Von künstlerischer Teilhabe und Vampiren Drei Schauspielerinnen mit Downsyndrom erobern das Theaterhaus

Anne Bechtle, Janina Berger und Lin Schell schlüpfen in dem Stück „Girrrrls“ in verschiedene Rollen. Foto: Peter Poeschel

Es ist das erste professionelle Theaterstück aus Stuttgart, dessen Rollen ausschließlich mit Schauspielerinnen mit Downsyndrom besetzt sind. Wir haben das Team bei den Proben besucht.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Das Schick-Areal in Feuerbach, wo dem Team hinter dem neuen Theaterstück „Girrrrls“ ein Probenraum zur Verfügung gestellt werden konnte, ist nicht ganz einfach zu erreichen, oder – wie Produktionsleiterin Ismene Schell es treffend ausdrückt – „abenteuerlich“. Auch im Inneren hört die Abenteuerreise noch nicht auf: Über Treppen, lange Gänge und Abzweigungen kommt man schließlich in einen hellen Probenraum, wo Anne Bechtle, Janina Berger und Lin Schell um einen gigantischen Berg an Kostümen und Klamotten herumsitzen, der von einer weißen Linie, die die Bühne markiert, umrahmt wird. „Neuland“ heißt der abgegrenzte Ort, an dem jede und jeder in eine Rolle schlüpfen kann und sein darf, wer er oder sie sein möchte, wie wir später von den drei jungen Frauen erfahren. Als die Tür aufgeht, ist Anne die Erste, die aufspringt. „Endlich berichtet jemand über uns“, freut sie sich.

 

Künstlerischer Anspruch, statt Singspiel

Anne Bechtle, Janina Berger und Lin Schell sind die Hauptdarstellerinnen des neuen Stücks „Girrrrls“ der Freien Bühne Stuttgart, alle drei sind in ihren frühen Zwanzigern und kamen mit Downsyndrom auf die Welt. Dass sie nun gemeinsam mit Ismene Schell sowie den beiden Theaterpädagoginnen Jule Reiff und Anastasia Alexandrowa, der Tanztrainerin Nadja Frigewski, Gesangscoach Andrea Weiss, Kampftrainer David Elmy und Kostümbildnerin Ulrike Mitschke erstmals ein professionelles Theaterstück entwickelt haben und das als Trio auf die Bühne bringen, ist ein Novum in Stuttgart. Mit gemischten Ensembles arbeitet Ismene Schell schon seit 2013 zusammen, „Girrrls“ ist aber das erste Stück der künstlerischen Leiterin der Freien Bühne Stuttgart mit einer reinen Besetzung aus Schauspielerinnen mit Downsyndrom. „Ich bin jetzt soweit gewesen, dass ich es mir zugetraut habe“, sagt sie.

Inklusive professionelle Stücke sind eine Seltenheit

Es ist gleichzeitig auch das erste seiner Art in Stuttgart. Denn die künstlerische Arbeit mit Menschen mit Behinderung ist anders, bringt andere Herausforderungen an Regie, Produktion und so weiter mit, an die sich nicht jede und jeder Theatermachende herantraut und für die die meisten auch nicht geschult sind. „Man muss ein Faible dafür und auch die Energie haben, es durchzuziehen“, erzählt Ismene Schell. „So, dass das Stück auf die Bühne kommt mit der Behauptung ‚Wir machen jetzt Theater!‘ und nicht etwa ein Singspiel. Und da gehört sehr viel Impetus dazu.“

Den bringen sowohl Schell als auch die Darstellerinnen Anne, Janina und Lin zweifelsohne mit. Seit August kommen sie viermal die Woche – zum Teil nach ihrer Arbeit im Jugendhaus oder in der Werkstatt – nach Feuerbach, um zu proben. „Das alles wäre ohne engagierte Eltern und Angehörige nicht möglich“, sagt Schell bestimmt. Sie selbst ist eine jener engagierten Mütter, viele weitere sind ebenfalls Teil des „Girrrrls“-Teams, das hinter den Kulissen die Kostüme näht oder die Proben pädagogisch begleitet. Manchmal beschleicht sie das Gefühl, dass das Voranbringen eines gesamtgesellschaftlichen Interesses – der Inklusion, Integration, Chancengleichheit, Teilhabe – nur auf den Schultern von betroffenen Familien liegt, die im Zweifel auch bereit sind, dafür ihre Freizeit zu opfern. „Und wenn die nicht weitermachen, bricht einfach alles weg.“

Langsam öffnen sich immer mehr Türen

Das „Girrrrls“-Projekt hat jedoch große Aufmerksamkeit erzielt. „Wir haben unglaublich viel Unterstützung bekommen“, sagt Ismene Schell. „Von der Stadt Stuttgart, vom Kubi-S, Theaterhaus, von der Porsche-Stiftung, durch das Crowdfunding der Volksbank…“ Auch hat sie vom Kulturamt nun das einjährige Shift-Stipendium verliehen bekommen, um, wie sie sagt, Initialzündungen anzustoßen und Türen in Richtung einer heterogenen Kunstlandschaft zu öffnen. Durch einen inklusiven Spielclub zum Beispiel.

Doch was erwartet die Besucher:innen nun, wenn sie zwischen dem 5. und 8. Januar eine der Aufführungen im Theaterhaus Stuttgart besuchen? „Fantasy und Vampire“, verrät Anne, einen Vampirumhang um ihre Schultern gehängt. Auf der Bühne spielt jede der drei Frauen zwei Rollen, die sie sich selbst auf den Leib geschrieben haben. Charaktere, mit Eigenschaften, die sie toll finden, aber auch mit Eigenschaften, die sie im echten Leben nicht ausleben können. Der von Grund auf böse Vampir „Fantasnape“ zum Beispiel. Einen kleinen Einblick geben sie bei der Probe: Es wird gesungen, gerappt, getanzt und gekämpft. Dazwischen wechseln die farbenfrohen Outfits, eigens für das Stück komponierte Musik unterstreicht die Stimmung der jeweiligen Szenen. Obwohl keine der Darstellerinnen zum ersten Mal auf der Bühne steht und es noch ein bisschen Zeit bis zur Premiere am 5. Januar ist, zeigen sich jetzt schon alle aufgeregt. Doch auch wenn sie die Premiere noch nicht hinter sich gebracht haben – das Theaterstück ist jetzt schon ein voller Erfolg und eine wichtige Pionierarbeit im Kessel.

Girrrrls, Theaterhaus Stuttgart, Siemensstr. 11, Stuttgart-Nord, 5.-8.1.2025

Weitere Themen