Vor dem Abriss Wechselvolle Geschichte des ehemaligen Dettinger Pfarrhauses

Von Gunther Nething 

Der geplante Abriss des ehemaligen Pfarrhauses in Dettingen erinnert an dessen wechselvolle Geschichte. Archäologen hoffen weitere interessante historische Dinge zu finden, wenn die Bagger anrücken.

Im Gewölbekeller  sondieren Mitarbeiter der Archäologie AG  die Bodenschicht. Foto: Horst Rudel
Im Gewölbekeller sondieren Mitarbeiter der Archäologie AG die Bodenschicht. Foto: Horst Rudel

Dettingen - Das Haus ist nach außen hin unscheinbar – und belegt auf den ersten Blick höchstens die Tatsache, dass die Werber für die Fassadenverkleidung mit Asbestzementplatten in Dettingens Hinterer Straße, wie anderswo auch, einst gute Abschlüsse verbuchen konnten. Doch dann findet sich an einem Eckbalken die schon recht verblichene Jahreszahl 1561, vielleicht auch 1567, mit dem Zusatz „D+M“ – vermutlich ein Hinweis auf die damaligen Handwerker, sagt Rainer Laskowski. Der Leiter der Kirchheimer Archäologie AG und ehrenamtliche Beauftragte der Bodendenkmalpflege erforschte jüngst mit etlichen Helfern das für den Abriss bestimmte Gebäude an der Ecke Kirchstraße/Hintere Straße, schließlich handelt es sich um das einstige Pfarrhaus.

Jahreszahl im Eckbalken

Laut dem Dettinger Heimatbuch von Professor Albert Schüle ist das Haus 1454 in einem Kaufvertrag erstmals erwähnt worden. Nach bitteren Klagen des Geistlichen über den miserablen Bauzustand seiner Bleibe sei es 1561 umgebaut worden – wahrscheinlich deute darauf auch der Vermerk auf dem Eckbalken hin.

Zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges geriet der Bau offenbar derart in die Mühlen der Kampfhandlungen, dass der damalige Seelsorger im Kirchheimer Spital Schutz suchte und dort Quartier nahm. 1808 erwarb die Gemeinde den Pfarrhof als Domizil für den Schulmeister, heißt es im Heimatbuch, 1840 kam das Anwesen in den Besitz eines Bauern – und ein neues Kapitel in der Hauschronik begann.

Den folgenschweren Fliegerangriff vom 20. April 1945, bei dem 69 Wohnhäuser samt Scheuern und Stallungen sowie Kirche und Schlössle niederbrannten und elf Einwohner sowie zwölf Soldaten den Tod fanden, hat das alte Pfarrhaus überstanden, wenn auch mit Schäden. Dramatisch formuliert Ortschronist Schüle: „Schon vom Feuer ergriffen“, habe das Haus Hintere Straße 90 dank der „allein noch funktionierenden Motorspritze der Schraubenfabrik“ gerettet werden können.

Viele Generationen haben dort „rumgebaut“

Anders als das heutige nüchterne Erscheinungsbild des Bauveteranen, ist sein Innenleben ein bunter Mikrokosmos, an dem sich die Veränderungen über Jahrhunderte wie in einem aufgeschlagenen Buch ablesen lassen. Und so reicht der materielle Befund von Fachwerkgefachen, die noch mit Weidenzweigen und Letten ihre Standfestigkeit fanden, bis hin zum vergleichsweise noblen und aufwendigen Treppenhaus. Insgesamt sind die baulichen Eingriffe indes so gravierend, dass dem Gebäude der Denkmalstatus abgesprochen wurde. Bärbel Weinacht, die in dem Haus aufgewachsen ist, bringt die Situation auf diesen Nenner: „Da haben alle möglichen Generationen ‚rumgebaut’. Und immer war von einem Bauernhaus die Rede, höchstens meine Oma hat hie und da die Vergangenheit als Pfarrhaus erwähnt.“ Und auch menschlich Tragisches schimmert in den Erzählungen durch – so wie die Geschichte von der Magd, die aus Liebeskummer einen Brand gelegt haben soll.

Die Hühner gerieten auf die schiefe Bahn

In der Hoffnung, auf Nachgeburtsgefäße oder Ähnliches zu stoßen, haben die Helfer der Archäologie AG im Gewölbekeller eine 25 Zentimeter starke Schicht abgetragen. Unter vielen Tonscherben kam indes lediglich eine bayrische Münze zutage. Das offenkundig nachträglich eingebaute Gewölbe hatte im übrigen zur Folge, dass die Hühner im darüber liegenden Zwischenstock stellenweise auf die schiefe Bahn gerieten . . .

„Wenn die Bagger aufziehen, könnte es nochmals interessant werden, was alles im Boden ruht“, sagt Laskowski. Und wenn man so will, ist die geplante Dokumentation zum ehemaligen Pfarrhaus wie eine Art Einstandsgeschenk für den ausgangs 2018 gegründeten Dettinger Geschichtsverein. Die Dokumentation sei schon deshalb von Interesse, meint der Historiker und Vereinsbeisitzer Eberhard Sieber, weil durch die Zerstörungen im April 1945 so viel an historisch Bedeutsamem unwiederbringlich verloren gegangen sei.