Nach all den Strapazen am Ziel: Finn Riemer am Ellenbogen auf Sylt. Foto: privat
Der Hedelfinger Finn Riemer wollte etwas machen, was noch keiner gemacht hat. Also hat er 24 Ultramarathons bestritten – ohne Ruhetag. Warum Aufgeben dabei nie eine Option war.
Am vergangenen Montag ließ sich Finn Riemer seine Weisheitszähne ziehen. Er hatte fünf. Was nur bei einem bis zwei Prozent der Bevölkerung der Fall ist. Noch viel ungewöhnlicher ist jedoch das, was der 18-Jährige zwischen dem 23. Juli und dem 15. August dieses Jahres veranstaltete. Er lief vom südlichsten Punkt Deutschlands bei Oberstdorf bis nach Sylt.
Auf seinen Videos wiederholt der gebürtige Bad Cannstatter während des Laufs selbst häufig die Worte „geisteskrank“, „crazy“, „gottlos“. Wahrscheinlich ist das mit Blick auf die fast schon unmenschlichen Strapazen noch maßlos untertrieben. Denn an 24 Tagen absolvierte er täglich einen Ultramarathon, ohne einen Ruhetag einzulegen. Insgesamt legte er 1127 Kilometer zurück, im Schnitt 46,98 Kilometer pro Tag. Er bewältigte 8379 Höhenmeter und verbrannte 91 700 Kalorien.
Kumpels auf dem Rad
Wie er den Moment erlebte, als er an seinem Ziel am nördlichsten Punkt Deutschlands, am Ellbogen in List auf Sylt, angekommen war? „Erschöpft, aber unbeschreiblich.“ David und Mervan, seine beiden besten Kumpels, hatten ihn ab Itzehoe mit dem Fahrrad begleitet. Wie dies zu Beginn der Tour seine Freundin Lena machte, danach auch seine Tante. Zwischendurch lief er auch mal knapp 400 Kilometer alleine, mit 15 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken.
Belohnungsessen in Westerland
Nach dem emotionalen Zieleinlauf ging es nicht sofort in die Hängematte. Erst einmal stand ein Zehn-Kilometer-Fußmarsch zur nächsten Bushaltestelle an, ehe dann in Westerland mit einem Burger-Belohnungsessen gefeiert wurde.
Die entscheidende Frage: Was treibt einen jungen Menschen dazu, nicht nur von solch einer krassen Idee bei einer bierseligen Runde herumzuspinnen, sondern sie auch tatsächlich umzusetzen?
Motto: Entfalte Deine Fähigkeiten
Finn Riemer muss für die Antwort nicht lange überlegen. „Mit dieser Challenge wollte ich nicht nur meine eigenen Grenzen austesten, sondern vor allem junge Menschen motivieren, ihre Träume zu verfolgen und an sich zu glauben“, sagt der Sportler, der in Hedelfingen wohnt. Sein Leitsatz dabei steht mit großen Buchstaben auf seinem Laufshirt: „Unlock Your Potential.“ Frei übersetzt: entfalte Deine Fähigkeiten.
Die Initialzündung erfolgte beim Ausüben einer anderen Sportart, die ihn stark geprägt hat. Als Judoka beim KSV Esslingen war er nie eines der größten Talente. Doch er merkte, dass durch viel Training, Leidenschaft und mentale Stärke vieles erreichbar ist. Finn Riemer geht noch weiter: „Alles kann man schaffen. Nur das Beißen zählt. Nur der Kopf entscheidet.“ Im Judo schaffte er es in seiner Gewichtsklasse unter die Top 16 in Deutschland.
Finn Riemer als Judoka beim KSV Esslingen. Foto: red
Vor etwa einem Jahr fasste er den Entschluss zum Lauf seines Lebens. „Ich wollte etwas machen, das in dieser Form noch keiner gemacht hat und das gleichzeitig die Menschen inspiriert. Viele Menschen schränken sich ein. Wenn man die Barrieren entfernt, lässt sich Unmögliches möglich machen“, sagt der ehemalige Abiturient (Schnitt: 2,1) des Wirtemberg-Gymnasiums. Angenehmer Nebeneffekt: Er konnte mit den Videos während seines Laufs gleichzeitig sein Unternehmen NextGen Supplements bewerben.
„Aufgeben war nie eine Option“
Bleibt die Frage, ob er während der Strapazen nicht auch mal ans Aufhören dachte. Finn Riemer erzählt von seinem durchnässten Körper, schwimmenden Sohlen, brennenden Muskeln, speziell auf den bergigen Passagen in der Rhön, schmerzhaften Blasen und einer Zerrung am Oberschenkel – aber: „Aufgeben war nie eine Option. Ich bin ein Mensch, der, wenn ich mir etwas vornehme, es auch ohne Wenn und Aber durchziehe.“
Das gilt auch für die Weisheitszahn-OP, die er gut überstanden hat. Vom 25. September an geht es ein Jahr lang auf Reisen. Er hat ein One-Way-Ticket nach Australien gebucht, plant, dort zunächst „Work and Travel“ zu machen, um danach nach Südostasien weiterzuziehen. Und nach der Rückkehr nach Stuttgart? Will er wieder ins Judo-Training einsteigen, einen Ironman bestreiten, und auch noch einmal einen Lauf durch die gesamte Länge eines Landes kann er sich gut vorstellen.
„Sport wird in meinem Leben immer eine zentrale Rolle spielen, und ich bin mir sicher, dass wieder neue, größere Herausforderungen folgen werden“, sagt Finn Riemer. Wer ihn kennt, hat wenig Zweifel, dass er seine Vorhaben auch in die Tat umsetzt.