Erziehung von Kindern Oje, ein Junge!

Die Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen sind meist von außen übergestülpt. Ebenso wie die Cardigans in Hellblau oder Rosa. Die Mädchen hören eher zu und halten sich besser an Regeln? Aber nicht, weil sie Mädchen sind, sondern weil sie viel mehr Gelegenheiten bekommen haben, das zu üben.Foto: Forenius - stock.adobe.com/ Foto: Forenius - stock.adobe.com

Bei der Erziehung ist von Gleichberechtigung kaum etwas zu spüren. Jungen gelten als wilder und anstrengender. Woran das liegt? Nicht selten an Eltern, Erziehern und Lehrern.

Stuttgart - „Da kommt was auf dich zu!“ Als Heidemarie Brosche mit ihrem dritten Sohn schwanger war, reagierte ihr Umfeld vor allem mit Mitleid. Denn, die Vorurteile zum männlichen Nachwuchs, sie sind reichlich. Kleine Kostprobe: Als Babys haben sie häufiger schmerzhafte Koliken. Im Kindergartenalter werden sie zu wilden Rotzlöffeln, die mit Stöcken aufeinander losprügeln. In der Grundschule stören sie, können nicht still sitzen (hyperaktiv!) und erst recht nicht schönschreiben. In der Pubertät ballern sie am Computer. Und sind sie erst mal aus dem Haus, pflegen sie nicht gerade die engsten Kontakte zu ihren Eltern.

 

Entsprechend umfangreich ist die Ratgeber-Literatur zu „Jungs erziehen“. Die Titel machen nicht gerade Lust darauf, vom Frauenarzt die Nachricht zu hören: „Sie bekommen einen Jungen.“ Auch hier eine kleine Kostprobe: „So schaffen Jungs Schule“, „Warum Söhne eine besondere Erziehung brauchen“ oder „Wie Jungen zu ausgeglichenen, liebevollen und fähigen Männern werden“.

„Jungs-Eltern werden tatsächlich häufiger von der Schule angerufen als Mädchen-Eltern.“

Und damit nicht genug. Diese Bücher sind größtenteils von Experten geschrieben, die ihre Thesen durchaus mit statistischen Zahlen belegen können. „Jungs-Eltern werden tatsächlich häufiger von der Schule angerufen als Mädchen-Eltern. Im Lehrerzimmer wird zu 80 Prozent über Jungen geredet. Sie fallen einfach häufiger negativ auf – vom Mittagstisch bis zur Kriminalitätsstatistik“, sagt Reinhard Winter, Pädagoge aus Tübingen und einer der bekanntesten deutschen Jungenexperten.

Heidemarie Brosches Söhne sind inzwischen erwachsen, studieren und arbeiten. „Und sie pflegen einen guten Kontakt zu uns“, sagt die Lehrerin und Autorin des Buches „Jungs-Mamas“. Geschrieben hat sie es im vergangenen Jahr, weil sie dieses ständige negative Gerede über Jungen leid war. „Als Lehrerin kenne ich durchaus die Probleme, die sie in der Schule bereiten. Aber erst durch die eigenen Söhne wurde mir bewusst, was die Ursachen dafür sind“, sagt Heidemarie Brosche.

Nun neigen Eltern aber dazu, kleine Mädchen etwas mehr zu behüten als Jungen

Das fängt bei der Erziehung zu Hause an. „Egal, ob ich Jungen oder Mädchen erziehe, das klappt nur, wenn ich absolut klar bin in meinen Ansagen“, sagt die Pädagogin Heidemarie Brosche. Nun neigen Eltern aber dazu, kleine Mädchen etwas mehr zu behüten als Jungen – aus genetischen wie kulturellen Gründen, wie Experten sagen. „Dadurch bekommen Mädchen engere Grenzen gesetzt, was aber auch mehr Klarheit und Halt bedeutet“, sagt Pädagoge Reinhard Winter. Die Folge: Die Mädchen hören eher zu und halten sich besser an Regeln. Aber nicht, weil sie Mädchen sind, sondern weil sie viel mehr Gelegenheiten bekommen haben, das zu üben.

Dann kommen der Kindergarten und die Tatsache, dass Jungs im Durchschnitt bewegungsfreudiger und lebhafter sind als Mädchen – auch wenn es von dieser Regel durchaus Ausnahmen gibt. Diese Wildheit – die Lust am Rennen, Klettern, Schreien, sich messen und beweisen wollen und auch am Prügeln –, sie muss raus. „Stattdessen wird das vom Kindergarten an aber allzu oft unterdrückt. Den Jungs verbieten wir das Kämpfen, die Mädchen dürfen ihre Vater-Mutter-Kind-Spiele machen. Warum?“, fragt sich Jungenexperte Winter. Die Folge sind Jungs, die zu viel Energie übrig haben – mit der sie dann andere stören.

In der Schule wird es dann richtig hart. Jungen suchen auch hier eher als Mädchen Herausforderungen und Abenteuer. Finden tun sie Schönschreiben und Lieder singen. Alles wichtig, keine Frage. „Aber für die grobmotorischen Stärken der Jungs, die auf Kraft beruhen, gibt es kaum Raum. Wer darf schon in der Schule Holz hacken?“, fragt Heidemarie Brosche.

Die Lehrerin gibt ehrlich zu, dass sie selbst Mädchen in der Klasse als ruhiger und damit angenehmer empfand als Jungs

Und die Lehrerin gibt ehrlich zu, dass sie selbst Mädchen in der Klasse als ruhiger und damit angenehmer empfand als Jungs – bis sie ihre drei Söhne bekam. „Da erst wurde mir bewusst, dass unser Schulsystem für lebhafte Jungs einfach viel zu wenig Raum bietet.“ Inzwischen achtet sie darauf, den Jungs zu vermitteln, dass nicht ihr Verhalten falsch ist, sondern dass es nicht zu dem passt, wie Schule meist stattfindet. Und sie versucht, mehr Bewegung und Wettbewerb in den Unterricht einzubauen. „Und schon stören die Jungen weniger oder denken sich nicht aus Langeweile irgendwelchen Quatsch aus“, sagt Brosche.

Nun kann man sich eine solche Lehrerin aber genauso wenig aussuchen wie eine Erzieherin im Kindergarten, die mit Jungs Schwerter schnitzt. Und hier steht bewusst die weibliche Berufsform. Denn wo es keine männlichen Erzieher und Lehrer gibt, können diese Kindergarten und Schule auch nicht so gestalten, wie sie es als Jungs gern gehabt hätten. Aber der weibliche Pädagogen-Überschuss ist eine Tatsache, genauso wie das vorherrschende Schulsystem, mit dem die Jungs von heute wie von morgen umgehen müssen. Die Frage bleibt, wie.

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„Etwas mehr Gelassenheit, Zuversicht und Freude den Jungs gegenüber wäre schön“, sagt Brosche. Und ein etwas genauerer Blick auf gängige Klischees wie beispielsweise ihre angebliche Faulheit in der Schule. „Ja, meine Jungs waren auch faul. Aber wenn sie etwas interessiert hat, dann konnten sie durchaus bemerkenswerten Ehrgeiz an den Tag legen“, sagt Brosche. Jungen würden eben eher interessengeleitet lernen.

Auf Klassentreffen mit ehemaligen Schülern fällt Heidemarie Brosche dann gern auf: Aus fast allen von denen ist ja was geworden. Und wenn man dann nochmals die Statistik bemüht und sich Gehälter und Karrieren anschaut, spätestens dann sieht man: So viel schaden tut den Männern ihre vermeintlich schwierigere Kindheit offensichtlich gar nicht. Frauen dagegen finden sich nun im Ratgeber-Regal mit Titeln wie „Was Frauen an der Karriere hindert“, „Die Teilzeitfalle“ oder „Viel Fleiß, kein Preis“ wieder.

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