Vor 50 Jahren starben Jimi Hendrix und Janis Joplin Das Ende der Blumenkinder

Meister der Gitarre und Protagonisten der Hippie-Kultur: Der legendäre Musiker Jimi Hendrix Foto: AFP

Schwarzer Herbst 1970: Mit dem Tod der Musiker Jimi Hendrix und Janis Joplin wird der Hippie-Traum einer ganzen Generation begraben.

Stuttgart - Im September 1970 wandelt sich der Traum von „Love & Peace“ nach und nach zum Albtraum. Die Ouvertüre zum Untergang der Blumenkinder-Ära ertönt am 18. September 1970 mit dem Tod von Jimi Hendrix. Bis zum Ende des Jahres hat sich die Sache mit den Hippies weitgehend erledigt.

 

Der Sommer von 1967 geht als „Summer of Love“ in die Annalen ein. Der Bezirk Haight-Ashbury in San Francisco wird belagert von Zehntausenden Blumenkindern und Hippies, von Aussteigern und Erleuchtungssuchenden. Sie folgen dem Ruf von Scott McKenzies Hymne „San Francisco“, flechten sich Blumen ins Haar und pilgern an die Westküste. In der sonnigen Bay Area hat die Gegenkultur ihr Epizentrum, ist gegen Vietnamkrieg und Konsum, für freie Liebe und Frieden. Mit Batikmustern, Timothy Learys Botschaft „turn on, tune in, drop out“ , der Bejahung bewusstseinsverändernder Mittel und psychedelischer Musik wird sanft rebelliert. Gegen die Norm, gegen die Konformität, gegen die Bürgerlichkeit.

Ein ekstatischer Auftritt macht Hendrix zum verheißungsvollen Gitarren-Gott

Die Klimax der Bewegung ist das Monterey Pop Festival im Juni 1967. Organisiert von John Phillips (The Mamas & The Papas), ist es die Blaupause für alle Festivals, die folgen sollen. Hier treten Jimi Hendrix und Janis Joplin erstmals vor großem Publikum auf, hier manifestiert sich an der Westküste, was 1969 Hunderttausende an die Ostküste locken soll. Hendrix und Joplin werden beide auch in Woodstock auftreten. Es ist nicht die einzige Parallele in ihrem ausschweifenden Leben: Beide werden das Jahr 1970 nicht überleben.

Daran denkt im vernebelten, berauschten, optimistischen Sommer 1967 niemand. In Monterey kostet Hendrix wie so viele seiner Kolleginnen und Kollegen vom extrem wirkungsvollen LSD des Grateful-Dead-Tontechnikers Ows-ley Stanley, bindet sich seine magische Federboa um und verändert das Leben der Menschen mit einem einzigen ekstatischen Auftritt. Für viele ist seine Darbietung in Monterey die beste seiner kurzen, aber glühenden Karriere. Die beginnt im Grunde erst wenige Monate zuvor so richtig, als ein 23-jähriger Hendrix im New Yorker Greenwich Valley für ordentlich Furore sorgt.

Die Hippiebewegung scheitert an der Kriegsrealität

Zu Beginn der Sechziger tingelt er noch durch Nashville und die Südstaaten, spielt in der Backing-Band von Ike & Tina Turner. Anfang 1964 hat er genug. Er zieht nach Harlem in New York City, arbeitet als Live-Gitarrist für die Isley Brothers, hat aber irgendwann die Nase voll von den Engagements als Session-Musiker und will es allein schaffen. In New York entdeckt ihn Keith Richards Freundin Linda Keith. Er zieht nach London, gründet die Jimi Hendrix Experience. Der Rest ist Musikgeschichte: Hendrix‘ entfesseltes Spiel und seine übernatürliche Hingabe an sein Instrument bleiben nicht unbemerkt. Am 31. März 1967 zündet er erstmals in London seine Gitarre an; der Erfolg des ersten Albums „Are You Experienced“ ist da nur noch Formsache. Mit Songs wie „Hey Joe“ oder „Purple Haze“ hat man leichtes Spiel. Dann kommt Monterey. Dann kommt sein sagenumwobener Auftritt, bei dem er die Flammen beschwört, die aus seiner Gitarre züngeln. Hendrix, der Voodoo-Priester, der übersinnliche Gitarrenhexer. Als er zwei Jahre später in Woodstock auftritt, ist er der bestbezahlte Musiker der Welt. Hendrix entscheidet in einem dezenten Anflug von Allüren, seinen Slot von Sonntag auf Montagmorgen zu legen, um das Festival zu beschließen. Als er um acht Uhr morgens auf die Bühne tritt, sind von den rund 400 000 Menschen vielleicht noch 40 000 anwesend. Sie sehen ihren Helden, der seit drei Tagen nicht geschlafen hat, und sein Set mit seiner legendär verzerrten, jaulenden Version der US-Nationalhymne beschließt.

Ein ikonischer Moment in der Musikgeschichte, für viele auch das Statement gegen den Vietnamkrieg. Das Problem ist nur: Wie schon 1967, wütet der auch im Sommer 1969 mit alles verschlingender Wucht. Zwar ist mit Richard Nixon seit Januar 1969 ein Präsident im Amt, der auch mal Truppen aus Vietnam zurückholt anstatt immer mehr junge Menschen in den Krieg zu schicken; ein Ende ist aber noch lange nicht in Sicht. Erst am 30. April 1975, mit dem Fall Saigons, endet eines der schlimmsten und blutigsten Kapitel der US-amerikanischen Geschichte. All das hinterlässt auch schon in Woodstock ein Echo. Die Aufbruchstimmung von 1967 wird nach und nach zur Katerstimmung. Und als beim Altamont Free Concert im Dezember 1969, eigentlich geplant als die Antwort der Westküste auf Woodstock, auch noch der 18-jährige Afroamerikaner Meredith Hunter erstochen wird, müssen viele anerkennen, dass es eben doch nicht so einfach ist mit Liebe und Frieden. Die Bewegung verliert ihr Momentum.

Vom Sommer der Liebe zum Winter der Unzufriedenheit voller Heroin und Alkohol

Ein paar findige Musikfans aus Norddeutschland hält das dennoch nicht ab, auch ein deutsches Woodstock auf die Beine zu stellen. Das Love-And-Peace-Festival auf der Ostseeinsel Fehmarn findet vom 4. bis 6. September 1970 statt und endet in einem Desaster. Fehlplanung, geplatzte Gagen, mangelnde Vorräte und orkanartiger Wind verwehen den Traum vom Hippie-Fest in Deutschland, während eine hart durchgreifende Rockertruppe das Festival mehrfach an den Rand der Eskalation bringt.

Es soll dennoch seinen Platz im Evangelium des Rock bekommen. Am Sonntagmittag fährt Hendrix mit seiner Limousine vor und spielt vom Winde verweht das letzte Konzert seines Lebens. Es ist der 6. September 1970. Zwölf Tage später ist er tot. Erstickt an seinem eigenen Erbrochenen mit 27 Jahren. Der Sommer der Liebe mit seinem vergleichsweise harmlosen Marihuana wurde beängstigend rasch zu einem Winter der Unzufriedenheit, beherrscht von Heroin, Tabletten und Alkohol. Wenige Tage später, am 4. Oktober 1970, stirbt die andere große Hippie-Lichtgestalt Janis Joplin an einer Überdosis in Hollywood. Auch sie wird nur 27 Jahre alt.

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