Vor der Kommunalwahl Kandidaten, die auffallen

Demokratie: Das Wort haben am Sonntag die Bürger, sie sollten sich äußern. Foto: Müller/Adobe Stock

Mancherorts stehen auch echte Promis auf den Stimmzetteln. Was treibt sie in die Kommunalpolitik?

Stuttgart - Was war das für ein Medienspektakel, als Uwe Hück seine Kandidatur für den Gemeinderat in seiner Heimatstadt Pforzheim bekannt gab. Dabei ist der langjährige Porsche-Betriebsratschef keineswegs der einzige Promi, der sich in die Niederungen der Kommunalpolitik begeben möchte. Auch die Namen verdienter Bundespolitiker, erfolgreicher Manager, gefeierter Sportgrößen und zwei leibhaftiger Polizeipräsidenten werden am 26. Mai auf Stimmzetteln zu finden sein, wie ein Blick ins Land verrät.

 

Der Polizeichef

Wenn das Gesicht von Bernhard Rotzinger in den vergangenen Jahren in den Medien auftauchte, war das kein gutes Zeichen. Meistens war wieder etwas passiert: Der Sexualmord an einer Freiburger Studentin, kurz darauf die Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Joggerin in Endingen, zuletzt die Gruppenvergewaltigung im Umfeld eines Freiburger Clubs. Immer saß der Polizeipräsident auf dem Podium und versicherte, mit Hochdruck nach den Tätern zu fahnden. Das war kein leeres Versprechen.

In allen Fällen konnte Rotzinger später Festnahmen verkünden. Seit sechs Wochen ist der 62-Jährige in Pension. „Ich suche nach einer Anschlussverwendung“, sagte er. Die Freiburger CDU wusste Rat und setzte ihn auf Platz vier ihrer Gemeinderatsliste. Seit 46 Jahren ist er Parteimitglied. In einem Punkt weicht er von der Parteilinie allerdings ab. Bei der Polizeireform sei er weitgehend aufseiten des damaligen SPD-Innenministers Reinhold Gall und der Polizeiführung gewesen. Leider habe die CDU die Kritik an der Reform parteipolitisch instrumentalisiert.

Rotzinger ist nicht der einzige ausgediente Polizeipräsident, der zur Wahl steht. Sein eben verabschiedeter Ludwigsburger Kollege Frank Rebholz, der früher für die CDU im Kreistag saß, tritt nun in seiner Heimatstadt für die Grünen an, weil er Ökologie und Klimaschutz bei ihnen besser aufgehoben sieht.

Die Bundespolitikerin

Derweil wagt auch eine ehemalige Bundespolitikerin einen Neustart. Marion Caspers-Merk saß bis 2009 insgesamt 19 Jahre lang im Bundestag, dreimal holte sie für die SPD das Lörracher Direktmandat, von 2001 bis 2005 war sie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Zuletzt stand sie fünf Jahre lang der baden-württembergischen Toto-Lotto-Gesellschaft vor. Jetzt kandidiert sie für den Lörracher Kreistag. Für sie ist es ein Zurück zu den Wurzeln. „Ich komme ja von der kommunalen Ebene“, sagt die 64-Jährige, die einst im Gemeinderat von March bei Freiburg angefangen hat. Lörrach plant ein neues Kreisklinikum. „Das ist für mich interessant“, sagt sie.

Die Polit-Profis

Auch aktive Bundestagsabgeordnete wagen den Spagat zwischen Parlament und Gemeinderat. In Heilbronn kandidiert der örtliche CDU-Fraktionschef Alexander Throm erneut, in Mannheim stehen Nicolas Löbel und Egon Jüttner auf der CDU-Liste, also der aktuelle und der vorhergehende Bundestagsabgeordnete. Auch Landtagsmitglieder üben sich seit Jahren in der Doppelfunktion. Das bekannteste Beispiel ist Hans-Ulrich Rülke, der Chef der FDP-Landtagsfraktion, der auch den Pforzheimer Gemeinderat mit scharfer Zunge aufmischt. Dort trifft er auf den AfD-Kollegen Bernd Grimmer. Im Geislinger Gemeinderat sitzt der SPD-Landes-Generalsekretär Sascha Binder, in Heilbronn ist es die Grünen-Landtagsabgeordnete Susanne Bay. Die kommunale Basis gebe eine Richtschnur für das politische Handeln, sagt sie. „Da ist man unmittelbar bei den Menschen.“

Die geschasste Rathauschefin

Eine ehemalige Oberbürgermeisterin wagt einen Neustart. Vor zwei Jahren ist Sabine Becker in Überlingen abgewählt worden, jetzt will sie zumindest ihr Kreistagsmandat behalten. Bis 2014 war Becker CDU-Mitglied, bei der Listenaufstellung für den Kreistag kam es damals zum Zerwürfnis, und Becker kandidierte auf einer eigens gegründeten Bürgerliste. Jetzt gibt es schon wieder einen Wechsel. Die 53-Jährige ist Spitzenkandidatin der Grünen im westlichen Bodenseekreis.

Der Landtagsabgeordnete Martin Hahn, der ebenfalls für den Kreistag kandidiert, dürfte daran nicht ganz unschuldig sein. Er ist nicht nur ihr neuer Parteifreund, sondern seit zweieinhalb Jahren mit ihr verheiratet. Es gebe aber auch eine politische Annäherung. Sie stamme aus Köln. Die Grünen dort seien ein schräger Haufen gewesen. Beckers Weg führte in die CDU. Dann kam die alleinerziehende Mutter zweier Töchter nach Baden-Württemberg. „Ein solches Männernetzwerk wie hier habe ich in der CDU in Nordrhein-Westfalen nicht erlebt“, sagt sie.

Der Konzernmanager

Erfolgreiche Entscheider aus der Wirtschaft zieht es nach der Karriere nicht oft ins politische Kompromissgeschäft. In Friedrichshafen ist die Ausnahme zu besichtigen, dort kandidiert der 53-jährige Jürgen Holeksa auf der unabhängigen Liste „Netzwerk für Friedrichshafen“ für den Gemeinderat. Holeksa war lange Vorstand und Arbeitsdirektor beim Industriekonzern ZF. Er gab seinen Posten auf, weil der parteilose Oberbürgermeister Andreas Brand Ende 2017 den ZF-Chef Stefan Sommer hinausgeworfen hatte.

„Ich kann die damalige Entscheidung bis heute nicht verstehen“, sagt Jürgen Holeksa. Die Zentrierung der Stadtpolitik auf die Großbetriebe hält er für zu einseitig, er will eine „Gründerkultur etablieren“. Der Listengründer Philipp Fuhrmann, vor zwei Jahren Gegenkandidat von Brand, will zusammen mit Holeksa den „Sperrriegel der Vetterleswirtschaft aufbrechen“, den es im Gemeinderat gebe. Es sei „bestürzend, wie Geld hier die Kommunalpolitik beherrscht“. Zur Erinnerung: Die ZF gehört der Stadt, allein im letzten Jahr genehmigte sich das Rathaus eine Jahresdividende von knapp 200 Millionen Euro.

Der Plattenaufleger

Kulturtreibende zieht es häufiger in die Gremien. Dass Rainer Trübys Name auf Platz 45 der neu gegründeten Liste Urbanes Freiburg auftaucht, lässt dennoch aufhorchen. In seiner Jugend hat der gebürtige Stuttgarter den Seniorentanztee der Heslacher Arbeiterwohlfahrt mit Musik beschallt und mit Michi Beck von den Fantastischen Vier im Club On-U in der Theodor-Heuss-Straße aufgelegt. Dort soll er die vier Hip-Hopper auch auf die Idee für den Hit „Die da“ gebracht haben.

Dann ging Trüby zum Studieren nach Freiburg, wo er zum gefragten Nu-Jazz-DJ und erfolgreichen Musikproduzenten reifte. Politisch ist Urbanes Freiburg linksliberal orientiert, bei der Kandidatensuche wilderte man in den Revieren von Jungem Freiburg, Der Partei und den Grünen, wobei das besondere Augenmerk auf einer stärkeren Förderung des Kultur- und Nachtlebens liegt. Zuletzt mussten einige Clubs schließen – ein Thema auch für Trüby. „Freiburg entwickelt sich zu einem langweiligen Städtchen. Das wollen wir verhindern“, sagt der 47-Jährige.

Der Herr Generaldirektor

Die Gemeinderatskandidatur eines Museumsdirektors ist ebenfalls eher ungewöhnlich. Dass Alfried Wieczorek auf Platz 13 der Mannheimer CDU steht, ist auch nicht unumstritten. Würde der Generaldirektor der städtischen Museen gewählt, dürfte er als leitender städtischer Angestellter sein Amt nämlich gar nicht antreten. Es handle sich um einen „Taschenspielertrick“, eine „bewusste Täuschung der Wähler“, schimpfte die Grünen-Sprecherin Mareile große Beilage (so heißt sie wirklich) im „Mannheimer Morgen“. Allerdings: zum 31. Dezember 2020 geht Wieczorek in Pension. Wird dann ein Gemeinderatsplatz der CDU frei, könnte er nachrücken.

Der Alt-Hippie

Um Kultur geht es auch in Karlsruhe. Dort gibt es Kritik an dem Plan, die neuen unterirdischen Stadtbahnhaltestellen mit Keramiktafeln des Künstlers Markus Lüpertz auszustatten. „Banksy statt Lüpertz“ plakatiert nun die Satire-Ulk-Truppe Die Partei. Unklar ist, ob sie damit für Street-Art nach dem Vorbild des britischen Künstlers votiert oder ob sie die Keramiktafeln gleich schreddern will, so wie dies Banksy mit einer seiner Arbeiten bei einer Auktion machte.

Wie dem auch sei: Hinter dieser Kritik steht Jürgen Leppert, ein stadtbekannter Alt-Hippie. Der 80-Jährige ist in Karlsruhe nur als „der Dreher“ bekannt, weil er in früheren Jahren bei Konzerten und Festivals stundenlang vor der Bühne im Kreis herumtanzte. Dabei trug er bevorzugt einen weißen Ganzkörper-Overall. Jetzt kandidiert er auf Platz sieben der Partei. Angeführt wird die Liste vom amtierenden Stadtrat Max Braun. Der 25-Jährige macht es auf seinen Plakaten kurz und prägnant: „Aus Protest Braun wählen“, lautet sein Werbespruch.

Die Sportlegende

Dass er Wahlen gewinnen kann, hat Matthias Hoppe bereits bewiesen. Bei einer Abstimmung der Zeitung „Neckarquelle“ wurde der ehemalige Eishockey-Nationaltorhüter zu Saisonbeginn zur Jahrhundertlegende des Schwenninger Eishockeysports gekürt. 18 Jahre lang stand er beim SERC und den Wild Wings, wie der Verein heute heißt, zwischen den Pfosten. Jetzt will der 60-Jährige, der inzwischen eine Textildruckerei führt, für die Freien Wähler in den Gemeinderat von Villingen-Schwenningen.

Als Eishockey-Torwart brauche man Mannschaftsgeist, eine gewisse Verrücktheit und einen guten Überblick, sagt Matthias Hoppe. All dies schade auch in der Kommunalpolitik nicht. Die Freien Wähler haben also alles richtig gemacht. Vor allem waren sie schneller als die CDU, der sich Matthias Hoppe ebenfalls verbunden fühlt.

Fans dürften dennoch einen kleinen Schönheitsfehler registriert haben. Hoppe steht auf Listenplatz 24, dabei trug er als Spieler immer die 27. Seit seinem Rücktritt wird diese Rückennummer bei den Wild Wings nicht mehr vergeben.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Uwe Hück Kommunalwahl Wahl