Noch wird getestet, am 1. Februar geht es dann richtig los: Ein Testzug der Hesse-Bahn steht am Bahnhof in Weil der Stadt. Foto: Simon Granville
Zwischen Calw und Weil der Stadt verkehren tatsächlich bald wieder Züge. Von 1. Februar an kann jedermann einsteigen. Wir waren bei einer exklusiven Probefahrt dabei.
Ralf Klormann
20.01.2026 - 18:30 Uhr
In gleichmäßigen Bewegungen gleitet die Säge vor und zurück. Holzspäne rieseln zu Boden. Es ist nur einer von vielen Ästen, die der Calwer Landrat Helmut Riegger an diesem Tag durchtrennt – doch die Handlung hat Symbolkraft. Wir schreiben das Jahr 2014, es ist Januar.
Riegger steht auf den Gleisen der Württembergischen Schwarzwaldbahn nahe der Bahnbrücke am Calwer Welzberg, zusammen mit einigen Mitgliedern des fast gleichnamigen Vereins (Württembergische Schwarzwaldbahn Calw – Weil der Stadt), der sich seit Jahrzehnten für eine Reaktivierung der Strecke einsetzt. Es ist mein erster Berührungspunkt mit dem Projekt Hermann-Hesse-Bahn.
Eine technische Abnahmefahrt steht an, zu der auch prominente Gäste eingeladen sind. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) ist da, Landrat Riegger, ebenso die Bürgermeister der am Zweckverband der Hesse-Bahn beteiligten Kommunen.
Die erste Fahrt mit der Hermann-Hesse-Bahn in Weil der Stadt beginnt leicht verzögert
Doch das ist an diesem Tag Geschichte. Harte, lange und arbeitsreiche Wochen – eigentlich eher Jahre – liegen hinter allen Beteiligten des Projektes. Doch nun ist die Stimmung heiter, fast gelöst.
Exklusiv, noch vor der offiziellen Jungfernfahrt der Bahn am 31. Januar und dem Betriebsbeginn am 1. Februar, dürfen die Anwesenden die Strecke buchstäblich „erfahren“. Es ist nach all der Zeit beinahe unwirklich.
Laut ertönt die Hupe des Zugs gleich mehrfach. Die Fahrgäste steigen ein und mit leichter Verspätung – geplant war 12 Uhr – beginnt die Reise wenige Minuten nach Mittag. Fast schon sanft gleitet die Bahn über die Gleise, lässt Weil der Stadt hinter sich, nähert sich Ostelsheim. Langsam, aber unaufhaltsam. Langsam deshalb, weil es bei dieser Fahrt natürlich auch darum geht, die korrekte Funktion aller Anlagen zu überprüfen. Das Tempo liegt zwischen 20 und 50 Stundenkilometern.
Drei Batterie-Züge fahren künftig auf der Strecke zwischen Weil der Stadt und Calw
Der Grund: Die DB Regio und die Südwestdeutsche Landesverkehrs-GmbH, so heißt es aus dem Calwer Landratsamt, waren nicht bereit, mit deren Batterie-Bahnen Abnahmefahrten mit den damit verbundenen sehr speziellen Anforderungen und Bedingungen umzusetzen.
Stattdessen rollt zur Probefahrt ein angemieteter dieselgetriebener „Regio-Shuttle“-Triebwagen über die Schienen. Für Laien, so erklären die Experten unterwegs, sei der Unterschied indes kaum feststellbar – weder innen noch außen. Verantwortlich für die Fahrten ist ein kleines Eisenbahnverkehrsunternehmen: Die Regionenbahn GmbH. An diesem wiederum ist auch Frank von Meißner beteiligt, der Geschäftsführer des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn.
Fast genau zwölf Jahre ist es her, dass der Calwer Landrat Helmut Riegger frohen Mutes Äste entlang der Bahnstrecke abschnitt. Eine Fertigstellung der Hesse-Bahn bis 2019 schien ihm da noch realistisch. Foto: Marius Venturini
Der steht sogar selbst als Lokführer am Steuer. Allerdings nicht die ganze Zeit. Zwischenzeitlich darf auch Minister Hermann mal ran – ebenso wie Helmut Riegger. „Alle aussteigen, der Landrat fährt“, ruft Ostelsheims Bürgermeister Ryyan Alshebl gut gelaunt mit einem Zwinkern durch den Zug, als Riegger auf dem Fahrersitz Platz nimmt. Der Landrat wiederum bemerkt indes, dass Bahnfahren gar nicht so einfach ist: „Da braucht man Gefühl“, stellt er fest.
Frank von Meißner fungiert während der Fahrt zudem nebenbei als Reiseführer und weist etwa auf Sehenswürdigkeiten hin: den Panoramablick auf Ostelsheim, die funktionierenden Signale, den Neubau-Tunnel bei Weil der Stadt-Schafhausen und Ostelsheim.
Eine Weiche macht kurz Probleme – was aber ein gutes Signal ist
Kurz nach Letzterem kommt es dann zu einem unfreiwilligen Stop. Eine Weiche wurde abgeschaltet; möglicherweise durch eines der Bauunternehmen während eines Arbeitsvorgangs. Wichtig ist jedoch: Die Technik funktioniert. Und so kann die Reise weitergehen.
„Jetzt kommen wir zu einem unserer Höhepunkte“, erklingt kurz vor Althengstett die Stimme des Verbandsgeschäftsführers durch die Lautsprecher. Er meint damit die Trennwandkonstruktion und die weit auskragenden Vorbauten der Bestandstunnel. In jenem bei Hirsau stoppt der Zug dann sogar. Die Fahrgäste strömen heraus, versammeln sich unter dem Ende der etwa 80 Meter langen Einhausung – gewissermaßen einem Tunnel, der aus dem eigentlichen Tunnel herausragt – um das Bauwerk zu betrachten.
Die Fahrzeit von Weil der Stadt nach Calw soll künftig 18 Minuten betragen
Die äußere Hälfte des Konstrukts besteht aus einer Art Stahlkäfig; luft- und schalldurchlässig, aber dicht genug, um keine Fledermaus durchzulassen. Bei Hirsau fehlen zwar noch einige Elemente. Frank von Meißner macht das keine Sorgen. Bis zur Jungfernfahrt sei das erledigt. „Sie glauben gar nicht, wie schnell wir inzwischen sind“, sagt er mit einem Lächeln.
Schnell, so scheint es trotz eineinhalbstündiger Reise, ist am Ende auch die erste Fahrt vorbei. Gegen 13.30 Uhr kommt die Hesse-Bahn in Calw an. Später soll der Zug diese Strecke in gerade einmal noch 18 Minuten zurücklegen. Ein bescheiden kleiner Zeitraum – gemessen an den Jahren, die vergangen sind, seit Landrat Riegger einst zur Säge griff.