Von Zeit zu Zeit: Solitude-Rennstrecke Erinnerung an eine Legende

Von Hans Kilgus 

Beim Wort Solitude bekommen auch heute noch viele Motorsportfans leuchtende Augen. Von Beginn des 20. Jahrhunderts an pilgerten Hunderttausende von ihnen Jahr für Jahr zur Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts. 1966 wurde das Rennen nicht mehr genehmigt – und die Solitude wurde zur Legende.

Ein Erinnerungsschnappschuss  der glanzvollen Zeiten an der alten Solitudestrecke: Bis zu knapp einer halben Million Menschen säumten damals die Straßen. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1960. Foto: VZZZ-Chronist Martin Widmann 14 Bilder
Ein Erinnerungsschnappschuss der glanzvollen Zeiten an der alten Solitudestrecke: Bis zu knapp einer halben Million Menschen säumten damals die Straßen. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1960. Foto: VZZZ-Chronist Martin Widmann

Stuttgart - Beim Wort Solitude bekommen auch heute noch viele Motorsportfans leuchtende Augen. Von Beginn des 20. Jahrhunderts an pilgerten Hunderttausende von ihnen Jahr für Jahr zur Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts. In den 60ern wurde sie aus Sicherheitsgründen dann stillgelegt. In der Stuttgarter Zeitung erinnerte sich StZ-Autor Hans Kilgus damals an die legendären Solituderennen:

„Man schrieb das Jahr 1904 und in Stuttgart wurde das zweite Solituderennen ausgetragen. Veranstaltet vom „Stuttgarter Motorradfahrer­verein“, führte es vom Westbahnhof hinauf zum Schloss Solitude. Es war allerdings eher ein Zwischending aus einem Motorrad- und einem Fahrradrennen, denn um die Steilstrecke zwischen Westbahnhof und Bismarck-Eiche zu überwinden, mussten die Akteure ihre Fahrräder mit Hilfsmotor zusätzlich durch Muskelkraft unterstützen und tüchtig in die Pedale treten. Dass dennoch kein Vertreter des sogenannten „starken Geschlechts“, sondern eine Frau, nämlich Mariechen Reuschel aus Berlin, den Sieg davontrug, war eine der Sensationen dieses Solituderennens. „Sie war ein überaus reizendes, zierliches Persönchen“, erinnert sich ein Zeitgenosse an das erste weibliche Mitglied im ADAC.

Auch 1906 stand wieder eine Frau auf dem Siegerpodest des Solituderennens, das jetzt vom Schützenhaus in Heslach hinauf zum Schloss ging: Dr. Gertrude Eisemann aus Hamburg. Sie war damals eine echte Attraktion, startete sie doch in braunen, enganliegenden Samthöschen, die für damalige Zeiten äußerst sexy waren.

Schon 1924 mehr als 200.000 Zuschauer

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte das Solituderennen, das nach wie vor ein Bergrennen war und jetzt von Heslach aus an der Wildparkstation vorbei zum Schloss führte, einen ungeahnten Popularitätsau­fschwung. 1923 kamen bereits 100.000 Zuschauer, die 350 Fahrer in Aktion sahen. Auf der Ehrentribüne saßen der damalige Staatspräsident Hieber und Stuttgarts Oberbürgermeister Karl Lautenschlager.

Im Jahr darauf säumten gar 200.000 Fans die Piste, die noch nicht einmal asphaltiert war. Eine selbst für heutige Begriffe fast unvorstellbare Zahl. Im Oktober 1924 wurde schließlich die Solitude-Rennen GmbH gegründet, eine Gesellschaft, die fortan die Geschicke der inzwischen weit über die Grenzen Württembergs hinaus bekannten Motorsportveran­staltung lenken sollte.

Als erstes ging die GmbH auf die Suche nach einem Rundkurs. Man entschied sich schließlich für eine 22,5 km lange Strecke mit Start und Ziel beim Schloss Solitude: Der Solitude-Ring war geboren. Doch der Kurs war, das zeigte sich schon bald, zu lang. Nur ein Bruchteil der Zuschauer konnte jeweils abkassiert werden, und die Instandhaltung der Straßen, für die die GmbH zuständig war, verschlang enorme Summen. So war die Solitude-Rennen GmbH trotz aller Bemühungen bald am Ende ihrer finanziellen Kräfte angelangt: 1931 warf man endgültig das Handtuch. Inzwischen war nämlich auch droben im Norden, in der Eifel, ein weiterer Ring, der Nürburgring, gebaut worden. Und der lief dem Solitude-Ring immer mehr den Rang ab.

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