Charismatischer Frontmann von Depeche Mode: Dave Gahan beim Konzert 1984 in Berlin eine Woche vor dem Böblinger Konzert. Foto: imago/Brigani-Art
Die Böblinger Sporthalle hat viele große Konzerte gesehen – aber auch einige Skandale erlebt. Am 11. Dezember 1984 tritt die britische Popgruppe Depeche Mode auf. Bei den Zugaben zündet ein Chaot im Publikum eine Tränengasbombe – mit verheerenden Folgen.
Robert Krülle
10.12.2024 - 20:31 Uhr
„Es ist kurz vor 22 Uhr. Die bunten Spots färben den dichten Kunstnebel auf der Bühne in den tollsten Farben, aber auch rechts neben den Boxen steigt auf einmal eine dicke Rauchsäule auf. Plötzlich fangen die Leute dort an zu husten, Tränen steigen ihnen in die Augen, und viele müssen sich übergeben. Eine furchtbare Panik bricht aus.“ So beschreibt die Bildzeitung die Ereignisse in der Böblinger Sporthalle am 11. Dezember 1984. Bei einem Konzert der britischen Synthiepop-Band Depeche Mode hat ein Besucher eine Tränengasbombe gezündet und für chaotische Zustände gesorgt – ein schwarzer Tag in der Geschichte der Böblinger Sporthalle.
Depeche Mode stehen damals noch am Anfang ihrer Weltkarriere. Kurz vor dem Böblinger Konzert ist ihr viertes Studioalbum „Some great reward“ erschienen, mit den Songs „People are people“ und „Master and servant“ hat das Quartett aus England seine ersten Megahits gelandet. Unzählige weitere sollen noch folgen. Bis heute haben Depeche Mode weltweit mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft.
Depeche Mode auf einem Pressefoto im Jahr 1984 Foto: Imago/TT
Dementsprechend groß ist die Euphorie der rund 6000 Fans beim Konzert in Böblingen. Auf Tonmitschnitten, die im Internet kursieren, sind immer wieder die ekstatisch jubelnden Anhänger zu hören. Nach etwa 75 Minuten und dem Hit „Everything Counts“ gehen Sänger David Gahan und seine drei Kollegen von der Bühne. Die Menge schreit nach Zugaben, und kurz darauf stehen die Briten wieder auf der Bühne. Doch „See you“ werden sie nicht ganz zu Ende spielen.
Ein Chaot im Publikum zündet eine Tränengasbombe in der Nähe der Bühne, die ätzenden Schwaden verbreiten sich schnell in der Halle. Die Besucher geraten in Panik, beim Sturm auf die Notausgänge kommt es zu tumultartigen Szenen, Scheiben im Foyer gehen zu Bruch. Der Zeitungsartikel schreibt von sieben Schwerverletzten, 40 weitere Betroffene müssen vom DRK versorgt werden. Viele Konzertbesucher übergeben sich – das traurige Ende eines umjubelten Auftritts. Ob der Übeltäter je bestraft wurde, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass dieses einzige Böblinger Depeche-Mode-Konzert in Erinnerung bleibt, wenn auch in schlechter.
Doch eigentlich verbinden Konzertgänger mit Böblingen viele positive Gefühle. Denn die Sporthalle war – bald nach der Eröffnung 1966 – eine der wichtigsten Standorte für Rockkonzerte im Südwesten, phasenweise direkt konkurrierend mit der Sindelfinger Messehalle. Fleetwood Mac, Deep Purple, Queen, Dire Straits, AC/DC, Iron Maiden, Metallica, Rammstein, Red Hot Chili Peppers oder Toto – diese und viele weitere Superstars waren in Böblingen zu Gast. Doch die Einweihung der Stuttgarter Posche-Arena im Jahr 2006 sorgte für zu große Konkurrenz, der Böblinger Gemeinderat entschied sich kurz darauf gegen eine millionenschwere Sanierung, die Sporthalle wurde 2008 abgerissen.
Jetzt stehen dort Wohnhäuser – der Kultstatus der Sporthalle aber bleibt.