse daran, einen Heilberuf zu erlernen. Die nicht-kassenärztlichen, also privaten Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Coaches und Heilpraktiker:innen würden sozusagen die Lücken füllen, die durch den Mangel an kassenärztlichen Therapieplätzen entstehen.
Doch was macht einen guten Therapeuten oder eine gute Therapeutin aus und wie sollen sich Laien in dem Dschungel der unterschiedlichen Berufsbezeichnungen zurechtfinden? Sonya Anders klärt auf: "Die langjährigste akademische Ausbildung haben Psycholog:innen mit einer therapeutischen Zusatzausbildung. Der offizielle Titel lautet Psychologischer Psychotherapeut. Auch Fachärzt:innen können eine therapeutische Zusatzausbildung absolvieren. Psycholog:innen ohne therapeutische Zusatzausbildung haben ebenfalls ein langjähriges fundiertes akademisches Studium hinter sich.
Seit kurzem gibt es auch die Möglichkeit, statt Psychologie direkt in ein Psychotherapiestudium einzusteigen. Darüber hinaus gibt es heutzutage viele therapeutische und psychologische Titel, die mit weitaus weniger Zeitaufwand und ohne Studium zu erlangen sind. Diese weisen häufig aber keine geschützte Berufsbezeichnung auf. Daher ist besonders auf die geschützten Berufsbezeichnungen zu achten. Beispielsweise: Psychologische Psychotherapeut:in, (Fach-)Ärztliche Psychotherapeut:in, Psycholog:in, Psychoanalytiker:in oder Verhaltenstherapeut:in, nur um einige zu nennen." Die Unterschiede zwischen einzelnen Behandelnden, gleichwohl welcher Art, seien sehr groß. Hier könne es hilfreich sein, einen Blick auf die Gesamt-Vita des betreffenden Therapeuten, Heilpraktiker:in oder Coach zu werfen, um einen Eindruck zu gewinnen, mit wem man es zu tun habe und woher die Qualifikationen stammen.
Die Enttabuisierung von psychischen Problemen ist eine wichtige Entwicklung unserer Zeit. Wie gut der oder die Therapeut:in ist, hängt allerdings nicht immer ausschließlich von der Art und Länge der Ausbildung ab. Empathie, Wertschätzung, Neugierde, Neutralität und die Persönlichkeit seien ebenso wichtig, betont Anders. Leidet jemand unter ernsthaften Symptomen oder hat den Verdacht, unter einer psychischen Störung zu leiden, bedarf es einer fachkundigen Untersuchung und Behandlung. Wer die leider noch immer viel zu langen Wartezeiten für einen kassenärztlichen Therapieplatz mit Podcasts, Sachbüchern oder Inhalten aus den Sozialen Medien überbrücken möchte, täte gut daran, immer die Validität der Informationsquelle zu prüfen.