Von Zeit zu Zeit: die 80er Jahre in Stuttgart Als die Welt beinahe untergegangen wäre

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Zu Beginn der 80er Jahre wagte noch kein Mensch von politischer Entspannung oder gar Wiedervereinigung zu träumen. Erinnerungen an ein umwälzendes Jahrzehnt.

Eine 108 Kilometer  lange Menschenkette von Stuttgart über die Alb bis nach Ulm: der 22. Oktober 1983 war ein Tag der Superlative für den Frieden. Foto: VZZZ-Chronistin Marlies Nagler 14 Bilder
Eine 108 Kilometer lange Menschenkette von Stuttgart über die Alb bis nach Ulm: der 22. Oktober 1983 war ein Tag der Superlative für den Frieden. Foto: VZZZ-Chronistin Marlies Nagler

Stuttgart - Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Und die Schatten von Mauerfall und Wiedervereinigung waren ziemlich groß, denn der Kalte Krieg tobte in den 80er Jahren einem neuen Höhepunkt entgegen. 1980 boykottierten 64 Staaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland und die USA, wegen des Einmarschs der UdSSR in Afghanistan die Olympischen Spiele in Moskau. Vier Jahre darauf nahmen die meisten Ostblockstaaten nicht an den Spielen in Los Angeles teil. Wettrüsten statt Wettkämpfe prägte diese Zeit, in der Angst und Abschreckung durch die Köpfe geisterten und SS 20 und Pershing II die Symbole diplomatischen Versagens waren.

Auch Stuttgart war vom atomaren Säbelrasseln der Supermächte betroffen, ist doch ein US-Oberkommando in Vaihingen und wurden auch vor der Haustür Pershing-II-Raketen stationiert – in Mutlangen, wo es wie vor den Patch Barracks in Vaihingen zu friedlichen Blockaden kam, die einen Massenprozess wegen Nötigung nach sich zogen. Die bürgerliche Presse distanzierte sich damals mit Anführungszeichen von der „Friedensbewegung“, doch im Herbst 1983 mussten auch die Konservativen registrieren, dass es sich um keine kommunistisch unterwanderte Gruppe von Spinnern handelte. Am 22. Oktober kam es zur größten Friedenskundgebung, die Stuttgart je gesehen hat. Allein auf dem Schlossplatz versammelten sich 100.000 Pazifisten, in der gesamten Innenstadt sprach man von 300.000 Demonstranten.

Die Grünen steckten noch in Birkenstock-Sandalen

Zugleich wurde noch ein anderer Superlativ erreicht: die längste Menschenkette aller Zeiten – 108 Kilometer entlang der B 10 zwischen Stuttgart und Neu-Ulm. Allein im Stadtgebiet reichten sich 30.000 Menschen für 20 Minuten die Hände. Das alles hatte wenig mit einer Chaotenaktion zu tun, sondern erinnerte mehr an ein großes Volksfest, mit Tausenden von Luftballons (und nicht nur 99 wie bei Nena), mit Musikdarbietungen, Imbissständen und Fassbier, so dass selbst der Chef der Schutzpolizei, Günther Rathgeb, sagen musste: „Das war schon ein Bild. Das kann an uns nicht vorübergehen.“

Die Grünen steckten noch in den Birkenstock- Schuhen und zogen 1980 erstmals in Landtag und Gemeinderat ein. Man trug Bart – Norwegerpullis und Latzhosen unterstrichen in der Friedens- und Ökobewegung, die sich personell kaum voneinander unterschieden, das Anliegen, anders zu sein. Die Lage war ernst, wenngleich sie nicht geradewegs in den Weltuntergang führen musste, der auch durch das Aufkommen von Aids heraufbeschworen wurde. Das Stuttgarter Erdreich war im Jahr 1984 mit Schwermetallen belastet, 57 Prozent der Böden waren überdüngt. 1985 schlug die Stadtgärtnerei Alarm: ein Drittel der 30.000 Straßenbäume ist todkrank. Und Fritz Oechßler, der Stuttgarter Forstdirektor und Hüter über 5000 Hektar Wald, warnte ein Jahr darauf, als es kaum noch einer hören wollte: „Zwei Drittel unseres Bestandes sind geschädigt.“

Kernschmelze im Reaktor Tschernobyl

Das war im Jahr 1986, das aber noch ein anderes Umweltproblem mit sich brachte und im Nachhinein all diejenigen bestätigte, die schon immer mit „Atomkraft? Nein danke“-Aufklebern ihre Gesinnung zur Schau trugen: die Kernschmelze im Reaktor Tschernobyl Block IV am 26. April, der sogenannte Super-GAU. Die Wolke mit dem Fallout verteilte sich über ganz Europa und erreichte am 30. April Stuttgart, wo sich die Radioaktivität auf das bis zu 30-Fache des Normalwerts erhöhte. Panik machte sich breit, den Apothekern wurden die Jodtabletten aus den Händen gerissen. Trotz Entwarnung von Experten und Versuchen der Ämter, die Lage zu beruhigen, machte die Masse keinen Unterschied zur (Des-)Informationspolitik der Sowjets und stellte bange Fragen. Dürfen die Kinder im Freien spielen? Ist die Muttermilch belastet? Was ist mit dem Obst und Gemüse? Immer wieder war der Wirtschaftskontrolldienst mit Geigerzählern im Einsatz und vernichtete auf dem Großmarkt in Wangen mehr als 100 Kisten mit Ware. Die Lebensmittelhändler vermeldeten 70 Prozent Umsatzeinbußen bei Frischmilch, die Verwendung von Wasser aus der Donau wurde ausgesetzt, und die überlastete Chemische Landesuntersuchungsanstalt „wisse nicht mehr, wo ihr der Kopf steht“, so zu lesen am 6. Mai 1986 in der Stuttgarter Zeitung.

Ein Jahr darauf hatte sich die allgemeine Lage wieder beruhigt, und auch die politische Situation entspannte sich, nachdem sich am 8. Dezember 1987 die UdSSR und die USA in einem Vertrag auf die Vernichtung aller Mittelstreckenraketen geeinigt hatten. Wie weit die Annäherung aber gehen könnte – daran mochten auch die größten Optimisten kaum glauben bis zu jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1989.

Geöffnete Grenzen in Berlin

Ich lebte zu dieser Zeit in Berlin und war am späten Abend auf dem Rückweg von einem Besuch im Westen, wie man damals auch aus Westberliner Perspektive zu sagen pflegte. Vor dem Grenzübergang stellte ich mich auf die üblichen Schikanen ein, doch schon der Trubel direkt hinterm Schlagbaum signalisierte, dass etwas im Gange war. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass die Grenzen geöffnet werden, weswegen ich noch zu später Stunde zum Brandenburger Tor zog. Dass dort auf der Mauer das bald wiedervereinte Volk tanzte, „das hatte vor kurzem niemand zu träumen gewagt“, sagte Manfred Rommel am 11. November. Dennoch hatte er auch die Sorge, dass „nicht die halbe Bevölkerung“ die Durchlässigkeit der DDR-Grenzen zum Rübermachen nutze. Denn Stuttgart hatte in den 80er Jahren ein massives Wohnungsproblem und sogar eine Hausbesetzerszene.

Ein Gedanke aber, der sofort durch den Kopf des OB und andere in der Stadt spukte, wirkt im Nachhinein geradezu beschämend kleinkariert: dass Stuttgart seine Chancen verliert, im Jahr 2004 Austragungsort der Olympischen Spiele zu werden, falls nun West- und Ostberlin gemeinsam zum Zuge kommen könnten. Doch das ist eine andere Geschichte, die längst von der eigentlichen in den Schatten gestellt worden ist.

Dieser Text entstand im Rahmen der StZ-Geschichtswerkstatt „Von Zeit zu Zeit“ im Jahr 2008.




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