Von Zeit zu Zeit: Solitude-Rennstrecke Kurze Blütezeit im „Dritten Reich“

Von Hans Kilgus 

Mit dem „Dritten Reich“ brach jedoch für das Solitude-Rennen noch einmal eine kurze Blütezeit an. Auf einem neuen, 11,7 Kilometer langen Rundkurs, der in seiner Streckenführung identisch war mit dem, was man auch noch später unter dem Solitude-Ring versteht, heulten 1935 wieder die Motoren. Die Zuschauer und die Größen der NSDAP kamen in hellen Scharen; die einen, um ihre Idole wie Hermann Lang, Stanley Woods, Arthur Geiss, Walfried Winkler, Hans Schumann, Ewald Kluge, Otto Ley oder Wilhelm Herz zu sehen, die anderen, um gesehen zu werden. Dann war Krieg, und niemand interessierte sich vorläufig mehr für Auto- oder Motorradrennen.

Doch kaum war der Krieg zu Ende, regten sich auch die Motorsportler wieder. Und schon 1949 war die Solitude wieder Wallfahrtsort für 330.000 begeisterte Zuschauer. Das erste Nachkriegsrennen vor den Toren der schwäbischen Metropole wurde zu einem Volksfest ohnegleichen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde in Stuttgart die Polizeistunde aufgehoben, überall spielten Tanzkapellen, und um Mitternacht zischten Feuerwerkskörper in den Himmel. Ein Augenzeuge: „Es war wie beim Karneval in Rio.“ Tags darauf siegte Karl Kling auf Veritas bei den Sportwagen, im Rennen der Formel II kamen nur zwei Fahrer ins Ziel: Toni Ulmen vor Egon Brütsch. Zu denen, die vorzeitig aufgeben mussten, gehörten auch „Bergkönig“ Hans Stuck und Lokalmatador Hermann Lang.

Unter den Massen brach die Tribüne ein

1951 wurde das Solituderennen erstmals wieder international ausgeschrieben. Fahrer aus 13 Nationen gaben ihre Nennung ab, und die Zuschauer strömten in unvorstellbaren Massen herbei: 400.000 Zuschauer schätzte die Polizei, wahrscheinlich waren es sogar noch mehr. Kein Wunder, dass unter dem Andrang der Fans eine Tribüne einstürzte. Als sich die begeisterten Zuschauer erhoben, um H. P. Müller, den Sieger in der 125-ccm-Klasse, zu feiern, gab das Gebälk der C-Tribüne ausgangs der Glemseck-Kurve plötzlich nach und begrub mehrere hundert Zuschauer unter sich. Einige wurden dabei verletzt.

H. P. Müller aber blieb in jenem Jahr der einzige deutsche Sieger. Ansonsten hatten mit dem Italiener Lorenzetti (Moto Guzzi) in der 250-ccm-Klasse sowie dem Engländer Geoffrey Duke (Gilera) in der 350- und 500-ccm-Kategorie zwei Ausländer die Nase vorne.

1954 schließlich meldete das Solituderennen einen neuen, zuvor und hernach niemals wieder erreichten Zuschauerrekord: 435.000 Besucher säumten die Piste bei Start und Ziel, am Frauenkreuz; im Schatten und im Mahdental, um nur die markantesten Punkte zu nennen. Sie sahen Weltmeisterschaf­tsläufe in allen Motorradklassen und konnten populäre Sieger bejubeln: in der 125-ccm-Klasse den jungen Österreicher Rupert Hollaus (NSU), in der 250-ccm-Klasse den dreifachen Weltmeister Werner Haas (NSU) aus Augsburg, dessen Stern am Rennfahrerhimmel zwei Jahre zuvor über der Solitude aufgegangen war, in der 350-ccm-Klasse den Rhodesier Ray Amm (Norton) und in der Halbliter-Kategorie schließlich Weltmeister Geoff Duke (Gilera). Bei den Gespannen siegte das deutsche Team Noll/Cron auf BMW.

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