Vor den Winterspielen Triple-Olympiasieger Michael Greis erwartet ein „Fest des Sports“

Der Blick geht in Richtung Südtirol: Michael Greis. Foto: imago/Ernst Wukits

Als Biathlet erlebte Michael Greis 2006 die beste Zeit seiner Karriere – nun blickt er auf Olympia 2026 und erklärt, warum für ihn Nachhaltigkeit wichtiger ist als Zentralisierung.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Michael Greis wurde vor 20 Jahren zur Olympia-Legende. Bei den Winterspielen in Turin holte er, knapp 100 Kilometer vom Hauptort entfernt, in San Sicario drei Goldmedaillen. „Danach war die Euphorie riesig“, sagt der Ex-Biathlet, der sich auf die nächsten Olympischen Spiele im Norden Italiens, die am Freitag beginnen, sehr freut: „Ich erwarte ein Fest des Sports.“

 

Herr Greis, welche Erinnerungen haben Sie an die Olympischen Spiele 2006?

Ich habe dort die beste Zeit meiner Karriere erlebt – und einen wahnsinnigen Erfolg. In San Sicario wurde der Traum, den ich schon als kleiner Junge hatte, wahr. Das ist unglaublich gewesen.

Kam das Triple-Gold überraschend?

Im Sport hilft es, demütig zu bleiben. Um dreimal Olympia-Gold zu holen, muss so viel zusammenpassen, dass man dies niemals erwarten sollte.

Mit welchen Hoffnungen sind Sie damals nach Turin gefahren?

Der Plan war, bestmöglich vorbereitet zu den Spielen zu reisen – und voll da zu sein, wenn sich eine Chance bietet. Ich wollte schon etwas reißen und habe mir viel zugetraut.

Zu Recht.

Es ging mit dem 20-Kilometer-Rennen los, in dem die Strategie eine große Rolle spielt. Ich habe früh gemerkt, dass ich läuferisch gut dabei bin, und treffsicher war ich damals auch. Dazu kam, dass sich Ole Einar Björndalen, der noch besser unterwegs war, beim letzten Stehendanschlag den entscheidenden Fehler geleistet hat.

Das brachte Ihnen den ersten Sieg.

Ja. Bei mir war der Trubel danach groß, und anschließend hat auch noch Sven Fischer den Sprint gewonnen und in der Verfolgung Bronze geholt. In der Staffel waren wir Deutschen deshalb der große Favorit.

Wie lief das Rennen?

Michael Rösch war super, Ricco Groß war super, Sven Fischer war stabil, ich habe als Schlussläufer die 15 Sekunden Vorsprung nach Hause gebracht – und danach sind wir zum Feiern nach Turin gefahren.

Zum Schluss kam der Massenstart?

Richtig. Dieses Format gab es erstmals bei Olympia. Ich war körperlich etwas müde, trotzdem habe ich im letzten Schießen Ole Einar Björndalen hinter mir gelassen.

Und Geschichte geschrieben.

In der Tat. Es gibt keinen anderen deutschen Athleten, der dreimal Gold bei denselben Olympischen Winterspielen geholt hat.

Gut unterwegs: Michael Greis bei den Olympischen Spielen 2006. Foto: Imago/Camera 4

Was ist danach auf Sie eingeprasselt?

Brutal viel, die Euphorie war riesig. Olympische Spiele, das ist deutlich zu spüren gewesen, haben einen ganz eigenen Stellenwert. Weltmeisterschaften gibt es viele, von der Klapprad- bis zur Luftgitarre-WM. Aber Olympia ist eben jedem ein Begriff – und etwas ganz Besonderes. Nach den Erfolgen damals hatte ich bei den ganzen Feierlichkeiten gefühlt die dreifache Energie.

Wie war vor 20 Jahren in Turin das olympische Flair?

Die Stimmung war toll, und das war für uns sehr wichtig. Es sind sehr viele deutsche Fans vor Ort gewesen, und auch unsere Vereine haben uns super unterstützt. Allerdings gab es auch damals schon Kritik daran, dass die Wettkampfstätten so weit auseinander lagen. Und es ist bereits vorher klar gewesen, dass das Biathlon-Stadion anschließend nicht weiterbetrieben wird.

Haben Sie damals im olympischen Dorf gewohnt?

Nein, und das war ein großer Vorteil für uns.

Warum?

Unsere Unterkunft in San Sicario war nur fünf Minuten zu Fuß weg von der Strecke. Wir brauchten kein Auto, hatten einen eigenen Koch dabei, Eltern und Freunde konnten uns ganz einfach besuchen. Das war eine super Entscheidung unserer Trainer – die Ruhe und Privatsphäre, die wir hatten, habe ich gebraucht und genossen.

Deutscher Rekord: Drei Goldmedaillen bei den selben Olympischen Winterspielen hat nur Michael Greis gewonnen. Foto: Imago/Schreyer

Haben Sie es nicht bedauert, für sich alleine zu sein?

Für mich waren Winterspiele immer mehr als das Wohnen im olympischen Dorf, in dem man Athleten aus anderen Ländern trifft. Mit den ganzen Sicherheitsvorkehrungen, die zu beachten sind, nutzt sich dieses Gefühl relativ schnell ab. Und im Wintersport ist es so, dass sich die Athleten untereinander sowieso ganz gut kennen.

Zur Siegerehrung nach Turin brauchten Sie damals mit dem Auto eineinhalb Stunden, bei den Winterspielen 2026 liegen die Wettkampforte noch viel weiter auseinander. Wie finden Sie das?

Natürlich wären kompakte Olympische Spiele wünschenswert. Aber ich habe als Sportler und TV-Experte von Salt Lake City 2002 bis Pyeongchang 2018 alles erlebt – und ich muss sagen: Am wichtigsten ist, dass es gute Bedingungen für tolle und faire Wettkämpfe gibt. Und von dieser Warte aus betrachtet ist es doch super, in Bormio eine tolle Weltcup-Abfahrt zu haben, auf welcher der Beste gewinnt, in Antholz eine total schöne Biathlon-Strecke und in Val die Fiemme beste Loipen. Dazu ist im Norden Italiens oft schönes Wetter, die Zuschauer werden in Massen kommen – aus sportlicher Sicht geht es kaum besser. Für mich als Athlet hat das immer mehr gezählt, als wenn ich in der Mensa einem Eishockey-Superstar aus der NHL über den Weg laufe.

Ist Ihnen das mal passiert?

An eine coole Sache kann ich mich tatsächlich erinnern.

Erzählen Sie.

In Salt Lake City war damals auch Prinz Albert von Monaco am Start . . .

. . . als Bobfahrer . . .

. . . und meine Biathlon-Kollegin Martina Glagow hat sich sehr für ihn interessiert. Sie wollte aber nicht einfach auf ihn zugehen und ihn um ein Foto bitten, also habe ich ihn angesprochen, am Ende war das Bild im Kasten. Aber so eine schöne Begebenheit ist dann doch eher die Ausnahme gewesen.

Wie wichtig ist es, dass olympische Sportstätten hinterher genutzt werden?

Sehr wichtig. Für diese Nachhaltigkeit nehme ich die Dezentralisierung gerne in Kauf. Erst recht, wenn die Olympischen Spiele in Regionen stattfinden, in denen Wintersport eine große Tradition hat.

Was erwarten Sie von Olympia 2026?

Ein Fest des Sports, das tolle Bilder produzieren wird. Vor Ort, aber auch für die TV-Zuschauer. Und ich hoffe auf große Erfolge des deutschen Teams.

Sie wissen genau, wie sich das anfühlt.

Ja – und ich werde es nie vergessen.

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