Reiche Kultur, schreckliche Armut – Indien ist ein Land der Kontraste. Mit dem Kreuzfahrtschiff kann man sich dem Subkontinent erstaunlich gut nähern, vor allem weil auch viele Einheimische an Bord sind.

Leben: Susanne Hamann (sur)

Mumbai - Diese Stadt schläft nie. Früh um sechs Uhr herrscht in Mumbai selbst in einer abgelegenen Gasse mehr Gedränge als am Frankfurter Hauptbahnhof zur Hauptverkehrszeit. Eine kleine Touristengruppe aus Europa ist zu Fuß unterwegs. Im fahlen Licht der Straßenlaternen geht es verwirrend kreuz und quer durch den Stadtteil Dadar West zu einem Markt - ein Sprung ins ganz normale Leben, anstatt nur distanziert durch die Scheiben eines klimatisierten Busses zu blicken. Zum ganz normalen Leben in der indischen Metropole gehören Lärm, Staub, Schmutz, Gestank, Müll und Menschen, die zwischen all dem Unrat auf der bloßen Erde schlafen, notdürftig mit einem Tuch bedeckt. Indien ist ein unbändiger Ansturm auf die Sinne. Die westlichen Besucher sind verstört, halten krampfhaft ihre Kameras und Taschen fest, sprinten hektisch zwischen wild hupenden Autos über die Straße. Immer wieder sehen sie sich nach den fünf Fremdenführern um, die diskret und gelassen wie die Mutter einer Großfamilie dafür sorgen, dass keines der Schäflein verloren geht.

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Der Markt von Dadar West ist einer der beliebtesten der Stadt. Jeden Tag zwischen 5 und 9 Uhr kann man hier frisches Obst, Gemüse und Blumen kaufen. Bohnen, Kartoffeln, Okraschoten, Granatäpfel, Ingwerknollen, Kräuter. Die Waren liegen auf dem Boden, nur von einer notdürftigen Unterlage geschützt, aber dennoch liebevoll arrangiert. Lieferanten mit dicken Bündeln auf dem Kopf bahnen sich den Weg durch die Massen. Kleine Mütterchen im Sari nutzen den Windschatten und huschen hinterdrein. Es herrscht lautes Stimmengewirr. „Dhaniya, Dhaniya!“, brüllen die Händler. Die Touristen wollen keinen Koriander. Sie wollen ein Foto. Doch wie stellt man das an, wenn das Gegenüber kein Englisch versteht und man selbst kein Hindi oder Marathi spricht? Es wird gestikuliert, schließlich draufgehalten. Die Händler setzen sich lächelnd in Pose. Mancher zückt sein Smartphone aus der Tasche und knipst zurück.

Gegensätze sind in Indien völlig normal

„Wir bekommen hier einen authentischen Einblick in das Leben der Menschen. Das finde ich gut“, sagt Jürgen Sindl. Der 52-Jährige aus Rüdesheim hat gemeinsam mit Lebensgefährtin Jasmin Siegmund (52) eine komfortable Art gewählt, Indien zu bereisen. Mit dem Kreuzfahrtschiff „Costa Neo Classica“ geht es von Mumbai die Westküste entlang bis nach Sri Lanka und wieder zurück. „Ich geb’s zu, ich bin ängstlich“, sagt er. „Doch mit der Sicherheit des Schiffes im Rücken habe ich mich in dieses doch sehr fremde Land getraut. Und ich bin begeistert.“ Der Ausflug auf den Markt hat Vorurteile abgebaut. Am Ende dieses Tages steht die überraschende Erkenntnis: Man wird eher in Barcelona beklaut als in Mumbai. Und die Sorge, als arroganter Eindringling feindselig behandelt zu werden, war unberechtigt. „Total offen, neugierig und freundlich sind die Leute“, sagt Jasmin Siegmund.

In Indien sind Gegensätze völlig normal. Unermesslicher Reichtum existiert neben unfassbarer Armut. Zusätzlich zu den klassischen Sehenswürdigkeiten wie dem Triumphbogen Gateway of India, dem Wohnhaus von Mahatma Gandhi und dem Bahnhof Victoria Terminus wird Touristen oft ein beeindruckende Gebäude jüngeren Datums gezeigt. Das Haus von Mukesh Ambani im Stadtteil Cumbala Hill hat 37 000 Quadratmeter Wohnfläche auf 27 Stockwerken, ein eigenes Theater, mehrere Pools und allein sechs Etagen für den Fuhrpark. Es gilt als das teuerste Privathaus der Welt. Der Mehrheitseigentümer des indischen Petrochemiegiganten Reliance blickt auf das arabische Meer - und auf die Slums um ihn herum. In Mumbai gibt es einerseits mehr Milliardäre als in Manhattan. Andererseits leben mehr als 60 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze.

Die neue Kreuzfahrt-Route zieht neue Kundschaft an

Wer eine Kreuzfahrt unternimmt, ist aus indischer Sicht zwar wohlhabend, aber dennoch weit weg von der Dekadenz und der exzessiven Vulgarität der dortigen Neureichen. Vielleicht behandelt man die Costa-Passagiere bei den Landgängen deshalb auch so freundlich. „Die Menschen finden es spannend, einen Weißen zu sehen. Das ist exotisch“, sagt Sheela Sankaran (48), Fremdenführerin in Mumbai. Tatsächlich wird fast jeder Reisende früher oder später von einem Einheimischen um ein Foto gebeten und bei positiver Reaktion ruck, zuck von ganzen Clans umzingelt. „Smile!“ So müssen sich Stars fühlen – eine kuriose Erfahrung.

Indien ist Neuland für Kreuzfahrtschiffe. Bisher wurden die Häfen des Subkontinents nur ab und zu im Rahmen von Weltreisen angesteuert. Manchmal fährt auch ein Schiff von der arabischen Halbinsel rüber, um eine Emirate-Tour zu verlängern. Costa Kreuzfahrten ist die erste Reederei, die eine große Indien-Reise im Programm hat. „Ein Großteil unserer Gäste buchen immer wieder bei uns. Denen müssen wir auch immer etwas Neues bieten“, sagt Attilio Sissa, Hotelmanager auf der „Costa Neo Classica“, ein quirliger, herzlicher Genueser, dem man seine 64 Jahre überhaupt nicht ansieht. „Zielgebiete im östlichen Mittelmeer fallen durch Krisen und Krieg derzeit aus“, erklärt er. Also auf zu neuen Ufern.

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Die besondere Route zieht auch neue Kundschaft an. Anna Reimers (Name geändert) aus Hamburg ist sonst gerne individuell unterwegs. „Doch wenn man kurzfristig zwei Wochen Urlaub hat und keine Zeit und Lust, eine Reise selbst zu organisieren, ist so eine Kreuzfahrt praktisch“, sagt die 31-jährige Ärztin. Sie hätte nie gedacht, jemals auf diese Art Urlaub zu machen. „Ich lebe vegan, achte auf Nachhaltigkeit. Da passt ein Kreuzfahrtschiff eigentlich nicht ins Konzept.“ Andererseits, so sagt sie, sei es toll, sauberes Wasser und sichere Lebensmittel zu bekommen, die man bedenkenlos essen kann.

Begegnungen an Bord

Immerhin hat sie sich ein besonderes Schiff ausgesucht: Die „Costa Neo Classica“ ist weder monströser Spaßdampfer noch ultraluxuriöse Yacht, sondern ein kleines, grundsolides Mittelklasseschiff. Eine gediegene Dame, 1991 in Dienst gestellt. An Bord befinden sich bei dieser Reise Menschen aus 38 Nationen, hauptsächlich Italiener, aber auch viele Inder, Franzosen, Israeli, Türken, Südafrikaner. So kommt es auch auf See zu spannenden Begegnungen. Wie etwa mit Sunita Dujari. Die Versicherungsfachfrau wurde von ihrem Arbeitgeber, der indischen Bank Icici, zur Mitarbeitermotivation auf die Reise eingeladen. Ganz spontan erklärt sie drei deutschen Touristinnen, wie man einen Sari richtig umwickelt.

Während Sunitas Dujaris Kollegen begeistert im Pool planschen, macht Anna Reimers ihre Yogaübungen an Deck. Über dem Ozean geht langsam die Sonne unter. Und das Pärchen aus Rüdesheim bucht sich über Internet für den zweiten Aufenthalt in Mumbai am Ende der 14-tägigen Reise eine Slum-Tour durchs berühmte Armenviertel Dharavi. „Diese Wohltätigkeitsorganisation, die das anbietet, wurde uns von einer Engländerin im Flugzeug empfohlen. Die Einnahmen kommen zu 80 Prozent den Menschen dort zugute“, sagt Jürgen Sindl. Er hätte sich auf dem Weg nach Indien noch nicht träumen lassen, dass er den Tipp wirklich beherzigen würde.

Reiseinfos

Anreise

Mumbai wird von Deutschland aus von Lufthansa direkt angeflogen. Es gbt Flüge ab München oder Frankfurt, www.lufthansa.com.

Umsteigeverbindungen bietet zum Beispiel die Gesellschaft Emirates, ab Frankfurt via Dubai, www.emirates.com.

Seereise

Indien ist im Kreuzfahrtmarkt ein neues Gebiet. Costa Kreuzfahrten ist momentan die einzige Reederei, die Mumbai als Ein- und Ausstiegshafen im Programm hat und eine längere Tour entlang der Westküste mit Abstechern auf die Malediven und nach Sri Lanka anbietet. Von November 2017 bis Februar 2018 ist die „Costa Neo Classica“ wieder im Arabischen und im Indischen Ozean unterwegs. Die 14-tägige Seereise kostet ab 1249 Euro pro Person in der Innenkabine, ab 1669 Euro pro Person in der Außenkabine, je ohne Flug. Auskünfte unter Tel. 040 / 5 70 12 13 16, www.costakreuzfahrten.de.

Einige Reedereien fahren den Subkontinent auch im Rahmen einer Weltreise oder einer Überfahrt an, etwa Tui Cruises mit der „Mein Schiff 1“ auf der Reise „Dubai trifft Singapur“ (ab 5. November, Infos unter www.tuicruises.com). Manchmal macht ein Schiff in Indien als Verlängerung einer Arabien-Tour Station, zum Beispiel die „Constellation“ von Celebrity Cruises (mehrere Termine ab Dezember, www.celebritycruises.de).

Allgemeine Informationen

Indisches Fremdenverkehrsamt, www.incredibleindia.org

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