Von Rutesheim in den Senegal 6600 Kilometer im Sattel: 22-Jähriger auf einer einsamen Reise durch die Wüste

Keno Schuhmacher ist mit dem Fahrrad durch die Sahara gefahren. Foto: Keno Schuhmacher

Eine Fahrradreise von Rutesheim in den Senegal wurde für Keno Schuhmacher zur echten Survival-Tour. Was der junge Mann fernab jeder Zivilisation erlebte.

Volontäre: Marie Part (par)

Mitten in der Nacht steht Keno Schuhmacher alleine in Valencia. Sein Handy hat einen Wasserschaden, die Navigation damit unmöglich, ein Hotelzimmer kostet gut 100 Euro. Also legt er seine Matratze auf eine Parkbank. Die Stechmücken summen, später beginnt es zu regnen. „Ich habe da geschlafen wie ein Obdachloser“, sagt der 22-Jährige aus Rutesheim – und lacht. Damals war ihm nicht danach.

 

Valencia war nur eine Etappe auf einer Reise, die ihn vom Hof seiner Eltern in Rutesheim bis in den Senegal geführt hat, alles mit dem Fahrrad. Drei Monate waren veranschlagt, durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Andorra, Spanien, Marokko, die Westsahara und Mauretanien. Sein Ziel: einmal durch die Sahara fahren.

Bikepacking durch die Sahara: Die Vorbereitung

Vor der Abreise war etwas Überzeugungsarbeit nötig. Denn seine Eltern hatten Sicherheitsbedenken. „Sie haben von Entführungen gehört und sich Sorgen gemacht“, erzählt der 22-Jährige. Er recherchierte, erarbeitete seine Strecke mit dem Routenplaner Komoot, ließ sich alle notwendigen Impfungen verpassen und verband sich über eine Whatsapp-Gruppe mit anderen Radreisenden, um die Situation besser einschätzen zu können. Am Ende ließen seine Eltern ihn ziehen – auch, weil er mittels eines GPS-Trackers sicherstellte, dass er sich täglich mit dem Handy melden konnte.

Kurz vor der Abreise bekam er von seinen beiden Schwestern eine kleine Actionkamera geschenkt, die auch für Aufnahmen unter extremen Bedingungen geeignet ist. Eigentlich hatte er schon darüber nachgedacht, die Reise auf Instagram zu dokumentieren – war sich aber nicht sicher, ob er „der Typ dafür“ ist. Seine Mutter unterstützte das sehr. So konnten Familie und Freunde täglich verfolgen, wo er gerade ist. Also filmte er von Anfang an mit.

Drei Monate Zeit für die lange Tour – und ein großes Ziel

Gestartet ist er am 25. September 2025. Begleitet wurde er von zwei Schulfreunden: Fabian Kroos war nur für eine Nacht dabei, Ben Weiß aber wollte bis nach Spanien mitfahren. Drei Tage lang fuhren sie im Dauerregen. „Das war hart“, erinnert sich Keno Schuhmacher. Einen Tag Pause konnten sie sich nicht leisten, denn Ben Weiß musste rechtzeitig zum Semesterstart wieder zu Hause sein.

Dieses Problem hatte Keno Schuhmacher nicht. Er hatte sich so organisiert, dass zwischen seinem Bachelorabschluss in Elektrotechnik und seiner Festanstellung bei Hitachi Rail, einem japanischen Hersteller für Eisenbahntechnik, genau drei Monate frei blieben. „Ich habe die Reise dementsprechend in diesem Zeitraum geplant“, erklärt er. Auf die Idee, durch die Wüste zu fahren, kam er durch den Instagram-Account von Bikepacker Josh Allgeier, der mit dem Fahrrad bis nach Südafrika gefahren war.

Der Weg nach Spanien – und die ersten Schwierigkeiten

In der Schweiz kam die Sonne heraus, und das Fahren wurde leichter. Von dort ging es ohne Probleme durch Frankreich und Andorra bis Spanien. In Barcelona verließ sein Freund Ben Weiß ihn – und es wurde das erste Mal ernst. Denn in Valencia fiel sein Handy wegen eines Wasserschadens aus.

Zwei Tage ohne Internet, ohne Übersetzer, ohne Navigation. Er lieh sich das Handy bei einer McDonald’s-Mitarbeiterin, in gebrochenem Spanisch verständigte er sich mit ihr. „Ich wollte meiner Mutter Bescheid geben. Ich wusste, dass sie sich Sorgen macht“, erzählt er.

In Granada traf er auf seinen Arbeitskollegen Daniel Gungl, der bis nach Marrakesch mitkommen wollte. Auf der Fähre nach Marokko fiel den beiden auf, dass sie auf dem Weg zum falschen Hafen waren. Nach einer Tagestour von 140 Kilometern fuhren sie mitten in der Nacht noch 40 Kilometer bis zum Hotel. Um vier Uhr morgens kamen sie an. „Das war die schwierigste Fahrt der ganzen Tour“, sagt Keno Schuhmacher.

Am Tor zur Sahara endet die Zivilisation

Dabei stand ihm der härteste Teil der Reise noch bevor. In Marokko stieß Maurice Mülder zu ihnen – ein Bikepacker, den Keno Schuhmacher über die Whatsapp-Gruppe kennengelernt hatte. Hinter Sidi Ifni, dem „Tor zur Sahara“, hörte die Zivilisation auf. „Ab da gab es plötzlich nichts mehr“, sagt er.

Am letzten Dorf fuhren sie aus Versehen vorbei, die Vorräte waren bereits knapp. „Ich hatte noch eine Dose Thunfisch, und Maurice hatte noch Marmelade, die er gelöffelt hat“, erinnert sich Keno Schuhmacher. Am nächsten Tag war zunächst nichts in Sicht, wo sie etwas hätten einkaufen können – und es ging immer tiefer in die Wüste.

In der Nähe der Ouzoud-Wasserfälle in Marokko begegnete Keno Schuhmacher einem Affen. Foto: Keno Schuhmacher

Ein Soldat gab ihnen an einem Militärposten etwas von seinem Wasser. Auf der Straße hielten sie ein vorbeifahrendes Auto an und fragten nach Essen. Sie bekamen Fladenbrot und drei Granatäpfel geschenkt. „Die haben so gut geschmeckt in dem Moment“, erzählt Keno Schuhmacher.

Ein Biss – und plötzlich steht Tollwut im Raum

Tage später ereignete sich etwas, das ihn noch länger beschäftigen sollte: Eine Straßenkatze biss ihn in die Wade. Erst maß er dem keine große Bedeutung bei. Doch später traf er einen Reisenden, der ihm sagte, es könne eine tollwütige Katze gewesen sein.

„Wenn man Symptome spürt, ist man tot“, erinnert er sich an die Warnung. In Mauretanien ging er schließlich doch ins Krankenhaus. Zwei Wochen lag der Vorfall da bereits zurück. Am Ende kam die Entwarnung: Mit seinen Impfungen sollte kein Risiko bestehen. „Für den Kopf war das wichtig“, sagt Keno Schuhmacher. Danach betrachtete er die vielen Straßenhunde entlang der Militärposten mit anderen Augen.

Im No-Man’s-Land gibt es keine Schilder – aber viele Minen

An der Grenze zu Mauretanien wurde es surreal. Denn nach der Ausreise aus Marokko begann das sogenannte No-Man’s-Land – zwei Kilometer ohne klaren Weg, rechts und links Gelände voller Minen. „Es gab Schilder, aber keine echte Begrenzung“, erinnert er sich. Die Radler hatten Glück und konnten einem Auto folgen. „Das war sozusagen unser Minen-Fahrzeug“, sagt er und lacht.

Dann waren sie in Mauretanien – einem der ärmsten Länder der Welt. Dort wurde es plötzlich noch viel ursprünglicher als in Marokko. Hütten aus Ton mit Strohdächern, Sandpisten, Schlaglöcher, Bodenwellen, alte Mercedes-Modelle mit schiefer Achse und ohne Scheiben. Mehrfach hielten Lastwagenfahrer an und drückten ihm Brot, Obst und Wasser in die Hand. „Echt herzensgute Menschen gibt es da“, sagt Keno Schuhmacher.

Nach der Sahara fehlt plötzlich das Ziel

Im Senegal verlor die Reise ihr klares Ziel. Politische Unruhen in Guinea-Bissau und Guinea zwangen ihn, die Route zu ändern. Sein Mitfahrer flog heim, Keno Schuhmacher radelte allein weiter. Als die Sahara hinter ihm lag, war er stolz. Er hatte es geschafft. Doch gleichzeitig fühlte er sich auch etwas verloren. „Plötzlich war das Ziel weg“, sagt er. Ohne die klare Richtung nach Süden fühlte er sich ein Stück weit orientierungslos. Die Kilometer fielen schwerer, die Hitze wirkte drückender als zuvor.

Gleichzeitig erlebte er im Senegal Momente, die blieben: spontane Einladungen zum Essen, ein Reggae-Festival, gemeinsames Grillen mit den Einheimischen. Auf der Straße wurde er von einem Senegalesen gefragt, ob er schon einen Schlafplatz habe. „In Deutschland würde man so eine Hilfsbereitschaft nicht erleben“, sagt der 22-Jährige. Beim Zelten im Garten des Mannes wurde sein Zeltnachbar nachts ausgeraubt. Am nächsten Tag fuhren die Einheimischen mit ihm zu einem Schamanen, der den Dieb verfluchen sollte. Vieles wirkte fremd, manches chaotisch, vieles überraschend herzlich.

„Wenn sich ein richtiges Ziel setzt, dann schafft man das auch“

Am 8. Dezember endete seine Bikepacking-Tour – nach 75 Tagen und über 6600 Kilometern im Sattel. Fünf Tage später traf er seine Familie in Dakar wieder. „Da habe ich erst realisiert, was ich gemacht habe“, sagt er. Wirklich stolz ist er nicht auf die vielen Kilometer – sondern darauf, dass er überhaupt losgefahren ist. „Wenn man einen Traum hat und sich ein richtiges Ziel setzt, dann schafft man das auch“, sagt er.

Keno Schuhmacher überwand eine Distanz von 6634 Kilometern und war über 485 Stunden unterwegs. Foto: Maplibre/komoot/Mapdata/OpenStreetMap-Mitwirkende

Inzwischen arbeitet Keno Schuhmacher als Servicetechniker und ist für das Bahnprojekt Stuttgart 21 zuständig. Der Alltag ist zurück. Aber die Erfahrung bleibt. Und der Gedanke, irgendwann wieder aufzubrechen. Vielleicht Richtung Osten, nach Zentralasien. „Es war die erlebnisreichste Zeit meines Lebens“, sagt er über die Monate zwischen Rutesheim und der Sahara.

Mit dem Fahrrad bis nach Westafrika – die Tour in Zahlen

  • Start: 25. September 2025 in Rutesheim
  • Ende der Bike-Tour: 8. Dezember 2025
  • Dauer: gut zwei Monate auf dem Rad
  • Durchschnitt: rund 100 Kilometer pro Fahrtag
  • Kosten: knapp 4000 Euro (ohne Fahrrad)
  • Rad: Gravelbike, rund 10 Kilogramm Gewicht
  • Gepäck: geschätzt etwa 25 Kilogramm inklusive Rad
  • Route: Deutschland – Schweiz – Frankreich – Andorra – Spanien – Marokko – Westsahara – Mauretanien – Senegal

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