Diese fixe Idee beherrscht Hitlers Denken, auch wenn der Nichtangriffspakt mit dem Sowjetdiktator Stalin, der dem Kriegsbeginn vorausging, nicht ins Bild zu passen scheint. Er ist nur ein taktisches Manöver, das ihm den Rücken freihalten soll für den Überfall auf Polen und den Krieg gegen dessen Schutzmächte Frankreich und Großbritannien. Hitler nennt ihn im Sommer 1939 einen Pakt „mit dem Satan, um den Teufel auszutreiben“. Er „ändere nichts an seiner grundsätzlich antibolschewistischen Politik“, notiert der spätere Widerstandskämpfer Ulrich von Hassell, damals noch Diplomat in Diensten des NS-Staates. Der Schweizer Carl Jacob Burckhardt, Hoher Kommissar des Völkerbundes, hält fest, was Hitler ihm angeblich unverblümt eingesteht, kurz bevor die Wehrmacht in Polen einmarschiert: „Alles, was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet.“
Alles, was Hitler im Sinn hat, ist gegen Russland gerichtet
Im Juni 1940 erklärt Hitler Gerd von Rundstedt, dem Oberbefehlshaber des Westfeldzugs, er habe nun „endlich die Hände frei für seine große und eigentliche Aufgabe: die Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus“. Wenig später teilt er den höchsten Offizieren seinen Kriegsentschluss mit. Es gehe um die „Vernichtung der Lebenskraft Russlands“, protokolliert Franz Halder, Chef des Generalstabs.
Was Hitler im Sinn hat, läuft unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“. Die wahnwitzige Anspielung auf den legendären Stauferkaiser Friedrich I. sollte wohl an dessen Kreuzzug im 12. Jahrhundert erinnern, der zwar auch Richtung Osten geführt hatte, allerdings nicht gen Russland, sondern nach Kleinasien mit dem Heiligen Land als Ziel. Barbarossa ist unterwegs jämmerlich ertrunken.
Nur ein Sandkastenspiel?
„Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen“, ordnet Hitler am 18. Dezember 1940 in seiner „Weisung Nr. 21“ als Kriegsziel an. Was zu tun ist, hält Halder in seinem Kriegstagebuch fest: „Russisches Heer schlagen oder wenigstens so weit russischen Boden in die Hand nehmen, als nötig ist“. Das klingt, als sei das größenwahnsinnige Unterfangen „nur ein Sandkastenspiel“, wie Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, für sich notiert.
Das vermeintliche „Sandkastenspiel“ entfacht bis heute Kontroversen in der Geschichtswissenschaft. Die knüpfen an zwei Fragen an: Wie sehr war Stalin von Hitlers Angriff überrascht? Und wie waren die Kräfteverhältnisse an der 2000 Kilometer langen Ostfront? „Sowenig wie Hitler hatte Stalin je geglaubt, dass der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt mehr bedeutete als eine Atempause im Ringen zwischen beiden Mächten“, schreibt der deutsche Historiker Heinrich August Winkler. Sein britischer Kollege John Keegan meint: „In Wirklichkeit wurde Stalin vom Beginn ,Barbarossas‘ ebenso überrascht wie alle seine Untergebenen.“
Stalins Armee war „faktisch enthauptet“
Stalin hätte allerdings wissen können, was auf ihn zukommt. Hitlers Kriegspläne werden ihm von dem sowjetischen Spion Richard Sorge sowie aus Diplomatenkreisen zugetragen. Die Warnungen stoßen jedoch auf taube Ohren. Die Rote Armee verfügt zwar über mehr Flugzeuge als die Deutschen, mehr Panzer und mehr Artilleriegeschütze, allerdings verweist Winkler auf „gravierende Mängel in der technischen Ausrüstung und Ausbildung der Truppen“, vor allem aber auf die „fatalen Folgen der großen Säuberung“, bei der Stalin in den Jahren zuvor politisch unliebsame Offiziere beseitigt und seine Truppen damit „faktisch enthauptet“ habe. Keegan betont: „In rein materiellem Sinne stand Stalin Hitler als Kriegsherr in nichts nach, vielleicht war er ihm sogar überlegen.“
Als der Angriff am 22. Juni 1941 anrollt mit mehr als drei Millionen deutschen Soldaten, 3500 Panzern, 600 000 Kraftfahrzeugen und 625 000 Pferden sieht alles zunächst nach einem „Blitzkrieg“ aus, der Hitler vorschwebt. „Wogegen wir unser ganzes Leben gekämpft haben, das vernichten wir nun auch“, jubelt Propagandaminister Joseph Goebbels. Die Wehrmacht schwört ihre Truppe entsprechend ein: „Es geht darum, das rote Untermenschentum, welches in den Moskauer Machthabern verkörpert ist, auszulöschen.“ Was nun folgt, so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Gedenkrede am vergangenen Freitag, ist „eine deutsche Barbarei“ – „die Entfesselung von Hass und Gewalt, die Radikalisierung eines Kriegs bis zum Wahn totaler Vernichtung“.
Die Deutschen scheitern an „General Winter“
Hitler weist die Kommandeure der Wehrmacht an, Politkommissare der Roten Armee ohne Achtung des Kriegsvölkerrechts zu liquidieren. Hinter der Front erschießen Einsatztruppen der SS Hunderttausende von Zivilisten, vorrangig Juden. Allein in den ersten sechs Monaten kommen fünf Millionen Sowjetsoldaten ums Leben. „Die Kämpfe“, so Keegan, „wurden mit einer Brutalität und Rücksichtslosigkeit ausgetragen, wie man sie im Zweiten Weltkrieg noch gar nicht und in Europa vielleicht zum letzten Mal während der Türkenkriege des 16. Jahrhunderts erlebt hatte.“ Goebbels schreibt in sein Tagebuch: „Wir haben sowieso so viel auf dem Kerbholz, dass wir siegen müssen, weil sonst unser ganzes Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert werden.“
Der Vormarsch gerät aber rasch ins Stocken. Hitler unterschätzt die miserable Infrastruktur des Landes, das Rüstungspotenzial der Sowjetunion und die Unbezwingbarkeit von „General Winter“ – die Wehrmacht ist nicht auf Schneestürme und Dauerfrost vorbereitet. Die setzen jedoch früh ein. Der Historiker Jörg Baberowski meint: „Der Krieg war eigentlich im Oktober 1941 verloren.“ Mit der Winterschlacht um Moskau endet Hitlers Kriegsglück. General Alfred Jodl, sein engster militärischer Berater, kommt zum Schluss, dass von jenem „Kulminationspunkt des beginnenden Jahres 1942 an kein Sieg mehr errungen werden konnte“. Stalingrad wird zum Sinnbild für das Scheitern der Wehrmacht.
„Kein Brunnen, der nicht vergiftet ist“
Bei ihrem Rückzug verfolgen die deutschen Truppen eine Politik der verbrannten Erde. „Es muss erreicht werden, dass kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide, keine Eisenbahnschiene zurückbleiben“, lässt SS-Führer Heinrich Himmler anordnen. Er will, „dass kein Haus stehenbleibt, kein Brunnen, der nicht vergiftet ist.“ Die Wehrmacht habe der SS „nicht nur keine Hindernisse in den Weg“ gelegt, so der Historiker Winkler, sondern sich an deren Vernichtungswerk beteiligt.
Der Krieg im Osten hinterlässt eine Horrorbilanz ohne Beispiel: 27 Millionen Menschen kommen auf sowjetischer Seite ums Leben, es sind überwiegend Zivilisten. Unzählige Städte liegen in Schutt und Asche, Tausende Dörfer werden dem Erdboden gleichgemacht. 5,7 Millionen Soldaten der Roten Armee geraten in Gefangenschaft. 3,3 Millionen lassen die Deutschen elend verhungern, erfrieren, an Seuchen zugrunde gehen oder ermorden. Die Schrecken der Barbarei im Namen Barbarossas lasten bis heute als schwere Schatten auf Europas Geschichte.