Von Stuttgart nach L.A. Auswanderer-Familie zwischen Maultaschen-Sehnsucht und „Gönn dir!“-Mentalität

Familie Arzheimer ist in die USA ausgewandert. Foto: privat/KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Eine Stuttgarter Familie wagt das Abenteuer USA: Wie ist es in der Metropole L.A. zu leben? Und wie ist es auszuwandern?

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Riesige Strände, bombastisches Wetter, jede Menge Promis und Glamour. Los Angeles ist eine der Städte auf der Welt, die eine besondere Anziehungskraft haben – auch für Menschen hierzulande, die vom Auswandern träumen. Stefanie und Mike Arzheimer aus Stuttgart haben genau das getan. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern packten sie vor gut einem Jahr ihre Koffer und machten sich auf an die Westküste der USA.

 

Wie ist das Leben in den USA? Wie kam es dazu, dass sie ausgewandert sind? Wie hat sich ihr Blick auf Deutschland in der Zeit verändert? Was hat sich von ihren Erwartungen erfüllt – und was nicht?

Irgendwann am Meer wohnen

Für Stefanie Arzheimer war lange klar: Ich will irgendwann, und wenn es nur für eine begrenzte Zeit ist, am Meer wohnen. Bei Porsche hatte sie ihren Mann kennengelernt, er arbeitet immer noch für den Sportwagenbauer aus Zuffenhausen. Für beide war auch klar, wenn sie auswandern, dann sollten die Kinder noch einigermaßen klein sein. „Dass es dann geklappt hat und L.A. wurde, war eigentlich Zufall“, sagt Mike Arzheimer.

Der 37-Jährige saß irgendwann als letzter in einem Meeting mit dem designierten Porsche-USA-Chef. Beim anschließenden Mittagessen tauschten sie sich über Zukunftspläne aus – dabei kam neben dem Essen auch die Gedanken ans Auswandern, die bei Familie Arzheimer kreisten, auf den Tisch. Im Februar 2024 klingelte das Telefon, es war sein künftiger Chef, der ihm ein Angebot unterbreitete. Er suchte jemand, der Deutsch spricht und eine Abteilung für das Qualitätsmanagement der Marke in L.A. aufbaut.

Von harten ersten Wochen und horrenden Mieten

„Ich habe gleich gesagt: Machen wir!“, sagt Stefanie Arzheimer. Dass Tochter Emma kurz vor dem Wechsel vom Kindergarten in die Schule stand, passte auch. Im Sommer 2024 war die Tinte unter dem Vertrag trocken, im März 2025 startete die Familie aus Stuttgart in das Abenteuer USA. Den verheerenden Bränden, die zum Jahresanfang Teile der Millionenmetropole verwüsteten, entgingen sie damit. Der Start – und die Wochen vor dem Umzug – waren dennoch nervenaufreibend. In Stuttgart lösten die Arzheimers ihren kompletten Haushalt auf. „Steffi hat Kleinanzeigen mit all unserem Zeug geflutet“, sagt ihr Mann. Am Ende passte das, was übrig war, in acht Koffer.

Sonnenuntergang am Pazifischen Ozean: Eine Seite des neuen Lebens, die die Familie aus Stuttgart sehr schätzt Foto: privat

Dem Töchterlein und ihrem Bruder Max zu erklären, dass sie neue Spielsachen bekommen, das sei noch einigermaßen vermittelbar gewesen, sagt die 39-Jährige. Sie erstellte ein Punktesystem, mit dem die verkauften Spielsachen kompensiert wurden. „Aber für Emma war das richtig hart, der Abschied von den Freunden aus der Kita, ganz neu anfangen“, sagt die zweifache Mutter. In ihre Vorfreude auf den Neubeginn mischten sich auch Sorgen: „Die ersten zwei, drei Monate waren anstrengend für uns alle“, sagt sie. „Das war ein Test an unsere Resilienz“, sagt er. Sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, war das eine. To-Do-Listen abarbeiten, das andere. Denn auch in den USA gibt es Behördengänge, die erledigt werden wollten.

Zum Jetlag kam am Anfang die Suche nach einer neuen Bleibe, die ersten zwei Wochen lebte die Familie im Hotel. Mike Arzheimer startete direkt in den neuen Job, denn das Leben in den USA ist teuer, unvorstellbar teuer. 5000 Dollar Miete zahlt die Familie, in einem Teil von L.A. in dem man gut lebt, der aber nicht mit den glamourösen Viertel wie Beverly Hills, Bel Air oder Malibu vergleichbar ist. Bekannte, die in einem anderen Stadtteil wohnen, zahlen das Vierfache. „Wenn du hier nicht zwischen 130.000 und 180.000 Dollar im Jahr verdienst, brauchst du mindestens zwei Jobs, um dir allein die Miete leisten zu können“, sagt der Ingenieur. „Wir haben einen deutschen Bäcker gefunden, da kostet eine Brezel sieben Dollar.“ An die schwäbische komme die trotzdem nicht ran – „aber das zahlt man halt.“

Während er arbeitete, musste sie den Alltag organisieren. „Grade als Mama war das schon echt hart“, sagt Stefanie Arzheimer, die inzwischen einen Job im Social-Media-Bereich gefunden hat. „Weil du die Kinder auffangen musst, du dich fragst, ob die das mit der Sprache hinbekommen, ob sie Freunde finden. Du musst dich erst mal um so dumme Sachen kümmern, wie Schuluniformen. Du musst gucken, was man überhaupt kochen kann – man hat tausend Sachen im Kopf“, erinnert sie sich an die Anfangszeit. Wie so häufig im Leben, lösten sich die meisten Sorgen irgendwann auf. Die Kinder, Emma ist inzwischen sieben Jahre alt, Max fünf, bewegen sich wie selbstverständlich in der neuen Welt, die nun ihr Zuhause ist. In der deutsch-englischen Schule haben sie Anschluss gefunden, in den eigenen vier Wänden sprechen sie bisweilen auch Englisch. „Wir sind beide manchmal geschockt, wie selbstverständlich sie das alles hinbekommen“, sagt sie. „Das ist verblüffend, sie saugen alles auf wie ein Schwamm“, sagt er.

L.A. ist wahnsinnig schnell

Auch die Eltern haben neue Bekanntschaften und Freunde gefunden, wobei bei vielen Pärchen mindestens ein Teil aus Deutschland kommt. „In der Mittagspause läuft VfB, wenn der spielt“, sagt Mike Arzheimer. „Die Deutschen, die finden sich irgendwie.“ Apropos Deutsch: Der Blick auf die Heimat hat sich in nicht mal einem Jahr verändert. „Ich weiß jetzt, wie gut Deutsche Auto fahren“, sagt der 37-Jährige. Die Interstates und Highways, die sich teils 16-spurig durch die Stadt der Engel ziehen, gleichen teils einem Ersatzteillager „Man lernt Sachen zu schätzen, die sind einem davor gar nicht aufgefallen, oder man hat sich einfach keine Gedanken gemacht.“ Über das Krankensystem beispielsweise. „Das ist in den USA ein auf Konsum und Gewinn ausgelegter, optimierter Apparat“, sagt er. Die Arzheimers haben eine gute Versicherung über seinen Arbeitgeber.

Woran man sich auch erst einmal gewöhnen muss, ist die amerikanische „Kulinarik“. Die Kinder vermissen Maultaschen, dass die Mama ihnen Ravioli als solche verkaufen wollten, haben sie natürlich gerochen. Dass die größte deutsche Discounter-Kette Aldi in den USA inzwischen weit verbreitet ist, ist fast schon ein Segen. „Da freut man sich auch über deutsches Sauerkraut“, sagt Mike Arzheimer. „Aus Esslingen“, sagt er und hält das Glas wie eine Trophäe in die Kamera. Auch wenn die Deutschen gemeinhin nicht als das entspannteste Völkchen gelten, ist das Leben in den USA noch einmal um einiges schneller. Getrieben sei das auch durch die weit fortgeschrittene Digitalisierung. Für alles gibt es eine App. Für Behörden, für Arztbesuche. „Der mental Load ist viel“, sagt Mike Arzheimer. Das verstärke sich durch die schiere Masse an Menschen und Autos – der Großraum L.A. hat rund 19 Millionen Einwohner. In der City (rund 4 Millionen Einwohner) übersteigt die Zahl der Autos die der Menschen. „Was mir so ein bisschen fehlt, ist die deutsche Langsamkeit“, sagt sie. Sich mal zwei Stunden, oder noch länger, in ein Café zu setzen und zu quatschen, das mache in L.A. niemand. „Es heißt meistens: ich hab in 25 Minuten den nächsten Termin.“

Dass die USA ein Land der Gegensätze sind, haben die Arzheimers inzwischen auch kennengelernt. „Hier gibt es einerseits so viel Geld, und gleichzeitig so viel Armut und Obdachlosigkeit – das kennt man so aus Deutschland nicht“, sagt sie. Von Razzien der Einwanderungsbehörde ICE und die Proteste dagegen hat die Familie wenig mitbekommen. Dass die USA politisch tief gespalten sind, bekomme man auch im Kleinen mit. Egal ob man es mit den Republikanern und Trump oder den Demokraten hält, auf beiden Seiten sind die Überzeugungen groß sowie über Jahre tief verwurzelt. „Im progressiven Kalifornien ist die Zahl derer, die aktiv hinterfragen jedoch noch am größten“, sagt Mike Arzheimer, der geschäftlich auch viel im Land unterwegs ist.

Selbstverständlich gibt es auch viele Dinge, die das Leben in den USA lebenswert machen, die besser sind als in Deutschland. In L.A. selbst die endlosen Strände, gegen die der Neckar einfach nicht anstinken kann. Auch die Nationalparks und die Natur sind mit dem, was man im Südwesten Deutschlands findet, nicht zu vergleichen. Und das Wetter. „Das Wetter ist der Hammer“, sagt Stefanie Arzheimer. An dem Tag zeigte das Thermometer 28 Grad. 25 Mehr als in Stuttgart. Da könnte man direkt neidisch werden.

US-Amerikaner haben eine andere Einstellung gegenüber Geld

Neid begegne einem in den USA viel seltener – eigentlich gar nicht. „Wenn du hier mit einem neuen Auto ankommst, dann heißt es nicht gleich: Was hat das gekostet? Der kann doch nur geleast sein! Die Leute freuen sich mit einem“, sagt Mike Arzheimer. Auch der Umgang mit Geld sei ein völlig anderer. Während die Deutschen ihr Geld eher beisammen halten, sich jede Investition genau überlegen, heißt es in den USA: „Gönn dir!“ „Die Leute sagen: ja, ich hab doch jetzt Gehalt bekommen, dann geb ich das aus“, hat Mike Arzheimer beobachtet. Auch werde für Aktivitäten – etwa Reisen oder Ausflüge wesentlich mehr Geld hingeblättert. Restaurantbesuche sind in den USA auch wesentlich teuerer als in Deutschland. Aber Essengehen gehört trotzdem dazu. Ein Grund aus seiner Sicht: die Amis haben häufig sehr viel weniger Urlaub. „Die Leben viel mehr im Moment“, sagt Stefanie Arzheimer. „Ich glaube, da sind wir als Familie auch besser geworden.“

Zwei deutsche in L.A.: Mike Arzheimer hat Fußballprofi Marco Reus am Strand getroffen. „Wir haben uns nett unterhalten, unser Kinder haben sich auch gut verstanden“, sagt er. Foto: privat

Und noch etwas haben sie sich abgeschaut: die US-Amerikaner seien generell positiver eingestellt, es werde „weniger gemotzt“. Probleme würden auch nicht so aufgeblasen wie in Deutschland. „Wenn etwas nicht funktioniert, dann heißt es: das ist doch nicht schlimm, dann machen wir halt was anderes“, schildert sie die amerikanische Herangehensweise. Das sei im Alltag so, im Beruf und auch in der Schule.

Und was ist vom Bild der glamourösen Metropole L.A. geblieben? Nicht viel. „Natürlich gibt es hier schöne Ecken“, sagt Stefanie Arzheimer. Aber eben auch viele, die nicht so schön sind. Und von den Promis hat zumindest sie noch nichts gesehen. Ihr Mann hingegen hat einen getroffen: am Strand gab es eine Begegnung mit Marco Reus. Der ehemalige Bundesliga-Profi kickt inzwischen in der MLS für L.A. Galaxy. Dass Mike Arzheimer als US-Sportfan die Football-, Baseball- und Basketballspiele im Stadion nun live und am Fernseher zu einer verträglichen Tageszeit verfolgen kann, auch das ist für ihn ein Teil der USA-Erfahrung. Wer mit dem Gedanken spiele, es ihnen nachzumachen, der solle es wagen. „Es lohnt sich. Wir haben uns alle unglaublich weiterentwickelt“, sagt Stefanie Arzheimer. „Das eine Jahr ist verflogen, weil man hier so viel erlebt.“ Im März 2027 soll es zurück in die Region Stuttgart gehen. „Das wird dann sicherlich auch wieder schwer – besonders für die Kinder“, sagt sie.

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