Der SPD-Bundestagsabgeordnete Nils Schmid sieht mit Blick auf das Interesse der USA an Grönland keinen Grund zur Beunruhigung. Foto: dpa
Im Kreis Esslingen daheim, in der Welt zu Hause: Staatssekretär Nils Schmid (SPD) mischt in der Außenpolitik mit und kämpft als ehemaliger Zivildienstleistender für die Bundeswehr.
Simone Weiß
14.01.2026 - 15:00 Uhr
Manche Reisen sind topsecret. Abstecher in die Ukraine etwa laufen streng geheim ab. Die Termine werden unter Verschluss gehalten, die Anreise erfolgt aus Sicherheitsgründen meist mit der Bahn statt mit dem Flugzeug. Doch die Ukraine ist Chefsache. In das Krisengebiet reist Verteidigungsminister Boris Pistorius höchstpersönlich. Sein Staatssekretär Nils Schmid übernimmt aber öfter Vertretungstrips in andere Regionen für seinen Dienstherrn. Was er dabei erlebt hat, verriet der Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Nürtingen in einem Jahrespressegespräch.
Er selbst hat verweigert. Nach seinem Abitur am Eduard-Spranger-Gymnasium in Filderstadt leistete Nils Schmid Zivildienst bei einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt auf den Fildern. Obwohl der promovierte Jurist nicht „gedient“ hat, wurde er wohlwollend von der „Truppe“ aufgenommen. Sein Job als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung führe ihn oft zu Standorten und Einrichtungen der Bundeswehr, sagt der Sozialdemokrat, und dort freue man sich über Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Lange Zeit habe die Streitmacht auch angesichts von Standortschließungen und Truppenabbau ein Schattendasein geführt.
Der Terminkalender von Nils Schmid ist voll und unberechenbar
Auch der neue Job von Nils Schmid hat Schattenseiten. Sein Politikerleben habe die Berufung zum Staatssekretär nach der letzten Bundestagswahl durcheinandergewirbelt. Die „Souveränität“ über den Terminkalender, sagt er, sei ein Stück weit verloren gegangen. Reisen, Minister-Vertretungen und Trips ins Ausland kämen oft auch angesichts weltpolitischer Veränderungen und internationaler Krisen unerwartet, sodass flexibel, rasch und zackig reagiert werden müsse. In Lebensgefahr oder bedrohliche Situationen haben ihn die Einsätze für das Verteidigungsministerium noch nicht gebracht. Meist gehe es um Konferenzen oder Besuche von Bundeswehrangehörigen im Ausland. Doch auf diplomatischem Parkett muss er auf Worte, Gesten und Benehmen sehr genau achten.
Warum ist Boris Pistorius einer der beliebtesten deutschen Politiker?
Standpauken vom Chef seien weniger zu befürchten. Boris Pistorius rangiert – für manche überraschend – weit oben in den Beliebtheitsskalen von Politikern. Angesichts vieler Veränderungen, Unsicherheiten und einer weniger vorhersehbaren Zukunft, meint Nils Schmid, werde ein Charakter wie der des Verteidigungsministers, der Sicherheit, Stabilität, Ruhe und Besonnenheit ausstrahle, doppelt geschätzt. Zudem sei sein Vorgesetzter charmant, zugänglich und angenehm im Umgang.
Ein schlecht gelaunter Chef sorgt bei Nils Schmid also nicht für schlaflose Nächte. Internationale Krisen könnten aber Albträume beschleunigen. Doch der 1973 Geborene sieht etwa beim drängenden Greifen der USA nach Grönland keinen Grund zur Besorgnis. Zu einer militärischen Aktion auf das zu Dänemark gehörende Land werde es nicht kommen. Einsätze auf NATO-Gebiet würde sich selbst ein wenig berechenbarer Donald Trump verkneifen. Die Europäer müssten sich weiterhin klar zu Grönland bekennen. Die USA könnten aber mehr etwa in die Nutzung der dort befindlichen Bodenschätze eingebunden werden.
Seinen Aktionsradius hat Nils Schmid mit dem neuen Amt ausgedehnt. Er wolle weiterhin regelmäßig in seinem Wahlkreis unterwegs sein, sagt der Genosse. Doch stünden oft Auslandsreisen an. Im Baltikum war er schon. Dort würde die Bundeswehr sehr geschätzt. Im eigenen Land ist das nicht immer und überall der Fall. Einen desolaten Zustand der Streitkräfte möchte Nils Schmid nicht bestätigen. Aber dass viel gespart, Anschaffungen auf die lange Bank geschoben und Veränderungen schleppend durchgeführt wurden, gesteht er zu: „Früher hatten wir wenig Geld und viel Zeit. Nun haben wir angesichts der Kriege und Krisen viel Geld und wenig Zeit“.
Interesse von jungen Leuten amWehrdienst größer als gedacht
Doch es werde besser. Investitionen, das Sondervermögen und Bemühungen würden den Zustand verbessern. Die freiwillige Wehrpflicht sei noch nicht einmal so ungeliebt, wie oft behauptet. Junge Menschen würden angesichts stärkerer Bedrohungen etwa durch Russland eine Verantwortung zur Verteidigung des eigenen Landes spüren. Und die Bundeswehr biete attraktive Perspektiven – so werde jetzt unter bestimmten Umständen der Führerschein bezahlt und zahlreiche Karrierewege stünden offen. Sollte die Zahl der Freiwilligen zu gering sein, werde man über ein verpflichtendes, vom Bundestag festzulegendes Element nicht herumkommen.
14 Prozent der Bundeswehrangehörigen sind laut Staatssekretär Nils Schmid weiblich
Aber alle Abgänge eines Jahrgangs werde das nie betreffen. So viele Soldaten bräuchte das Land gar nicht. Die Wehrpflicht für Frauen erfordere eine Verfassungsänderung, für die er derzeit keine Mehrheit im Parlament sehe. Frauen könnten sich aber freiwillig melden. Bislang seien etwa 14 Prozent der Bundeswehrangehörigen weiblich.
Sozialdemokratische Urgesteine: Nils Schmid (links), der Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Nürtingen, mit Bundesfinanzminister Lars Klingbeil. Foto: Ines Rudel
Dann muss Nils Schmid auf den Flieger nach Berlin. Der neue Job im Verteidigungsministerium hat eben viel Dynamik in seinen Terminkalender gebracht.
Der Weg ins Verteidigungsministerium
Person Der im Juli 1973 geborene Nils Schmid hat für die SPD verschiedene politische Ämter bekleidet. So war der Vater zweier Kinder von 2006 bis 2011 stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, von 2011 bis 2016 stellvertretender Ministerpräsident und baden-württembergischer Minister für Finanzen und Wirtschaft. Der promovierte Jurist ist seit 2017 Mitglied des Bundestages und seit Mai 2025 parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verteidigung.
Ukraine Der Ukrainekrieg, meint Nils Schmid, werde „uns noch länger beschäftigen“. Diplomatische Bemühungen um ein Ende seien zwar wichtig. Doch es habe sich auch gezeigt, dass Russland kaum ein Interesse an einem Friedensschluss zu akzeptablen Bedingungen habe: „Sie wollen die Ukraine klein halten.“ Man müsse sich daran gewöhnen, dass außenpolitisches Handeln nicht allein von wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern auch von anderen Einflüssen wie Machtstreben oder Vergrößerung der Einflusssphäre geprägt sei.