Vor der EKD-Synode Wo stehen die Kirchen?
Den christlichen Kirchen laufen die Mitglieder davon. Viele wandern zu den Freikirchen, um die ersehnte Spiritualität dort zu finden. Droht jetzt die endgültige Säkularisierung?, fragt Mirko Weber.
Den christlichen Kirchen laufen die Mitglieder davon. Viele wandern zu den Freikirchen, um die ersehnte Spiritualität dort zu finden. Droht jetzt die endgültige Säkularisierung?, fragt Mirko Weber.
Stuttgart - Auf Allerheiligen, Feiertag in Baden-Württemberg wie noch in vier anderen westdeutschen Bundesländern, folgt heute Allerseelen, ein Werktag. Inhaltlich geht es da nicht mehr um Entrücktes, nämlich die im Glauben Vollendeten der Kirche, sondern ums verstorbene Fußvolk, das in theologischer Lesart eben noch auf dem Weg ist zu Gott. Für diese Menschen bittet man, auf laubdurchwehten Friedhöfen und hinter dicken Mauern. Stille Tage. Auf der weltlichen Ebene ist am Wochenende zuvor die Uhr umgestellt worden. Ein Monat ist es noch bis zum ersten Advent – und im Prinzip wäre das jetzt die Zeit der Volkskirchen in Deutschland, zu deren evangelischer oder katholischer Variante immerhin noch die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung formal Zugang unterhält.
Dass dieser Zugang immer weniger genutzt wird, ist ein Grundproblem, das beide Kirchen fortwährend trifft. Reger Gemeindearbeit, ohne die in der Stadt und auf dem Land der stetig brüchiger werdende soziale Zusammenhalt noch schneller verloren ginge, stehen nach wie vor drastische Austrittszahlen gegenüber. An Ursachensuche der Institutionen fehlt es nicht: Die Kammer der EKD für weltweite Ökumene zum Beispiel hat unlängst eine umfangreiche Studie vorgelegt, die sich mit dem Erfolg der Pfingstkirchen beschäftigt. Sie stellen mittlerweile ein Viertel aller im Übrigen zahlenmäßig wachsenden Christen auf dem Globus. Von Südamerika und Afrika ausgehend, suchen die Menschen offensichtlich nach mehr Emotionalität und Spiritualität bei ihrer Leitung – und bekommen in diesem Fall beides. Dass sich bei den Pfingstkirchen auch mehr als zweifelhafte Wunderheiler und höchst problematische selbst ernannte religiöse Führer tummeln, lässt die fair abwägende Studie nicht unerwähnt.
Jenseits der Ökumene, innerhalb derer oft auf sehr engagierte Weise diskutiert wird, wie tradierte Formen aktualisiert und entwickelt werden könnten, müssen die Volkskirchen an ihrem jeweiligen Profil arbeiten. Sie dürfen dabei die theologisch Informierten nicht vernachlässigen und sollen gleichzeitig Offenheit demonstrieren, ohne aufgesetzt zu sein. Nicht jeder mag eine Band im Gottesdienst, aber manchmal ist eine Band – nur ein Beispiel von vielen – bereits die halbe Miete. Auf die neue Präses der Evangelischen Kirche, Anna-Nicole Heinrich, eine junge, undogmatische Frau, richten sich vor der Ende dieser Woche beginnenden EKD-Synode in Bremen denn auch einige Hoffnungen. Und Heinrich hat schon bekräftigt: „Ich spreche anders, ich trete anders auf.“ Dringend nötig ist das allemal.
Aufgekratzt, aber inhaltlich oft dubios, präsentiert sich seit Langem jetzt schon die katholische Kirche, deren Leitung auf dem Synodalen Weg unbedingte Reformbereitschaft demonstriert, in der Praxis jedoch auch gleich wieder hintertreiben lässt: Der kommissarische Kölner Bistumsleiter Rolf Steinhäuser installierte prompt einen führenden Kopf der (leider immer noch nicht beendeten) Ära Woelki als Verwaltungschef. Sieht so ein Neuanfang aus?
Gleichzeitig warnt der ehemalige Stuttgarter Bischof Walter Kasper aus Rom davor, viele Katholiken strebten demnächst einem „entchristlichten, konfessionslosem Niemandsland zu“, wie es innerhalb der katholischen Kirche in den Niederlanden entstanden ist, als sich dort die Debatten Ende der sechziger Jahre mit steilsten Thesen verselbstständigten, der Papst indes alle Reformwünsche strikt ablehnte. Heute sind die Niederlande eines der säkularsten Länder Europas. Aber so weit muss es in Deutschland ja nicht unbedingt kommen.