Vor 450 Jahren wurde Johannes Sylvanus hingerichtet Justizmord im Namen Gottes

Die Enthauptung von Johannes Sylvanus am 23. Dezember 1572 als zeitgenössisches Gemälde Foto: Wikimedia/cf

Der Theologe Johannes Sylvanus wurde vor 450 Jahren in Heidelberg enthauptet, weil er sich Gott einfach und nicht dreifaltig vorstellen wollte. Eine Spurensuche.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Im schwarzen Büßergewand kniet ein Mann auf dem Boden. Er hält die Hände gefaltet wie zum Gebet: ein frommer Mann. Das Haupthaar ist geschoren, der Vollbart steht spitz hervor – was auf die Entsagung und die Qualen hindeutet, die er schon zu erdulden hatte. Seine Augen sind verbunden. Das Gesicht weist ins Abseits, wohin er bald entschwinden soll und wo er schon verortet wird. Der Scharfrichter, erkennbar an seinem roten Wams, schwingt das Schwert mit beiden Händen. Das sind die letzten Sekunden im Leben des Johannes Sylvanus.

 

Am Tag vor Heiligabend anno 1572 wird er „zu Heydelberg uf offenem marckt vor dem rathaus mit dem schwert vom leben zum tode gerichtet“, so beschreibt es Markus von Lamb, ein zeitgenössischer Zeuge. Ihm ist auch das Bild von der grausamen Szene zu verdanken. Von Lamb, der auch „zum Lamm“ genannt wird und später kurpfälzischer Kirchenrat werden sollte, hat die Hinrichtung in seinem 33 Bände umfassenden „Thesaurus Picturarum“ festgehalten, einer Urform des Lexikons.

Wer war dieser Sylvanus? Und warum musste er sterben? Beides ist bis heute nicht restlos geklärt. Die Exekution auf dem Heidelberger Marktplatz vor 450 Jahren ist ein Rätsel geblieben. Offizielle Begründung, wie sie auch bei Wikipedia zu lesen ist, der zeitgenössischen Variante des „Thesaurus Picturarum“: Sylvanus habe der „unitarischen Ketzerei“ angehangen und sei deshalb zum Tode verurteilt worden. Das heißt: er habe die Dreifaltigkeit des christlichen Gottes geleugnet. Die „Allgemeine Deutsche Biographie“ von 1894 zählt ihn unter die „Männer von wenig festem Charakter und ohne tieferen sittlichen Ernst“. Das ist womöglich schon Teil der Verleumdung, der er zum Opfer gefallen ist. Doch dazu später.

Die Anfangszeit in Würzburg

Über die Herkunft des Sylvanus ist wenig bekannt. Er stammte wohl aus Südtirol, worauf der von ihm selbst verwendete Namenszusatz „Athesinus“ hinweist: die lateinische Bezeichnung für die Etsch, die Meran, Bozen und Verona durchfließt. Seine Familie, die ursprünglich wohl Holzer hieß („Sylvanus“ bedeutet: der Mann aus dem Wald), muss wohlhabend gewesen sein, was seine lange Studienzeit vermuten lässt.

1555 taucht er als katholischer Domprediger in Würzburg auf. Er steht bei Bischof Melchior Zobel in hohem Ansehen, hat aber offenbar viele Neider. Als der Bischof 1558 ermordet wird, muss Sylvanus fliehen. Er sucht Obhut im protestantischen Württemberg, wo seine katholische Konfession einer geistlichen Karriere aber im Wege steht. 1560 veröffentlich er in Tübingen ein „Bekantnus“, eine Art Streitschrift „wider das Babstump, von dem ich Got lob in ewigkait abgewichen bin“. Mit dem „Babstump“ sind die Vorläufer des heutigen Franziskus in Rom gemeint. Im gleichen Jahr wird Sylvanus Pfarrer in Calw.

Zunächst tritt er dort als strenger Lutheraner in Erscheinung, wird aber schon drei Jahre später wegen seines öffentlich bekundeten calvinistischen „irrtumbs“ beurlaubt und wechselt in den kurpfälzischen Kirchendienst. Dort wird er erst Pfarrer in Kaiserslautern, 1567 in Ladenburg, wo er Jacob Suter kennenlernt, einen Mann aus Ravensburg, der im Ruch steht, die womöglich erste Zweifel am Glauben an die Dreifaltigkeit gesät zu haben. Sylvanus bekennt in jenen Tagen aber noch unverdrossen: „Wir glauben nit in Gott ohne Christo wie Juden, Turcken und Heyden.“

Sylvanus wird Hofprediger

Ladenburg liegt unweit von Heidelberg. Sylvanus vertritt dort gelegentlich den Reformator Olevianus, einen Calvinisten. So gerät er unwillkürlich in die Strudel der theologischen und konfessionellen Konflikte jener Zeit. Olevianus, Stadtpfarrer an der Peterskirche, später an der Heiliggeistkirche und schließlich Hofprediger, wird maßgeblichen Einfluss auf das fatale Schicksal des Südtirolers gewinnen. Wer ihn letztlich von der provokanten Idee überzeugt hat, das Dogma der Dreifaltigkeit zu leugnen, ist bis heute ungeklärt. Manfred Kuhn, ein pensionierter Kirchenrat, schreibt in einer 2021 veröffentlichten Doktorarbeit: „Zu behaupten, dieser oder jener Aspekt der antitrinitarischen Theologie Sylvanus stammte aus dieser oder jener Quelle, wäre angesichts der gefundenen Konstellation gewagt.“

Fest steht: Sylvanus macht in Heidelberg rasch Karriere. Er wirkt 1568 an einer Bibelübersetzung mit, die den sakralen Text erstmals nach Kapiteln durchnummeriert. Bald ist er „in theologischen Fragen das Sprachrohr des Kurfürsten“, schreibt Kuhn. Den Fürstenhut hat zu jener Zeit Friedrich III. auf, dem der Beiname „der Fromme“ zu eigen ist. Er ist ein überzeugter Anhänger der Reformation, weigert sich aber zeitlebens, als Calvinist tituliert zu werden, obwohl er die Calvinisten fördert und Lutheraner sein Land verlassen. Jedenfalls macht Friedrich „relative dogmatische Offenheit“ zum Leitprinzip seiner Religionspolitik. Die Offenheit ist aber relativ begrenzt, wie das Schicksal von Sylvanus zeigen wird.

Das erreicht einen fatalen Wendepunkt, als er den Kurfürsten 1570 zum Reichstag nach Speyer begleitet. Sylvanus hat sich in den theologischen Disputen mittlerweile als Gegner einer strengen „Kirchenzucht“ profiliert, wie sie in Heidelberg nach calvinistischem Vorbild eingeführt werden soll. Seine Kritik mag auch den Fürsten vergrätzt haben, von dem ein Satz überliefert ist, der auf Sylvanus gemünzt sein soll: „Wir wollten, das wir des welschen bastarts los weren“, zürnt Friedrich III. angeblich. Mit dem „welschen bastart“ könnte sein Berater aus Südtirol gemeint sein.

„Abscheulicher und unsinniger Gottesdienst“

Jedenfalls macht Sylvanus auf dem Reichstag von sich reden, weil er Kontakt zu dem siebenbürgischen Gesandten Gaspar Bekes aufnimmt – wohl eine Art Asylgesuch, da in dessen Heimat schon der Antitrinitarier Giorgio Biandrata Obhut gefunden hatte. Sylvanus soll zuvor ein „antitrinitarisches Glaubensbekenntnis“ verfasst haben, das sich „wider den Dreypersönlichen Abgott“ richtet, wie Erich Wenneker im Biografisch-Bibliografischen Kirchenlexikon schreibt. Dem später als Ketzer angeklagten und ermordeten Biandrata soll er geschrieben haben, dass er den Glauben an einen dreieinigen Gott für einen „abscheulichen und unsinnigen Gottesdienst“ halte.

Jedenfalls wird Sylvanus auf dem Reichstag verhaftet. Er soll auch dem türkischen Sultan um Hilfe und Asyl gebeten haben – einen Reichsfeind. Von diesem Brief finden sich drei Versionen, eine in deutscher und zwei in lateinischer Sprache. Zwei haben sich erhalten, sie stimmen nach Angaben des Sylvanus-Forschers Kuhn aber nicht überein. Dennoch entsteht die Mär, er sei „des Arianismus angeklagt und der Hinneigung zum Islam verdächtig“, so der Kirchenhistoriker Paul Tschackert 1894.

Der angebliche Ketzer wird im Verlies des Heidelberger Schlosses eingekerkert und dort recht bald „cum tortura“ vernommen – unter Folter. So kommt es zu einem Widerruf, der in Form eines „Bußlieds“ veröffentlicht wird. Nach Ansicht Kuhns „erkannte Sylvanus nicht, was auf ihn zukam“. Er bescheinigt ihm eine „sehr naive“ Sicht auf die Dinge. Der inhaftierte Theologe fürchtet, wo er doch „ein arms weib und noch junge unerzogne kind hab“, mit Schimpf und Schande „zu winters zeiten vertrieben und von der cantzel verstoßen und hinaus gejagt werden“ solle. Er vertraut aber auf die „väterliche miltigkeit“ des Kurfürsten. Das erweist sich als Irrglaube.

Gotthold Ephraim Lessing ist empört

Unterdessen schmieden seine Heidelberger Kollegen und Kontrahenten um den Calvinisten Olevian an einem Komplott. Ihr Gutachten, so Kuhn, „nimmt eine Schlüsselstellung für die finale Behandlung der Causa Sylvanus ein“. Sie lasten ihm an, geplant zu haben, „mit seiner Gottslästerung andere zu verführen, und dieselbe Gottslästerung ins gantze Teutsche Land außzubreiten“. Das empört noch zwei Jahrhunderte später den Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing: „Nein, so lange als Ketzergerichte in der Welt sind, ist nie aus einem eine sophistischere grausamere Schrift ergangen!“, schreibt er er 1774.

Bei dem Todesurteil gegen Sylvanus handelt es sich um einen Justizskandal – auch wenn man die zeitbedingte Hysterie in Glaubensangelegenheiten berücksichtigt. Der Kirchenmann Kuhn bilanziert nüchtern: „Es gab nie einen Ankläger oder eine Anklageschrift gegen Sylvanus. Eine hieb- und stichfesten Beweis gibt es nicht. Es gab ferner keinen Richter oder ein Gericht. Selbstverständliche und damals gängige Verfahrensrechte wurden Sylvanus vorenthalten.“

Auf dem Marktplatz im Stadtzentrum von Heidelberg wurden eigentlich keine Leibesstrafen vollzogen. Da stand allenfalls ein Pranger. Die Wahl dieses zentralen Orts für die Exekution, so Kuhn, „sollte vermutlich den Abschreckungscharakter der Enthauptung intensivieren“.

„Die Theologen verlangten Blut, durchaus Blut“

Ein Pfarrer der Heiliggeistkirche darf Sylvanus zur Hinrichtungsstätte begleiten. Seine Kinder müssen bei dem grausamen Zeremoniell zuschauen. Der Zeitzeuge Markus zum Lamb berichtet: Sylvanus sei dem Scharfrichter entgegengetreten „in angesicht seiner zwen jungen sohne, die man zur gedechtnus und exempel zu ihme in den kreis gestellt gehabbt“. Nachdem der Henker sein grausiges Handwerk verrichtet hat, werden der Leichnam samt der Manuskripte des Sylvanus verbrannt, die Asche wird in den Neckar gekippt.

Lessing hat sein Urteil über diesen Justizmord gefällt. „Die Theologen verlangten Blut, durchaus Blut“, schreibt er – und einen sarkastischen Nachsatz: „Also, nur erst den Kopf ab, mit der Besserung wird es sich schon finden, so Gott will.“

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