Von Zeit zu Zeit: Stuttgarts Rathäuser Prunk und Schnörkel: Stuttgarts vorherige Rathäuser

Von , Martin Hohnecker und  

Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Vorgänger imposanter war. Auch der hatte schon einen Vorgänger, mehrere sogar, wobei es keine genauen Quellen für die Geschichte der ersten Rathäuser gibt. Es wird angenommen, dass das erste noch gräfliche Rathaus am Marktplatz 5, dem heutigen Hauflerschen Haus stand, und zwar schon um 1400. Im Jahr 1614 hat Schickhardt auf dem Sockel des Gebäudes ein Haus mit drei Türmchen für die Vorfahren der Kellerschen Tuchhandlung erstellt, in deren Besitz es bis 1766 war. Denn die alten Rathäuser waren mehr Kaufhäuser wie auch das 1450 unter Graf Ulrich gebaute und 1820 wieder abgebrochene Herrenhaus auf dem unteren Teil des Marktplatzes.

Auch das erste wirkliche Rathaus der Bürgerschaft hatte seinen Platz am Markt. Graf Ulrich der Vielgeliebte gab seine Genehmigung zum Bau im Jahre 1456 „zum besseren Ansehen des Marktes und zur Notdurft der Stadt“. An diesem Rathaus gab es im Laufe der Zeit mehrere bauliche Änderungen, die massivste im Jahr 1824 unter dem Oberbaurat von Groß, der den malerischen Fassadenschmuck beseitigte. 1841 und 1872 wurden noch zwei Nachbarhäuser, Marktplatz 2 und 3, von der Stadt angekauft und für Amtsgeschäfte benutzt.

Dennoch war mit dem Wachsen der Stadt zu wenig Platz in den Amtstuben. Schon 1870 regte man einen Neubau an, der aber wegen des Krieges in den 1870er Jahren nicht weiter verfolgt wurde. 1884 kam der Gedanke erneut auf. Der Rat hatte befunden, dass das alte, fachwerkgeschmückte Bürgerhaus aus Renaissancezeiten nicht mehr repräsentativ sei für das aufstrebende Groß-Stuttgart. 1894 schließlich wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem mehr als 200 Entwürfe eingingen. Nachdem man zwischenzeitlich überlegt hatte, an anderer Stelle zu bauen, entschloss man sich 1898 doch dazu, am Marktplatz zu bleiben.

Herrliche Flure und Treppenhäuser

Den Auftrag erhielten die Berliner Architekten Heinrich Jassoy und Johannes Vollmer. Im Sommer 1899 begannen die Arbeiten, denen im weiteren Verlauf auch zwanzig alte Häuser zum Opfer fielen. Sechs Jahre dauerten die Arbeiten, am 1. April 1905 wurde die Einweihung gefeiert – mit Festreden und Galamenüs in Anwesenheit des Königs. Der Hauptflügel am Marktplatz galt als Schmuckstück flämischer Spätgotik. Im Inneren besaß er getäfelte Säle und Amtsstuben mit schweren eisernen Leuchtern inklusive passendes Mobiliar sowie herrliche Flure und Treppenhäuser. Manchem war das verschnörkelte, mit Skulpturen verzierte Gebäude aber auch reichlich wilhelministisch und protzig.

Fast vierzig Jahre lang wurden in dem Rathaus mit seinem flämisch-niederländischen Baustil sowie der Gotik und der Renaissance entnommenen Formen die Geschicke der Stadt gelenkt. Dann schlugen die Bomben des Zweiten Weltkriegs ein.

Sie haben noch nicht genug? Weitere Themen rund um Stuttgarts Vergangenheit finden Sie auf der Homepage der StZ und im Geschichtsportal „Von Zeit zu Zeit“ von Stuttgarter Zeitung und Stadtarchiv.

Sonderthemen