Vor 50 Jahren Ein Dorf wird verpflanzt
Im Oktober 1971 wird das neu erbaute Dorf Langenwinkel eingeweiht. Im alten Langenwinkel war es den Bewohnern wegen des angrenzenden Militärflughafens zu laut geworden.
Im Oktober 1971 wird das neu erbaute Dorf Langenwinkel eingeweiht. Im alten Langenwinkel war es den Bewohnern wegen des angrenzenden Militärflughafens zu laut geworden.
Lahr - Ob er nach dem Umzug manchmal Sehnsucht nach dem alten Dorf, seinem Haus hatte? Walter Deusch, 90, schüttelt nur kurz den Kopf. „Nie. Es war einfach zu viel zu tun.“ Der frühere Landwirt, Arbeiter und Wassermeister musste 1971 nach 40 Lebensjahren aus dem alten in ein neues Langenwinkel umziehen. Denn das Dorf westlich von Lahr lag einem Militärflugplatz im Wege. Zuerst die französischen, dann die kanadischen Düsenjäger hatten das Leben in der kleinen Gemeinde zur Tortur gemacht. „Als ich mal mit meinem Pferd zum Acker gefahren bin, hat ein Jagdbomber den Düsenantrieb gestartet“, erzählt Deusch. „Das Tier ist mit dem Wagen durchgegangen.“ Erst auf der Piste konnte er sein Ross wieder einfangen, weil es auf den Stahlplatten ausrutschte und nicht weiterkam.
Den Militärflugplatz hatten die französischen Streitkräfte nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt, 1951/52 zur Nato-Basis umgebaut und 1962 die Start- und Landebahn erneut verlängert – bis auf wenige Hundert Meter von Langenwinkel entfernt. Das 250 Einwohner zählende „Düsenjägerdorf“, wie es in der Gegend sarkastisch genannt wurde, musste schließlich dem Militär weichen.
50 Jahre später sind das ehemalige Schulhaus und der Friedhof die einzigen Überbleibsel des alten Langenwinkel. Monika Lukesch, 72, besucht manchmal den Grabstein ihres Vaters auf dem Friedhof. „Man fragt sich schon, warum das damals alles so kommen musste“, sinniert sie. „Aber es gab wohl keine andere Möglichkeit.“
Komplettumsiedlung von Dörfern gibt es in Deutschland vor allem in Braunkohlegebieten und beim Bau von Flughäfen. So wurde 1969 das Eifeldorf Oberbolheim wegen des benachbarten Fliegerhorstes der British Royal Airforce verlegt. Franzheim wurde bis 1980 für eine Startbahn des Großflughafens München II geräumt, 400 Menschen wurden in andere Orte umgesiedelt. Diepensee mit 335 Einwohnern musste dem neuen Berliner Großflughafen nach Königs Wusterhausen verlegt. Und im Rheinischen Revier müssen zurzeit fünf Dörfer und deren Einwohner dem Tagebau Garzweiler II weichen. In Summe wurden in Deutschland mehr als 300 Siedlungen – wie es in der Fachsprache heißt – devastiert und etwa 100 000 Menschen umgesiedelt, davon die meisten in den sechziger und siebziger Jahren, weil sie dem Zeitgeist der Moderne im Weg waren.
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Walter Deusch hat seinen Familienstammbau im Kopf: Sein Vorfahre Abraham ist aus dem Schwarzwald in die Ebene der Ortenau gekommen und gehörte zu den Ersten, die in Langenwinkel gebaut haben. Das Dorf ist Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, als in der sumpfigen Ebene Wald gerodet wurde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden eine Wasserleitung und ein Stromnetz gebaut. Noch dominierte die Landwirtschaft, doch allmählich fanden die Langenwinkler auch Arbeit in Fabriken in Lahr. In der damaligen Garnisonsstadt gab es seit 1913 einen Flugplatz, der sich aber erst ab 1945 unter dem Kommando der französischen Besatzungsmacht und ab 1952 als Nato-Militärflugplatz zum lärmenden Ärgernis für die Langenwinkler entwickelte. Mitte der fünfziger Jahre nahm die Lahrer Firma Schaeffler von ihren Plänen Abstand, in dem Nachbardorf Werkswohnungen zu bauen: „Wir können es den Familien unserer Mitarbeiter nicht zumuten, dass sie ständig dem Lärm der Flugzeuge ausgesetzt sind.“
Die Düsenjäger flogen manchmal so tief, dass Ziegel vom Dach und Gläser aus der Kommode fielen. „Am schlimmsten waren die Übungen“, erinnert sich Walter Deusch. „Wenn die Staffeln nur anflogen und wieder durchstarteten.“ Und das nicht nur tagsüber, sondern auch nachts. Nach vier Flugzeugabstürzen, glücklicherweise neben, aber einem schon fast auf das Dorf, musste das Bundesverteidigungsministerium, geführt von Franz Josef Strauß (CSU), reagieren. „Das Maß war irgendwann voll“, sagt Walter Deusch. Jahrzehntelang hatte die Gemeinde regelmäßig beim Landrat protestiert und der in Bonn. Genützt hatte es nicht viel. Es gab lediglich Erholungsurlaub für Mütter und Kinder im Schwarzwald.
Erst der Besuch von Strauß’ Staatssekretär Volkmar Hopf am 23. März 1962 zeigte Wirkung. Hopf regte eine Umsiedlung an, mit Aussicht auf eine „gerechte Entschädigung“. Doch die Langenwinkler wollten nicht einzeln irgendwohinziehen. „Wenn schon gehen, dann gemeinsam, war die Devise“, erzählt Walter Deusch.
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Die Langenwinkler wollten nahe bei ihren Feldern bleiben. Umgesiedelt wurde das Dorf schließlich zwei Kilometer in südöstlicher Richtung auf das Gebiet des Hursterhofes – und somit auf jenen Hof, wo sich 1788 der Landwirt Georg Kappus ausgesiedelt und die Gemeinde Langenwinkel gegründet hatte. Dem Bundesverteidigungsministerium war das eigentlich nicht weit genug entfernt vom Flugplatz. Aber in einer Bürgerbefragung hatten sich 74,2 Prozent der Langenwinkler für die Umsiedlung zum Hursterhof ausgesprochen.
Anschließend begannen die Planungen der staatlichen und kommunalen Behörden. Am 20. November wurde 1968 das erste Richtfest für ein Umsiedlerhaus am neuen Standort gefeiert, und am 3. Oktober 1971 das neue Langenwinkel offiziell eingeweiht. Der Oberfinanzpräsident gab bekannt, dass der Gesamtaufwand von Bund und Land für „das wohlgelungene Werk“ 24 Millionen D-Mark betragen habe.
Die Eigentümer wurden nach dem Grundsatz „neu für alt“ entschädigt: Die Gebäudewerte wurden gutachterlich ermittelt, die Differenz zum Neubaupreis wurde mit zinslosen Darlehen bezuschusst. 44 Hauseigentümer schlossen Umsiedlungsverträge für Neu-Langenwinkel ab, 25 andere zogen lieber in umliegende Dörfer.
„Viele Langenwinkler haben sich damals deutlich verbessert“, sagt Annerose Deusch, 55. Die Schwiegertochter von Walter Deusch ist seit 17 Jahren Ortsvorsteherin in Langenwinkel. „Die alten Häuser waren in keinem guten Zustand. Viele hatten kein WC und kein Bad, die neuen Häuser hingegen schon.“
Aber hätten sich die Langenwinkler nicht doch gegen ihre Vertreibung wehren können? Eine Bürgerinitiative gründen? Demonstrieren? Die Schließung des Militärflughafens fordern können? „Das waren andere Zeiten“, sagt Walter Deusch. „Wir hätten dann gegen die Nato antreten müssen.“ Gegen Vaterlandsverteidigung wollte niemand sein. Ein Jahr bevor die Umsiedlungspläne 1962 bekannt wurden, war die Berliner Mauer gebaut, 1968 die ČSSR von den Sowjets besetzt worden. Der Kalte Krieg wäre mehrmals fast heiß geworden. Wer sollte in dieser weltpolitischen Lage Rücksicht auf 250 Südbadener nehmen?
Doch die Geschichte schlug erstaunliche Haken, als das letzte Haus im neuen Langenwinkel noch nicht bezogen war: Die kanadischen Streitkräfte zogen Ende 1971 ihre Kampfbomber nach Söllingen bei Baden-Baden ab, stattdessen kam das kanadische Nato-Hauptquartier mit einer Panzerbrigade nach Lahr. Viel ruhiger wurde es in der Luft aber nicht, denn neben den Bodentruppen waren in Lahr fortan eine Hubschrauberstaffel sowie einige militärische Transportflugzeuge stationiert.
Ein Jahr nach der Umsiedlung verlor Langenwinkel die Selbstständigkeit, es wurde am 1. Januar 1972 im Zuge der Gemeindereform ein Stadtteil von Lahr. Im umliegenden Luftraum geht es seit dem Abzug der letzten kanadischen Truppen 1994 entspannter zu. Heute wird der Flugplatz nur noch von regionalen Unternehmen, dem SC Freiburg und einigen Sportfliegern genutzt.
Langenwinkel ist auf 2100 Bürgerinnen und Bürger angewachsen. In den 1990er Jahren fanden Neuankömmlinge von der Wolga und aus Kasachstan hier zwar nicht gemachte Betten, aber ausreichend Wohnraum, den die kanadischen Soldaten und ihre Familien geräumt hatten. Mitten im Dorf leben in fünf Wohnblöcken fast ausschließlich Spätaussiedler, sie machen fast zwei Drittel der Einwohnerschaft aus. Sie blieben strikt unter sich, ihre Umgangssprache sei Russisch, am Vereinsleben nähmen sie kaum teil, beklagt die Ortsvorsteherin Deusch: „Es ist ein Nebeneinander, aber Integration stelle ich mir anders vor.“ Die kulturelle Distanz zeigt sich auch am mächtigen Bau einer streng evangelikalen Freikirche – und einem hohen Stimmenanteil der AfD bei den Wahlen.
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5. Oktober:
Zum Abschluss einer Bildungswoche für „Nur-Hausfrauen“ der Evangelischen Landeskirche beklagen sich Teilnehmerinnen über die Referenten: „Man konnte spüren, dass sie uns in der Gesamtheit für kleine Dummerchen halten. Über Wadenwickel bei Fieber weiß doch jede Mutter Bescheid.“
9. Oktober:
Die Fernsehantenne an der Spitze des neuen Fernmeldeturms auf dem Stuttgarter Frauenkopf wird in Betrieb genommen. Dadurch können das zweite und dritte Programm in der Region nun in besserer Bild- und Tonqualität empfangen werden.
13. Oktober:
In Göppingen führt der Preiskampf zwischen einem neuen Verbrauchermarkt, der mit Selbstbedienungszapfsäulen die Kundschaft anlockt, und einer Shell-Tankstelle zu den niedrigsten Benzinpreisen der Nachkriegszeit: Der Liter Normal kostet 49,9 Pfennig, Super 56,9 Pfennig.
14. Oktober:
Eltern und Schüler des Stuttgarter Wagenburg-Gymnasiums renovieren eigenhändig und auf eigene Kosten die Klassenzimmer. Angesichts des „schäbigen Zustandes des Gebäudes“ habe man sich zu der Eigeninitiative entschlossen, erklärt der Elternbeirat. Kommentar des Schulverwaltungsamtes: „Wir sind gar nicht erfreut darüber, weil das Aufgabe der Stadt ist.“
15. Oktober
: Das Landgericht verurteilt den Bernhauser Filderkrautproduzenten Manz zu einer Strafzahlung von 30 000 Euro. Die Geruchsbelästigung, die von der Firma verursacht werde, sei eindeutig zu stark.
24. Oktober
: Bei der Gemeinderatswahl in Stuttgart erhält die SPD 46,5 Prozent der Stimmen, die CDU 34,3 Prozent. Verlierer ist die FDP, die im September gegen den Ausbau des Neckarstadions votiert hatte und von 16,2 (1968) auf 7,3 Prozent gefallen ist.