Von Odessa nach Schönaich Eine Ukrainerin erzählt von ihrer Flucht

Anna Walther (links) hat ihren Halbbruder Goscha und seine Mutter in Köln abgeholt und nach Schönaich gebracht. Foto: Eibner-Pressefoto/Ioannou

Tatiana Pirogova ist mit ihrem elfjährigen Sohn, dem Halbbruder der Schönaicher Bürgermeisterin Anna Walther, aus der Ukraine geflüchtet. Die Rathauschefin hatte ihren Verwandten früh zur Flucht geraten – die richtige Entscheidung, wie sich herausstellt.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Ihren Geburtstag hat sich Tatiana Pirogova anders vorgestellt. Am 24. Februar ist die Ukrainerin 39 Jahre alt geworden. Anstatt gebührend zu feiern, muss sie an diesem Tag verfolgen, wie russische Truppen in die Ukraine einmarschieren.

 

Tatiana Pirogova lebt gemeinsam mit ihrem elfjährigen Sohn Goscha in Odessa. Die Hafenstadt mit knapp einer Million Einwohnern liegt am Schwarzen Meer im Süden der Ukraine. Als der Krieg ausbricht, verharrt die Familie zunächst in ihrer Wohnung. Die Explosionen, die sie hören, sind weit entfernt, weshalb sie sich noch in relativer Sicherheit wähnen. Doch einen Tag später erhält Pirogova einen Anruf aus Deutschland. Anna Walther, Bürgermeisterin in Schönaich, ist in der Leitung. Tatianas Sohn, Goscha, ist Anna Walthers Halbbruder. Der gemeinsame Vater ist bereits 2015 verstorben. Ihr Rat an die alleinstehende Tatiana: „Nimm den Kleinen und geh.“ Zunächst zögert Tatiana Pirogova noch, doch Anna Walther überzeugt sie, schnell ihre Sachen zu packen und das Land zu verlassen. „Ich hatte im Gefühl, dass das furchtbar wird“, sagt Anna Walther, als sie gemeinsam mit Tatiana Pirogova im Schönaicher Rathaus sitzt und die Erlebnisse schildert. Ein elfjähriges Kind hätte dort nichts verloren. Ihre klaren Worte hinterlassen Eindruck bei der Mutter. Sie stimmt sich mit ihren Eltern ab, doch die beiden wollen Odessa nicht verlassen.

Auf dem Bahnhof in Odessa drängen sich die Menschen

Am nächsten Morgen bricht Tatiana Pirogova gemeinsam mit Goscha auf. Eigentlich hätte die 39-Jährige, die Violine spielt, mit ihrer Band an diesem Tag noch einen Auftritt gehabt. Stattdessen findet sie sich nun an einem überfüllten Bahnhof wieder. Vergeblich versucht sie, ein Zugticket zu bekommen. Die Waggons sind überfüllt, die Menschen drängen sich auf den Bahnsteigen. „Viele Leute haben sich einfach außen an den Waggons festgehalten, selbst als der Zug losfuhr“, erzählt die Ukrainerin. Schließlich schaffen es die beiden in einen der Züge und fahren in mehreren Etappen in Richtung der polnischen Grenze. Das letzte Stück legen sie mit dem Bus zurück – wie sich herausstellt, war es die richtige Entscheidung: Von ihrem Platz im Bus filmt Tatiana eine kilometerlange Schlange an Autos, die sich bis hin zur Grenze zieht. Mit dem Bus kommen sie allerdings schnell voran. Den Straßenrand säumen herrenlose Koffer, Kleidungsstücke und Gepäck. Flüchtende, die zu Fuß unterwegs sind und ihr Hab und Gut nicht mehr tragen können, lassen es dort zurück. Immer wieder sieht sie Freiwillige, die Essen und Trinken an die Wartenden verteilen.

An der Grenze geraten die Menschenmassen in Panik

Tatiana Pirogova beschreibt die Menschenmassen an der Grenze, wie Unruhen entstehen und sich teilweise Panik breit macht. Sie sieht eine junge Frau, die völlig aufgelöst in Tränen ausbricht, weil ihr Hund in der Menschenmenge zerquetscht worden ist. Tatiana Pirogova muss schwer schlucken, als sie die Szene beschreibt. Nach rund drei Stunden in der bitteren Kälte schaffen sie es schließlich über die Grenze. Durch Zufall findet sie einen Busfahrer, der Mitfahrer nach Deutschland sucht. In einer letzten Etappe fahren sie schließlich nach Köln, wo sie Anna Walther und ihr Mann am 28. Februar abholen.

Mittlerweile ist Tatiana Pirogova mit ihrem Sohn bei einer Familie in Schönaich untergekommen. Demnächst ziehen die beiden zu einer Frau vor Ort, die sie langfristig aufnehmen kann. Dort steht sogar ein Klavier für Goscha. Der Elfjährige ist genau wie seine Mutter musikalisch begabt: Er hat bereits Kontakte in der Musikschule geknüpft und sich zu einem Wettbewerb angemeldet.

Wie die Zukunft aussieht, weiß Tatiana Pirogova noch nicht. „Ich versuche jetzt erst mal, hier ein Leben aufzubauen“, sagt sie. Langsam gewinnt sie auch ihre Unabhängigkeit zurück. Sie erzählt, was für eine große Umstellung es gewesen war, von ihrem selbstständigen Leben in Odessa in eine Situation geworfen zu werden, in der sie auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

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Anna Walther ist froh, dass ihr Halbbruder die Zerstörung nicht live miterleben musste. Seine Mutter schüttelt ungläubig den Kopf, als sie von der Bombardierung Charkiws erzählt. Die zweitgrößte Stadt in der Ukraine steht seit dem ersten Kriegstag unter schwerem Beschuss. Kaum wahrhaben will die 39-Jährige die bittere Realität. Andere, die nicht so früh wie Tatiana Pirogova und ihr Sohn ihre Koffer gepackt haben, haben mittlerweile schlechte Karten: Ein weiterer Bruder von Anna Walther lebt mit seiner Familie in der ukrainischen Hauptstadt und harrt dort in seiner Wohnung aus. „Mittlerweile können sie Kiew nicht mehr verlassen, die Stadt ist einfach zu stark unter Beschuss“, erzählt die Bürgermeisterin.

Über ihre Landsleute sagt Tatiana Pirogova: „Wir sind stark, wir kämpfen und wir sind wütend.“ Wenn der Krieg nur eines bewirkt, dann sei es Folgendes: Wenn sie zuvor gesagt hatte, dass sie aus der Ukraine kommt, verwechselten viele Leute das osteuropäische Land mit Russland. Dieser Fehler wird nun niemandem mehr so schnell passieren, sagt sie.

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