Vor 100 Jahren Als das Elsass wieder Alsace wurde

Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs: das Straßburger Münster (im Hintergrund) und der Landstrich, als dessen Wahrzeichen es gilt, haben eine wechselvolle Geschichte. Foto: dpa/Ludovic Marin

Vor 100 Jahren änderte sich der Grenzverlauf im Südwesten. Das ehemalige Reichsland Elsass-Lothringen, eine Gegend mit wechselvoller Geschichte, kam wieder unter Pariser Oberhoheit. Aus heutiger Sicht sind das Elsass und seine Bewohner Musterbeispiele für multiple Identitäten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Im Elsass gibt es pittoreske und zugleich kuriose Orte. Dazu zählt das Städtchen Obernai am Fuß der Vogesen. Sein Name ist eine verballhornte Version von Oberehnheim. Die lautmalerische Umbenennung erfolgte, nachdem die ehemalige freie Reichstadt 1679 von Frankreich annektiert wurde. In der auf französisch getrimmten Ortsbezeichnung spiegelt sich die wechselhafte Geschichte. Ein Wendepunkt war vor 100 Jahren, als das Reichsland Elsass-Lothringen letztgültig unter Pariser Oberhoheit kam.

 

Aus heutiger Sicht sind das Elsass und seine Bewohner Musterbeispiele für multiple Identitäten. Schon früh im Mittelalter zählte diese Gegend mal nicht, dann doch zum Ostfränkischen Reich, aus dem dann das Heilige Römische Reich erwuchs, die Keimzelle Deutschlands.

„Seine Mutter wählt man nicht“

Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde das Elsass Frankreich zugesprochen. Das überdauerte auch den Wiener Kongress 1815, als Napoleons Konkursmasse neu verteilt wurde. 1871 reklamierte das deutsche Kaiserreich Elsass-Lothringen für sich. Die Bewohner durften allerdings ihre Staatsangehörigkeit wählen. Jeder Zehnte wollte Franzose bleiben. Aber nur wenige wanderten deshalb aus.

Der Unmut über die nationale Umetikettierung brach sich jedoch bei Wahlen Bahn. Zeitweise stimmten die meisten für separatistische Parteien, die sich Autonomisten oder Protestler nannten. Nach dem Ersten Weltkrieg und der deutschen Novemberrevolution 1918 erlangte das Reichsland Elsass-Lothringen kurzfristig sogar den Status einer selbstständigen Republik. Das währte aber nicht lange. Vom 17. Oktober 1919 an wurde das ehemalige Reichsland von Paris aus verwaltet.

Alteingesessene Elsässer nennen die Leute in Obernai gelegentlich noch „Zanefbich“, was so viel wie Senfbäuche heißt. Mit den Dialektkenntnissen verkümmern aber auch die Erinnerungen an eine Vergangenheit dies- und jenseits der jeweiligen Landesgrenze. Seit 2016 gibt es das Elsass als politische Einheit nicht mehr. Die Region heißt jetzt Grand Est. Vor 100 Jahren stand auch nicht zur Wahl, wozu man gerne gehören würde. Damals verlautete aus Paris: „On ne choisit pas sa mère“. Zu deutsch: „Seine Mutter wählt man nicht.“

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