Stuttgart - Der Zweite Weltkrieg beginnt mit einer doppelten Lüge. Sie verbirgt sich in einem legendären Satz. „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“ So spricht Adolf Hitler am 1. September 1939 gegen 10.25 Uhr im Deutschen Reichstag. Das Protokoll vermerkt: „Lebhafter Beifall“. Mit dem Beifall ist es ansonsten nicht weit her, wenn man Augenzeugen Glauben schenkt. „1914 war die Begeisterung in Berlin am ersten Kriegstag ungeheuer“, notiert der US-Journalist William Shirer. „Heute: keine Begeisterung, kein Hurrageschrei, keine Hochrufe, kein Blumenstreuen, kein Kriegsfieber, keine Kriegshysterie.“ Das haben nicht alle so erlebt. Der Jude Victor Klemperer schreibt in seinem Tagebuch: „Volksstimmung absolut siegesgewiss, zehntausendmal überheblicher als 14.“
Wie die Stimmung wirklich war, bleibt zweifelhaft. Unzweifelhaft falsch war hingegen, was Hitler im Reichstag erzählte. Falsch ist schon die Legende vom „Zurückschießen“. Der Historiker Janosch Steuwer erklärt: „Hitler propagierte das Bild einer zum Waffengang gezwungenen Nation.“ Tatsächlich ging der Angriff von Deutschland aus. Um die Invasion Polens zu rechtfertigen, fingierten die Nazis mehrere Attacken, so zum Beispiel einen angeblichen Anschlag auf den Radiosender Gleiwitz in Oberschlesien. Der Überfall auf Polen, mit dem der größte militärische Konflikt der Menschheit anfing, fand auch nicht um 5.45 Uhr statt.
„Historisch beispielloser Angriff auf die Menschlichkeit“
Falsch ist allerdings auch, was in vielen Geschichtsbüchern steht: Der Krieg begann nicht um 4.45 Uhr mit dem Beschuss eines polnischen Munitionslagers auf der Halbinsel Westerplatte bei Danzig. Er begann schon einige Minuten zuvor und brutaler. Um 4.37 Uhr bombardierten deutsche Flugzeuge die polnische Kleinstadt Wielun. Der Ortskern wurde fast komplett zerstört. 1200 Menschen verloren dabei ihr Leben.
Dieser Krieg wird vom ersten Moment an als Vernichtungskrieg geführt. Es gibt Fotos, die zeigen, was Hitlers Soldaten dachten: „Wir fahren nach Polen, um Juden zu versohlen“, haben Landser auf einen Eisenbahnwaggon geschrieben. Schon der „Polenfeldzug“ ist von schwersten Kriegsverbrechen begleitet. Binnen fünf Wochen sterben 100 000 polnische Soldaten. Hunderttausende Polen werden aus ihrer Heimat vertrieben, Juden in Ghettos deportiert. „Völkische Flurbereinigung“ nennt die NS-Bürokratie das. Als „Hölle auf Erden“ bezeichnet der britische Historiker Ian Kershaw den Zweiten Weltkrieg. „Dieser Krieg hatte apokalyptische Dimensionen“, schreibt er, es war „ein historisch beispielloser Angriff auf die Menschlichkeit“.
Viermal so viele Opfer wie im Ersten Weltkrieg
60 Millionen Menschen kommen gewaltsam ums Leben, viermal so viele wie im Ersten Weltkrieg. Unter den Opfern sind mehr Zivilisten als Soldaten. Allein die Sowjetunion hat 27 Millionen Tote zu beklagen, China 13,5 Millionen. Fast sechs Millionen Kriegsgefangene der Roten Armee sterben in deutschen Lagern. Die Opferzahlen des Holocausts bewegen sich in ähnlicher Höhe – eine Bilanz des Grauens. Hitlers Vernichtungslogik, so der Historiker Heinrich August Winkler, „konnte sich erst im Krieg voll entfalten“.
Krieg ist von Beginn an Hitlers Ziel. Schon am 2. Februar 1933, drei Tage nach dem Aufstieg zum Reichskanzler, benennt er in geheimer Runde vor Reichswehrgenerälen seine Absichten: Kampf um „Lebensraum“, Revision des Friedensvertrags von Versailles, Eroberung einer Position als „Weltmacht“ für sein „Großgermanisches Reich“, Weltherrschaft der „arischen Rasse“. Von einem „wahnwitzigen Kriegszielprogramm“ spricht der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller. Krieg war gewissermaßen Hitlers Geschäftsmodell. Das Dritte Reich wurde auf Schulden aufgebaut, so Winkler, „die nur durch die Eroberung fremder Territorien und die Ausbeutung ihrer Ressourcen und Arbeitskräfte abgetragen werden konnten“.
Wäre der Krieg zu verhindern gewesen?
Zumindest der britische Premier Winston Churchill war jedoch der Meinung, dass es nicht unbedingt zu einem Weltkrieg hätte kommen müssen, wenn die Westmächte Hitler mit Abschreckung begegnet wären und nicht mit Appeasement – einer kleinmütigen Beschwichtigungspolitik. Die nationalsozialistischen Kriegstreiber sahen sich freilich auch durch den kurz vor Kriegsbeginn ausgehandelten Nichtangriffspakt mit Stalin begünstigt. Winkler schreibt: „Der Pakt lud Hitler zum Angriff auf Polen förmlich ein.“
Der teuflische Bund der beiden Tyrannen jedoch hielt nicht lange. Weder Hitler noch Stalin hatten geglaubt, dass er ihnen mehr als eine Atempause verschaffen würde. Mit dem „Unternehmen Barbarossa“, wie die Invasion der Sowjetunion tituliert wurde, und dem japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor wurde der Zweite Weltkrieg im Verlauf des Jahres 1941 tatsächlich dann ein globaler Krieg.
Doppelte Demütigung der Insolvenzverwalter Hitlers
Der wahnwitzige Plan, das russische Riesenreich zu bezwingen, an dem 130 Jahre zuvor schon Napoleon gescheitert war, führte abermals in eine Katastrophe. Von der Niederlage bei Stalingrad Anfang 1943, wo eine halbe Million Soldaten gefallen sind und 100 000 Deutsche in Gefangenschaft gerieten, sollte sich Hitlers Armee nicht mehr erholen. Damit hatte sich „unwiderruflich das Kriegsglück gewendet“, so Ian Kershaw, „von nun an waren die Alliierten ihres Sieges sicher“. Ende 1942 landeten sie in Nordafrika, ein halbes Jahr später in Italien, im Sommer 1944 schließlich an der französischen Atlantikküste. Im Oktober des gleichen Jahres eroberten sie die erste deutsche Stadt: Aachen. Sechs Monate danach beging Hitler Selbstmord. Die Rote Armee war dabei, Berlin zu erobern.
So wie der Krieg mit einer doppelten Lüge begann, endete er für Hitlers Insolvenzverwalter mit einer doppelten Demütigung. In den frühen Morgenstunden des 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die Kapitulationsurkunde. Stalin bestand darauf, das Zeremoniell der Unterwerfung am 9. Mai kurz nach Mitternacht im sowjetischen Hauptquartier, das im Offizierscasino einer Pionierschule am Rande des Berliner Vororts Karlshorst untergekommen war, zu wiederholen. Die Regierung des ruinierten Deutschen Reiches überdauerte die Kapitulation noch um zwei Wochen. Im Fernen Osten ging der Krieg erst ein Vierteljahr später mit den Atompilzen über Hiroshima und Nagasaki zu Ende.
„Krieg für oder gegen die Weltherrschaft des Deutschtums“
Nach dem „Höllensturz“ (Kershaw) war die Welt eine andere. Der „Dreißigjährige Krieg für oder gegen die Weltherrschaft des Deutschtums“, wie der französische General Charles de Gaulle die Epoche von 1914 bis 1945 nannte, hinterließ Deutschland in Trümmern: die Städte zerbombt, das Land geteilt. Der Einfluss Sowjetrusslands reichte nun bis weit in den Westen. Mitten in Europa entstand die monströseste Grenze der Weltgeschichte. 14 Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Vieles, was in diesem Krieg angerichtet wurde, wirkt bis heute fort. Dazu zählen der Nahostkonflikt sowie die nicht verstummenden Reparationsdebatten in Polen oder Griechenland – aber auch der Opfermythos, der in Dresden alljährlich mit dem Gedenken an die Bombennächte von 1945 zelebriert wird.
Die deutsche Teilung, unmittelbare Folge des Zweiten Weltkriegs, spiegelte sich auch in der Erinnerung an diesen Krieg. Im Westen kreiste diese lange um die Zerstörungen, um das Schicksal der Kriegsgefangenen, um Flucht und Vertreibung, im Osten um den heroisch überzeichneten kommunistischen Widerstand. „Spiegelbildlich standen auch die Tabus und Blindstellen der beiden Kriegsgedächtnisse zueinander“, so der Historiker Martin Sabrow. Während in der Bundesrepublik Kriegsverbrechen der Wehrmacht lange ausgeblendet blieben, habe die DDR den Völkermord an den Juden eher vernachlässigt. 40 Jahre gingen ins Land, bis ein deutscher Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, den Tag der Kriegsniederlage einen „Tag der Befreiung“ nannte.
„Nun, die Lebensgefahr vorüber, haben wir die kleinen, aber summierten Leiden unseres Zustandes reichlich satt“, notiert der Jude Victor Klemperer zum Kriegsende in seinem Tagebuch. Er beginnt mit Aufräumarbeiten, stößt dabei auf einen Aushängekasten der nationalsozialistischen Hetzpostille „Stürmer“, wo zu lesen ist: „Die Juden sind unser Unglück!“ Klemperer schreibt: „Ich möchte ihn gar zu gerne zerhacken, aber ich fürchte, dazu reicht meine Kraft nicht aus.“