Vor 100 Jahren kam Richard von Weizsäcker in Stuttgart zur Welt Ein Staatsoberhaupt wie aus dem Bilderbuch

Richard von Weizsäcker und die britische Königin Elizabeth II. bei einem Festbankett im Jahre 1992 Foto: Martin Gerten/dpa

Wir erinnern uns heuer an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. Diese Erinnerung erhielt durch eine Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker eine neue Perspektive. Der CDU-Politiker ist vor 100 Jahren in Stuttgart geboren.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Der wichtigste Satz im Leben dieses Mannes war vielleicht der bedeutsamste, den je ein Bundespräsident ausgesprochen hat. Er markierte eine geschichtspolitische Wende. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass er an einem Tag der Erinnerung fiel – einem Tag, der bis dahin zwiespältigen Erinnerung.

 

Am 8. Mai 1985 hatte Richard von Weizsäcker noch nicht ganz ein Jahr das höchste Staatsamt inne. Die Rede, die er damals zu halten hatte, war die erste große Herausforderung seiner Amtszeit. Zum 40. Mal jährte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs – was nicht wenige seiner Zeit- und mehr noch seiner Altersgenossen als Datum der Schmach, des Zusammenbruchs, der Niederlage empfanden. Weizsäcker aber sprach: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“ Der Satz war auch eine Befreiung für das Land, das er repräsentierte. Sein Bekenntnis wurde zur Staatsräson. Weizsäckers Satz von der Befreiung wurde als Sensation empfunden – auch weil er von einem Mann ausgesprochen wurde, der selbst noch der Kriegsgeneration angehörte. Als 19-jähriger Jüngling war er unter den ersten deutschen Soldaten, die 1939 in Polen einmarschiert sind. Am zweiten Tag des Krieges ist sein älterer Bruder gefallen.

„Idealvorstellung eines Staatsoberhaupts“

Kurios an der Rede, die Weizsäckers Rang in der Ahnengalerie deutscher Staatsmänner begründet, ist der Umstand, dass der wichtigste Satz 17 Tage zuvor schon einmal ausgesprochen war – allerdings von einem, dem er nicht zugetraut wurde, der ihm keine Authentizität zu verleihen wusste. Bundeskanzler Helmut Kohl, der stets als Antipode Weizsäckers galt, obwohl er ihn für die Politik gewonnen hatte, sagte wortgleich dasselbe wie wenig später der Bundespräsident und reklamierte auch die Urheberschaft dafür. Doch seine Worte sind verhallt.

Während Kohl zeit seiner Kanzlerschaft stets Häme und Geringschätzung entgegenschlug, wurde Weizsäcker rasch zur moralischen Instanz der Nation. Kohl galt seinen vielen Kritiker als Repräsentant des Mittelmaßes, Weizsäcker stets als „Idealvorstellung des Staatsoberhauptes“, wie selbst der CSU-Patriarch Franz Josef Strauß erklärte, der gewiss nicht jedes seiner Worte geschätzt hat.

„Es war, als sei die alte Bundesrepublik gestorben“

Richard von Weizsäcker entstammte einer Familie, aus der viele besondere Persönlichkeiten hervorgingen. Sein Großvater war der letzte Ministerpräsident des Königreiches Württemberg, der Vater ein Karrierediplomat, der ältere Bruder Carl Friedrich von Weizsäcker ein angesehener Physiker, Philosoph und Friedensforscher. Der nachmalige Bundespräsident kam am 15. April 1920 zur Welt. Sein Geburtsort war das Neue Schloss zu Stuttgart - was den politischen Turbulenzen in den frühen Jahren der Weimarer Republik geschuldet war. Während des Kapp-Putsches rechtsradikaler Soldaten begab sich die hochschwangere Mutter in die Obhut ihrer Eltern und Schwiegereltern, die beide in Stuttgart zuhause waren. Sie war eine Schwester des Malers und Bildhauers Fritz von Graevenitz, dessen Werke in der Stiftskirche, auf dem Waldfriedhof und vielen anderen Orten zu besichtigen sind.

Richard von Weizsäcker war kein Politiker der Art, die aus der Universität sofort in ein Amt rutschen. Er hatte sich zunächst in der Wirtschaft und als Präsident des Evangelischen Kirchentags Ansehen erworben. Schon 1974 nominierte ihn die Union für das Amt des Bundespräsidenten, damals war er aber nur Zählkandidat. 1981 wurde er Regierender Bürgermeister in Berlin. Als Staatsoberhaupt absolvierte er volle zwei Amtszeiten. Nur Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, war einen Tag länger als er im Amt.

Joachim Gauck, einer der Nachfolger und selbst ein Mann von seinem Schlag, nannte den eloquenten von Weizsäcker „Pater patriae“ – einen Vater des Vaterlandes. Seine Souveränität habe dieser Staatsmann aus innerer Stärke gewonnen. Als er im Januar 2015 zu Grabe getragen wurde, sagte die Grünen-Politikerin Antje Vollmer: „Es war, als sei die alte Bundesrepublik gestorben und auch ein Teil des alten Europas.“

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