Zu einer Informationsveranstaltung für Erstwähler in der Remstalgemeinde Korb kommen Kandidaten aller Parteien – aber kein einziger Jugendlicher. Veranstalter und Bewerber ringen um Erklärungen für dieses Phänomen.
Korb - Die Tische sind mit Blümchen dekoriert, die Getränke stehen bereit. Nach und nach füllt sich die Begegnungsstätte der Seniorenwohnanlage in der Winnender Straße mit etwa 15 Gemeinderatskandidaten aus allen Parteien. Das Korber Rathaus und die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) haben zum Speed Dating geladen. Junge Wähler sollen dabei die Chance bekommen, die Bewerber in kurzen persönlichen Gesprächen kennenzulernen. Immerhin 500 junge Menschen in Korb dürfen zum ersten Mal ihre Stimme bei einer Kommunalwahl abgeben. Doch von ihnen ist an diesem Abend weit und breit nichts zu sehen, kein einziger findet den Weg in die Begegnungsstätte.
Der Schultes begrüßt – und verabschiedet gleich wieder
Deswegen begrüßt Bürgermeister Jochen Müller um kurz nach 19 Uhr die Kandidaten – und verabschiedet sie auch gleich wieder. „Als Bürgermeister versucht man meistens, alles positiv zu sehen. Vielleicht ist ja alles in Ordnung, und das Thema Jugend ist flächendeckend abgearbeitet“, sagt Müller etwas scherzhaft und beruft sich auf die Jugendforen, bei denen die Jugendlichen Gelegenheit hatten, ihre Wünsche zu äußern.
An der mangelnden Werbung für die Veranstaltung könne es nicht gelegen haben,glaubt Müller – über das Mitteilungsblatt, per Flyer, über die Internetplattform Facebook sowie direkt über den Jugendtreff, die Schulen, die Kirchen und die Vereine wurde das Speed Dating publik gemacht. „Und obwohl die Resonanz vom Jugendtreff kam, wir sind auf jeden Fall dabei, war unser Bemühen erfolglos“, sagt der Bürgermeister etwas ernüchtert.
Fabio Vatta von der LpB ruft ihn und die Kandidaten dazu auf, sich nicht entmutigen zu lassen. Er und sein Team haben im Rahmen der Kampagne „Wählen ab 16 – gib deinen Senf dazu“ dutzende Veranstaltungen für Erstwähler in Nordwürttemberg begleitet. Die Erfahrungen waren höchst unterschiedlich: „Mal waren drei Jugendliche da, mal 200. Das ist ein ständiges Auf und Ab. Aber es sollte auf jeden Fall nicht der Eindruck entstehen, dass die Jugendlichen total uninteressiert sind“, sagt er.
Allein kommt niemand
Wie eine Veranstaltung laufe, sei einfach nicht kalkulierbar. Nur eins, das hat Fabio Vatta mittlerweile festgestellt, ist oft der Schlüssel zum Erfolg: „Man muss die Alphatiere von Gruppen erwischen und ansprechen. Denn allein kommt niemand.“ Ob die Gemeinden groß oder klein sind, ob es einen aktiven Jugendgemeinderat gibt oder nicht; das alles spiele hingegen keine Rolle. „Wenn eine Begegnung stattfindet, dann sind die Jugendlichen oft überrascht, wie schnell die Politiker auf ihre Wünsche reagieren können“, sagt Vatta, der sehr gespannt ist, wie die Wahlbeteiligung ausfallen wird: „Die Gelegenheit ist da, ich hoffe, dass die Jugendlichen sie ergreifen.“
Die verpasste Gelegenheit, sich mit den Jungwählern zu unterhalten, bedauern die Korber Bewerber durch die Bank. „Dass sie keine Fragen haben, halte ich für unwahrscheinlich. Vielleicht müssten wir an die Orte gehen, an denen die Jugendlichen sind, und das Angebot damit noch niedrigschwelliger machen“, sagt Joachim Rieß, ein Gemeinderatskandidat der Grünen.
Tatsächlich war auch überlegt worden, das Speed Dating im Jugendtreff abzuhalten. „Aber das war einfach vom Platz her nicht machbar“, sagt Christoph Schulz von der Gemeindeverwaltung. Und ob es letztendlich genutzt hätte? Regina Hauser ist skeptisch. Ihre 17-jährige Tochter konnte sie auch nicht dazu bewegen, sie zu der Veranstaltung zu begleiten. „Die Idee ist schon gut. Aber die Jugendlichen beschäftigen sich noch nicht mit diesen Themen“, sagt die SPD-Kandidatin. Ähnliche Erfahrungen hat Dagmar Zuidland mit ihrem Sohn gemacht. „Politik ist für sie schwer zu greifen und ein Buch mit sieben Siegeln. Sie lassen sich nicht darauf ein. Dabei hätten sie heute eine gute Chance gehabt, einfach mal reinzuschnuppern“, sagt die Kandidatin der Freien Bürger.