Vor 80 Jahren in Böblingen Als die Klemm-Werke zerstört wurden
Ein verheerender Luftangriff auf den Böblinger Flugplatz jährt sich diesen Sommer zum 80. Mal. Er galt auch der Rüstungsindustrie vor Ort.
Ein verheerender Luftangriff auf den Böblinger Flugplatz jährt sich diesen Sommer zum 80. Mal. Er galt auch der Rüstungsindustrie vor Ort.
Bekannt ist vor allem die Bombennacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943. Damals zerstörten die Alliierten große Teile der Böblinger Altstadt. Doch es gab noch weitere verheerende Attacken – ein Bombenangriff, der dem Böblinger Flugplatz galt, jährte sich diesen Sommer zum 80. Mal.
Am 19. Juli 1944 gegen 10.20 Uhr warfen US-Bomber Hunderte von Spreng- und Brandbomben aus etwa 5500 Meter Höhe ab. Sie hatten den NS-Fliegerhorst in Böblingen und umliegende Industrieanlagen zum Ziel. Die Bomben verfehlten den Flugplatz allerdings zum größten Teil und fielen in südwestlicher Richtung auf das Gelände zwischen Calwer und Herrenberger Straße. Auch in der Unterstadt entlang der Bahnhofstraße landeten viele Bomben. Getroffen wurde noch der Rand des Fliegerhorstes, dabei wurde vor allem das Werk I des Klemm-Rüstungsbetriebs zum größten Teil zerstört.
Das Böblinger Werk war da längst vom Amt des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion beschlagnahmt worden, zudem durch den Reichskommissar eine kommissarische Firmenleitung mit Direktor Wenz eingesetzt. Diese hatte in einer „gewissen Vorahnung“ jedoch zuvor veranlasst, dass die Produktion des Raketenjägers Me 163 B-Komet (im Volksmund als „Kraftei“ bezeichnet) nach Ebhausen in den Schwarzwald verlegt wurde.
Dabei war die Produktion erst Mitte 1943 nach Böblingen gekommen. Denn weil das Ministerium mit der Produktion im Werk der Firma Messerschmitt unzufrieden war, wurde im Mai 1943 festgelegt, dass die weitere Produktion bei der Firma Leichtflugzeugbau Klemm GmbH in Böblingen stattfinden soll.
Dass dies so einfach entschieden werden konnte, hing damit zusammen, dass nach Beginn des Krieges alle Flugzeugwerke systematisch mit staatlichen Rüstungsaufträgen belegt wurden. So musste auch die Firma Klemm Leichtflugzeugbau von Holz- auf Metallbau umstellen. Ihr Auftrag lautete nun: Stahlrohr-Rumpfgerüste, Rumpfklappen für Flugzeug-Bombenschächte und weitere Teile anfertigen. Hanns Klemm verlor immer mehr Eigenständigkeit, er wurde nach und nach zum Befehlsempfänger und der Bau seiner Sportflugzeuge reduziert.
Nachdem Mitte 1943 entschieden war, den Raketenjäger nun ganz in Böblingen zu produzieren und das gesamte Werk auf Ganzmetallbauweise umzustellen, legte Klemm beim Staatssekretär der Luftfahrt, Generalluftzeugmeister Milch, Einspruch ein. Sein Betrieb sei für diese Aufgabe nicht geeignet. Doch an der Entscheidung war nicht zu rütteln. Dem Böblinger Ingenieur dagegen unterstellte man, dass er an der Rüstung nicht mitarbeiten wolle und veranlasste eine Untersuchung.
Diese wartete Hanns Klemm aber nicht ab, sondern gab seiner Belegschaft am 23. Mai 1943 bekannt, dass er als Geschäftsführer zurücktrete – dazu trat er aus der NSDAP aus. Die Folge war, dass ihn die Kreisleitung auf seinen Geisteszustand untersuchen ließ und dazu ins Bürgerhospital nach Stuttgart einlieferte. Doch der Sachverständige attestierte ihm, dass er als „geistige gesunder Mensch zu bezeichnen wäre“. Klemm wurde entlassen, allerdings unter Hausarrest gestellt.
Als letzten Akt der Willkür wurde er im März 1945 von einem Böblinger Arzt auf seine Wehrhaftigkeit zum Volkssturm untersucht. Dabei machte Klemm gegenüber dem Arzt eine Bemerkung zum bevorstehenden Kriegsende, da sich der Feind schon vom Schwarzwald her Richtung Böblingen vorgekämpft hatte. Der Mediziner jedoch empfand das als ungeheuerlich und meldete Klemm der Kreisleitung, die ihn abermals verhaften und ins Gestapo-Gefängnis nach Stuttgart bringen ließ, wo er angeklagt und durch ein Standgericht zum Tode verurteilt wurde. Klemm und seine Mithäftlinge hatten großes Glück, dass die Franzosen noch vor der Vollstreckung in Stuttgart waren.
Erst am 1. Februar 1945 erfolgte der Befehl, die Produktion des Raketenjägers Me 163 B einzustellen, kurz darauf wurde das Erprobungskommando aufgelöst. Die Klemm-Mitarbeiter mussten sich alle wieder im Werk in Ebhausen zurückmelden. Das Werk wurde still gelegt und die Belegschaft am 20. April 1945 in Richtung Bregenz mit Fahrräder und den letzten fahrbaren Autos abkommandiert.
Eine größere Anzahl der übrigen Raketenflugzeuge fiel den Alliierten in die Hände, sie entwickelten sie nach dem Kriege mit deutschen Forschern, Technikern und Piloten weiter. Die Lippische Konstruktion war das erste in Serie gebaute Raketenflugzeug der Welt und Böblingen war somit ein „kleines Rädchen im Getriebe“ in der Anfangsphase des Raketenzeitalters.
Zu besichtigen ist das Flugzeug heute im Deutschen Museum in München, wo auch das Böblinger SHW-Auto des Konstrukteurs Wunnibald Kamm steht.
Wandelndes Lexikon
Hans-Jürgen Sostmann, einst auf dem Böblinger Rathaus beschäftigt, ist ein Kenner der lokalen Geschichte.
Flughafen
Mit Wilfried Kapp und Reinhard Knoblich beschäftigt er sich seit 2009 intensiv speziell mit der Geschichte des alten Böblinger Flughafens.